Amulette


Gebärmutter-Kröte

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um 1900

 

 

In der Volksmedizin gab es auch eine spezielle Therapie für "krötenbedingte" Frauenleiden: um das im Frauenleib herumwandelnde, wild um sich beißende Krötenwesen zu besänftigen, war es ratsam, dieses zu füttern. In Niederbayern legte man der Frau in bestimmten Fällen eine mit Schmalz gefüllte Nussschale auf den Nabel und ließ sie so lange dort liegen, bis das Fett aufgenommen wurde.

 

Auf solche Praktiken geht auch die alte Redensart "Die Bärmutter hat mich gebissen und will gfuttert werden" zurück.

 

Exponat

8.5 cm hohe Wachskröte mit ihrer Gießform. Aus der ehemaligen Wachszieherei Ebenböck in Pasing / München, um 1900.

„Blutrote Kröten wurden bei starken Blutungen geopfert“ (Ludwig Hopf, Die Anfänge der Anatomie bei den alten Kulturvölkern, Breslau 1904 S.64), sonst wurden eher weiße und eierschalenfarbene dargebracht.

 

 

„Die zahlreichen Votive an den Wänden rund um den Altar [von Maria Pötsch im Obermühlviertel] und besonders an dessen Rückseite führten einem so recht deutlich vor Augen, warum und aus welcher Lage der gläubige Mensch der Umgebung zum Wallfahrer nach Maria Pötsch wurde; seine ganze, bis dahinungestört durch äußere Einwirkung und in seinen ganzen Lebenskreis eingebettete Frömmigkeit hatte in den unzähligen Votiv- und Opfergegenständen ihre sachliche Prägung gefunden. Da gab es zum frommen Bestaunen während des Opferganges um den Altar die wächsernen Beine, Hände mit Unterarm, Köpfe, Herzen, Brüste, Kiefer und viele Augen; auch wächserne Kühe und Rösser und Schweine waren darunter, auch die Votivkröte, aber unter der Bezeichnung Krebs. Davon wurden bis zum Weltkrieg ziemlich viele aufgeopfert. Nur hohe Greisinnen haben noch davon Kenntnis und sie versichern, daß das Votiv gegen „gewisse Frauenleiden“ und den Krebs geopfert worden war. Es ist dem Schreiber bis jetzt nicht gelungen, eine zu finden, die erklärte, sie hätte selbst eine geopfert oder hätte von einer anderen Frau davon gehört“ (Heinrich Jungwirth, Der Obermühlviertler, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 1949 S.20).

 

P.S. Auch Männer besassen ein "Gebärmutter", ein Teil der Votivkröten könnte also von Männern geopfert worden sein, wenn sie unter "Bauchgrimmen" litten (Britta-Juliane Kruse, Die Arznei ist Goldes wer, 1999 S.45)

Amulette


Breverl

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Als "Breverl" (dtsch. Briefchen) wird ein zusammengefaltetes Blatt bezeichnet, auf das Heiligen- und Schluckbildchen geklebt sind. In der Mitte befindet sich ein Sammelsurium von magisch-religiösen Teilchen (zwei wächserne Agnus-Dei-Medaillen, Benediktusmedaille, Scheyrerkreuz, Sebastianspfeil, Nepomukszunge, Einsiedler Schabmadonna, Palmkätzchen, Samenkörner usw.) - eine Fundgrube für den Volkskundler. Die hier vorgestellte Teufelsgeissel (lux. Däiwelsgäissel, frz. fouet du diable) stammt vermutlich aus dem späten 18. Jahrhundert.

 

Hinter dem Bild des Scheyrer-Kreuzes versteckt sich ein Dreikönigs-Schluckbild gegen die Risiken einer Reise,

 

Hinter dem Bild des Hl.Anastasius verbirgt sich ein St. Agathen-Schluckbil gegen Feuersbrünste ...

Amulette


Brunzel-Stein

Kreta 2001     

 

Natürlich gelochte Steine haben immer wieder die Phantasie der Menschen angeregt. Lochsteine, deren Öffnungen im Neolithikum ausserordentliche Dimensionen erreichten sind mehrfach belegt. Die Öffnung war z.T. gross genug, um ein Kind hindurchreichen (Abstreifvorstellung).

