Chirurgie


Schröpfkopf, frühe Neuzeit

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Da der Eingriff gefahrlos war, war die Bezahlung des einzelnen Aktes entsprechend niedrig - etwa ein fünftel des Adrlasses. Dennoch war Schröpfköpfe ansetzen, wegen der Häufigkeit, eine wichtige Einnahmequelle für den Bader! 

 

Wir wissen nicht, in welcher Form dieser Schröpfkopf benutzt wurde, der trocknen oder der nassen Variante. Selbst von der trockenen Art gab es mehrere Formen:

"Wenn man die grossen oder kleinen Schröpfköpfe ohne Schröpfen setzet, muß man sie, nachdem sie auf der Haut wohl befestiget, um die unreinen Feuchtigkeiten gleichsam abzuleiten, etwas hin und her ziehen, weswegen sie auch Ziehköpfe genennet werden" (Joh. Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Leipzig und Halle 1743 Band 35 S.1241).

Nota: unter "Ziehkopf" versteht man heute eher einen Kopf "der zieht", nicht, wie in dem obigen Text, einen Kopf "der gezogen wird" ...

 

 

Wo den Schröpfkopf ansetzen?

"vornehmlich bedienet man sich derselben bey dem Schlage, in der Lähmung und andern dergleichen Zufällen, und zwar auf verschiedene Manier, als bey dem Schlage setzet man sie auf die Schulter oder an das Rückgrat, wenn die Weiber mit Dünsten befallen, so setzet man sie auf die Fläche der Schenkel, und in der Lähmung, auf den Theil, der mit solchem Zufalle getroffen werden" (Joh. Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Leipzig und Halle 1743 Band 35 S.1238). 

 

 

Aussenseiter-Indikationen

In einer Ostschwäbischen Handschrift von 1518 lesen wir: "Von der läß der Köpff. Das lassen daz man thut mit köpffen außwenig an dem leibe das ist gut (..) für den stechen und permutter" (fol 96r-v) (Karin Schneider, Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München, 1984) - Seitenstechen und nicht näher beschriebene Erkrankungen der Gebärmutter als Hauptindikationen zum Ansetzen von Schröpfköpfen.

"Will man einem Frauenzimmer den Monatfuß stillen, so setze man ihr einen sehr grossen Laßkopf auf die Brüste" (Johannes Timmius, Hippocratis Aphorismi, Bremen 1744 S.336) – der Meister hatte wieder einmal toll beobachtet und ohne zu wissen, daß dieser Sog eine Oxytocin–Ausschüttung provoziert, die zu einer Kontraktion der Gebärmutter führt, hatte er einen billigen, aber wertvollen Rat erteilt.

"Wann sonsten geschrepft wird/ setzt man einen Loßkopf auff den blessirten Ort, womit das Gift ausgezogen wird/ folglich wird Theriack / zerstossener Knoblauch/ zuweilen auch Mithridat und Orvietan/ auf den verletzten Theil gelegt/ damit das Gifft dadurch etwas geschächt werde" (Germanus Adlerhold, Umständliche Beschreibung Des anjetzo Vom Krieg neu-bedrohten sonst herzlichen Königreich Neapolis, Nürnberg 1702 S.250).

 

Umfunktionieren der Schröpfköpfe

Im 17. Jahrhundert wurde diese Therapieform in die Hände der Bader (frz. baigneurs) und Feldscher (Lazarettärzte) gelegt. Diese benutzten nur das Verfahren des "blutigen" Schröpfens und differenzierten nicht ausreichend nach den entsprechenden Krankheitsbildern. Hierdurch kam dieses Verfahren durch falsche und übermäßige Anwendung langsam in Verruf. Dadurch konnten Schröpfköpfe nun andern Zwecken zugeführt werden. 

Der Nürnberger Fabrikant von Münzwaagen, Meister Paulus Deinert, benutzte ab 1758 als Punze die Buchstaben PD zusammen mit dem Loßkopf (Lass-Kopf) resp. Schröpfkopf - Schröpfkopf als Familien-Beiname.

Später wurden die Köpfe regelrecht "mißbraucht" – von ihrer Verwendung als Reliquienbehälter habe ich bereits gesprochen: "Auf den Fildern (Spitzkohl-Feldern) wurden die Schröpfköpfe von Generation zu Generation vererbt – und reichen Bauerntöchtern gern in die Aussteuer mitgegeben. Denn genutzt wurde der über dimensionale Fingerhut zum Abmessen der Filderkraut-Samen. In den kleinen Metallzylinder passen nämlich ziemlich genau 1000 Stück der kleinen Kugeln – was dem Landwirt beim Aussäen des wegen seines hohen Preises auch gern als „Filder-Kaviar“ bezeichneten Samens mehr als nur einen groben Überblick aufs Saatgut ermöglichte. So kam es zur Maßeinheit "Ventaus" … Die noch heute bekannte Größe mit einem Bodendurchmesser von 3,7 Zentimeter geht aufs Jahr 1806 zurück und fasst ein württembergisches Kubikzoll, also 22,12 Kubikzentimeter (Sascha Schmierer, Der Messbecher für den wertvollen „Filder-Kaviar“, Stuttgarter Nachrichten, Was isch au des, 20. Oktober 2015).

 Die Stuttgarter waren nicht die Einzigen, die Schröpfköpfe zum Abmessen benutzten: "Gute Bratwürste zu machen (..) auch nach Belieben/ eine Hand voll halbgesottenen Pfeffer und Majoran/ auch nach Belieben/ einen Laß-Kopff voll Coriander/ und hacke es ferner alles klein" (Fridericus Frisius, Der vornehmsten Künstler und Handwercker Ceremonial-Politica, Leipzig 1708 S.831).

 

Exponat

Im Mittelalter bestanden die Schröpfköpfe aus Metall, meist Messing. Vorgestellt wird ein Schröpfkopf (17. Jh.?) aus Messing (Durchmesser an der Basis 3,2cm. Größter Durchmesser 3,7 cm, Höhe 2,8 cm) aus dem süddeutschen Raum. In der Not hätte es auch ein bauchiges Trinkglas getan, ein Glas aber führte der Wandernchirurg nicht gerne mit sich, weil es unterwegs gar zu schnell zu Bruch ging. Auch der in seinem Bad hantierende Baderchirurg zog ein Gefäß aus Metall vor: lockerte sich beim blutigen Schröpfen der Becher nach einer Weile von der Haut, so konnte er zu Boden fallen.

Ritzungen auf der Außenseite stellen wahrscheinlich einen Menschen dar: 2 aneinanderliegende Beine, 2 auseinandergestreckte Arme und ein Hals (ohne Kopf). Kurioserweise findet man die gleichen Ritzungen, etwas krackeliger in der Ausführung, auf den Schröpfköpfen der "Heilerin von Tarrenz", wo einer der Schröpfköpfe ein Tier mit breitem Maul (Kuh?) darstellt als Indiz dafür, daß die Schröpfung auch in der Tierheilkunde eingesetzt wurde.

Herkunft: Weißenburg (zw. Nürnberg u. Augsburg).

 

Lit.:

http://ehebad.de/Badehaus.html

Birgit Tuchen, Öffentliche Badhäuser in Deutschland und der Schweiz im Mittelalter und der frühen Neuzeit (Petersberg 2003).