Kleine Lochsteine findet man immer wieder als Amulette. Ihr Gebrauch reicht bis ins Paläolithikum zurück. Als Hexensteine, Trudensteine waren sie in der Neuzeit vor allem im Alpenraum häufig getragene Glücksbringer - natürlich durchlochte Steine galten als hervorragende Hausamulette, vor allem gegen Blitzschlag und gegen den TRUD.
Im altdeutschen Volksglauben ist der TRUD ein weibliches Wesen elbischen Geschlechts, das im Glauben der späteren Zeit zum Unhold und zum hexenartigen Nachtgeist herabsank, allerlei bösen Zauber trieb und namentlich als Alp oder Nachtmahr den Schläfer plagte. Durch den Drudenfuss und andere Mittel suchte man sich gegen seine Annäherung zu schützen...

"Die Wirkung des Trudensteines galt als apotropäisch gegenüber dem schädlichen Einfluss von Zauberinnen und Unholdinnen; er musste über ein Loch verfügen und möglichst klein sein" (*).

Der Lochstein kann als Musterbeispiel gelten für die Ambivalenz der Amulettformen. Nach einer ersten (prähistorischen) Phase, in der dem Lochstein ein sehr hoher Wert zugemessen wurde, sank sein Wert allmählich, als es den Menschen gelang, derartige Lochungen selber vorzunehmen. Als die Steine zu Gegenständen des alltäglichen Lebens wurden (als Gewicht im HängeWebstuhl, zum Beschweren der Fischernetze), verloren sie ihren magischen Charakter vollends. Erst mit der Erfindung einer neuen Form von Webstuhl (Rahmenwebstuhl) ohne Gewichte und mit der Verbreitung des Eisens, gewann der Lochstein seine Zauberkraft zurück.

"Im Volk haben solche Steine den Namen „Hühnergott“ bekommen. Vor langer Zeit hielt man Steine mit natürlich entstandenen Löchern für Talismane, die Hühner vor Behexung und böser Geister schützten, der Züchtung und der Fruchtbarkeit der Hühner beitrugen. Der „Hühnergott“ sollte die Hühner vor allem vor Domowoj und Kikimora schützen (böse Geister), die ihnen Federn ausrupfen. Manchmal konnte man statt des Steines auch eine Scherbe mit Loch oder einen Hals vom zerschlagenen Krug als Hühnergott benutzen. Ich weiß nicht, ob solche Talismane auch jetzt irgendwo in Dörfern benutzt werden, die Steine mit Löchern aber sind auch heute als Gegenstände bekannt, die magische Kraft besitzen und von Menschen als Glücksbringer wahrgenommen werden" (Oksana)
"Auch in Norddeutschland sind diese besonderen Steine weit verbreitet, meist sind es Feuersteine mit Kalkeinlagerungen, die mit der Zeit ausgewaschen werden. In früheren Zeiten wurden diese Steine gesammmelt und neben oder über der Haustür angebracht. Sie sollten dort böse Geister fernhalten.Auch heute ist es schön, an der Ostsee beim Strandspaziergang solche Steine zu finden. Manche haben so viele Löcher, daß die Steine fast wie ein Schwamm aussehen. Und als Talisman sind sie immer noch schön" (Doro, Internetforum).

Ein klein wenig erinnern die Brunzelsteine an folgende Therapie aus der 1696 erschienenen "Drecksapotheke"des Doktor Christian PAULLINUS: Paullinus erwähnt das bei Impotenz weit verbreitete Urinieren durch den Ehering und gibt an, daß Professor Möller zu Jena dergleichen Ringpissen für einen bloßen Aberglauben halte (Ausgabe 1714 S. 203, 212).

Der hier gezeigte Stein (Durchmesser um die 4 cm) stammt aus der kleinen Bucht von Agios Kyriakos an der Südküste Kretas, wo in der Antike das Städtchen Lis(s)os mit seinem Asklepiostempel (!) lag.

(*) Britta-Juliane Kruse, Die Arznei ist Goldes wert, mittelalterliche Frauenrezepte, 1999 S. 165.

 

Interne Links

UK: https://www.kugener.com/en/amulette-fr/65-artikel/2587-brunzel-stein-3.html

FR: https://www.kugener.com/fr/amulette-fr/65-artikel/2585-brunzel-stein-2.html

DE: https://www.kugener.com/de/amulette-en/65-artikel/993-brunzel-stein.html

Amulette


Esszettel aus Wies /Steinach

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Seit 1739 wird in Wies, einem Ortsteil von Steingaden / Oberbayern, ein "gefesselter Christus" verehrt. Für die Pilger gab es ein Esszettelchen, mit dem sie zu hause Krankheiten auskurieren konnten.

 

Exponat

3x4 cm großes "Gnadenbiltnuß", unter dem ein "Esszettel" hängt.

 

Amulette


Ex-Voto (2)

Votivbrust Athen
Täfelchen aus Athen, 1996 

 

Aus Athen stammt das hier vorgestellte Ex-Voto-täfelchen aus Messingblech, das einen weiblichen Torso zeigt und vermutlich bei Erkrankungen der Brust resp. des Brustkorbes "eingesetzt" wurde.

 

Kaufen kann man derartige Bleche (28.10.1996) im Devotionalienladen neben der grossen Markthalle - für 400 Drachmen in Weissblech; schweren Herzens entschloss sich der Schreiber dieser unwürdigen Zeilen für das offenbar wirkungsvollere da teuere (750 Drachmen) Exemplar in Kupferblech...

 

Unmittelbar neben dem Laden waren diese Amulette zu Hunderten in der Kirche "Maria in der Höhle" aufgehängt und zeugen von dem ungebrochenen Glauben der modernen orthodoxen Griechen an die Kraft des Heiligen Bildes...


Ein TAMA, d.h. ein Versprechen machen = ich gebe der Kirche etwas, da sie mir etwas gab!

 

Panayia-Chrysospiliotissa Kirche (Unsere Liebe Frau der Goldenen Höhle, ehemals Unsere Liebe Frau der Goldenen Burg). Hier stand früher eine alte Kirche mit einer Ikone der Muttergottes, die man auf der Akropolis gefunden hatte. Als man die Ikone zur Akropolis zurückbringen wollte, kehrte sie auf wunderbare Weise zur Kirche zurück. Daraufhin baute man ihr eine würdigere Behausung. In dem etwas ungewöhnlichen Kiosk bei der Kirche werden neben den üblichen Souvenirs auch geistliche Dinge wie Ikonen, Medaillons und Votivtafeln verkauft.

 

 

Interne Links

UK: https://www.kugener.com/en/amulette-fr/65-artikel/2603-ex-voto-7.html

FR: https://www.kugener.com/fr/amulette-fr/65-artikel/2601-ex-voto-4.html

DE: https://www.kugener.com/de/amulette-en/65-artikel/995-ex-voto-2.html

Amulette


Ex-Voto (3)

Täfelchen aus Innsbruck, 2004 

 

Im 16. und 17. Jahrhundert boomte die Verwendung von Amuletten gegen verschiedenste Krankheiten, zur Abwehr von Dämonen und zur Stärkung der körperlichen Verfassung. Ein BREVERLl (auch Breve, Breferl, Heiltumstäschchen) ist ein mit heiligen und magischen Sprüchen und Bildern versehener Faltzettel, der als Talisman, Schutzbrief und Heilmittel diente und bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitet war.„BREVERLN“ wurden in Behälter verschlossen gegen Krankheiten, Feuer und Unwetter. „Fraisenketten“ bestanden aus verschiedenen Talisman-Anhängern und wurden noch im 19. Jahrhundert kleinen Kindern umgehängt, um diese vor den „Fraisen“ (Fieberkrämpfen und Epilepsie) zu bewahren. Erkrankte ein Kind trotz des magischen Schutzes, kamen die Ärzte zum Zug.

 

 

Exponat

Von einem Innsbrucker Flohmarkt (2004) stammt dieses Amulett mit zwei Brüsten. Die vier Buchstaben V.F.G.A. entsprechen einer geläufigen Dankesfloskel: "Voto Fatto Grazia Avuta" resp. "Votum Fecit et Gratiam Accepit". "Votum Feci Gratium Accepti" d.h. "J'ai fais un voeu, j'ai obtenu grâce".

 

Vermutlich hängten fromme Frauen diese Ex-Voto's in Kapellen und Pilgerorten auf, um Heilung von einem Brustkrebs oder "schlimmen Brüsten" bei Milchstau zu erlangen.

 

 

Zum Thema Votif-Tafeln
userpage.fu-berlin.de/~ethnohis/heft.htm

Amulette


Ex-Voto (4) "Bauch"

Täfelchen aus Luxemburg, 2000

 

 

 

Konnte kein Arzt helfen, wandten sich fromme Christen früher an Heilige, deren Fürbitte Heilung oder Linderung erreichen sollte. Viele Heilige waren "Spezialisten", sei es gegen Schmerzen unter der Geburt, unspezifische Leibschmerzen etc.

 

Das hier vorgestellte Votivtäfelchen aus Silberblech war ein Dankesgeschenk an einen Heiligen, der von Bauchgrimmen befreit hatte. Um welchen Heiligen es sich handelte, bleibt unklar. Mehrere Heilige konkurrierten:

- Sankt AGAPITUS, der im 3. Jahrhundert lebte


- Sankt GERMANUS von Auxerre, der im 4. Jahrhundert lebte,


- Sankt BRICTIUS von Tours, der im 4. Jahrhundert lebte,


- Sankt WOLFGANG der im 10. Jahrhundert an der Domschule von Trier lehrte...


- Sankt ERASMUS der im 4. Jahrhundert lebte. Er hält auf Heiligenbildnissen eine Ankerwinde in Händen - er war ursprünglich Patron der Matrosen. Da in unsern Gegenden die Ankerwinde unbekannt war, wurde sie als Marterinstrument missverstanden, indem man sich ausmalte, wie der Heilige während der Diokletianischen Christen-verfolgung (!) durch Herausspulen der Gedärme den Tod fand. Folglich wurde er hierzulande zum Nothelfer bei Bauchschmerzen.
Man vermutet, dass Sankt ERASMUS zwischen 303 und 310 gestorben ist. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Die kirchliche Tradition geht jedoch davon aus, dass Erasmus als Märtyrer, also als Glaubenszeuge, während einer Christenverfolgung im Römischen Reich getötet wurde. Die Überlieferung nennt ihn als Bischof von Antiochien in Kleinasien, der heutigen Türkei. Er habe dort sehr viele Menschen zum Christentum bekehrt und so die Aufmerksamkeit des heidnischen Kaisers von Rom auf sich gezogen. Angeblich hat er eine Marterung mit brennendem Pech und Schwefel unversehrt überstanden, weil ihn ein Engel gerettet hat.

 

- Andernorts wird zu St. PANKRAZ gebetet, so in Stolzemburg an der Our in Luxemburg, wo er gegen "Abzehrung" und dicke Bäuche der Kinder angerufen wird. PANkraZ war, wie schon sein Name verriet, für Krankheiten der PANZ, des Leibes zuständig... In Wilfingen bei St. Blasien wallfahrte man am Festtag des Heiligen, dem 12. Mai, zu seiner Statue um Fürbitte zu erlangen gegen Kinderkrankheiten. Skurriler ist die Verehrung in Eschbach bei Waldshut, wo man kranke Kinder in Windeln packte, die man an der Statue des Heiligen gerieben hatte.
PANKRATIUS war um 290 in Phrygien zur Welt gekommen. Der Legende nach reiste der verwaiste Sohn eines reichen Römers im Jahr 303 mit seinem Onkel Dionys nach Rom. Mit seinem ererbten Vermögen half er dort den verfolgten Christen, besonders den um ihres Glaubens willen Gefangenen. Nach dem Tod des Onkels wurde 14jährige Pankratius im Jahr 304 in Rom vor den Kaiser geschleppt, wo er sich nicht vom Glauben abbringen liess, woraufhin er öffentlich enthauptet, sein Leichnam Hunden zum Fraß vorgeworfen wurde.
Kaiser Arnulf von Kärnten schrieb seine Eroberung von Rom am 12. Mai 896 der Fürbitte zu Pankratius zu, worauf die Verehrung des Heiligen v.a. in Mitteleuropa aufblühte.

 

 

Exponat

Vorgestellt wird ein im Jahr 2000 auf einem Luxemburger Flohmarkt erworbenes Silberblech-Votivtäfelchen.

Amulette


Ex-Voto (1)

Wickelkind  

 

Was den alten Römern recht war, war den Christen billig. Dieses Votivtäfelchen aus Silberblech stammt aus Italien: das feingearbeitete " Wickelkind " habe ich 1999 auf dem Flohmarkt an der Porta Potense in Rom erstanden; es dürfte aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts stammen.

 

Manche dieser italienischen Täfelchen tragen Buchstaben. So bedeutet die Gravur GR " gratia riceuta " d.h. empfangene Gnade.

- Wickelkinder aus Wachs wurden besonders in Zeiten hoher Kindersterblichkeit auf den Altar gelegt, um das Ungeborene oder den Säugling zu schützen.


- Das Wickelkindamulett konnte einem Neugeborenen Glück und ein langes Leben bescheren - bei der hohen perinatalen Mortalität in Italien auch heute noch eine sehr vernünftige Vorsichtsmassnahme der Eltern und Paten ...


- Meist aber hatte das Fatschenkind eine völlig andere Bedeutung: bei vergeblichem Kinderwunsch, bei Unfruchtbarkeit, aber auch gegen alle Geburtsschwierigkeiten wurden die Täfelchen dargebracht.

 

 

Neben dem christlichen Heiligenglauben spielt die magische Vorstellung eine Rolle, durch eine Gabe den Beschenkten (Gott) zu einer Rück-Gabe zu bewegen oder gar zu verpflichten.

Interne Links

UK: https://www.kugener.com/en/amulette-fr/65-artikel/2591-ex-voto-6.html

FR: https://www.kugener.com/fr/amulette-fr/65-artikel/2589-ex-voto-4.html

DE: https://www.kugener.com/de/amulette-en/65-artikel/994-ex-voto-1.html

Amulette


Fraisenkette

P1040017
 

 

Die Freis oder Frais, vom althochdeutschen freisa „Not, Gefahr", rep. vom mittelhochdeutschen vreise ,Angst, Wut oder Schrecken" ist - wie Fluss, Gicht und anderes - ein volksmedizinischer Sammelbegriff für Krankheiten, die sich in heftigen, furchterregenden Krampf-Anfällen äußern wie Epilepsie oder Kinderkrampf, wobei nach der vermeintlichen Ursache oder nach den äußeren Symptomen - ähnlich wie beim Fieber -eine primitive Systematik versucht wird: „Reißende, rote, abtötende, zitternde, kalte, fallende, abtrennende, spreizende, stille, schreiende, wütende, geschwollene und gestoßene Fraiß" unterscheidet ein Fraisbrief aus Oberösterreich.

 

"Froaselnde" Säuglinge verdrehten die Augen und bekamen krampfhafte Zuckungen. heftige Krampfanfälle und schwindelige Bewegungen, die denen einer Schlange ähneln. Im Volksmund heißt es "in Froas fallen". Heute sagt man dazu "Convulsionen".

 

Häufigkeit

Relativ viele Kinder starben füher unter dem Bild von Krämpfen. Hier die Zahlen der Stadt Luxemburg für das Jahr 1875:

- im 1. Quartal 11 von 72 Kindern (Luxemburger Wort, 6. Aprl 1875).

- im 2. Quartal 4 von 58 Kindern (Luxemburger Wort, 8. Juli 1875),

- im 3. Quartal 14 von 65 Kindern (Luxemburger Wort, 30. Oktober 1875),

- im 4. Quartal 9 von 41 Kindern (Luxemburger Wort, 8. Januar 1876).

1875 waren insgesamt 38 von 236 = 6,21% der Kinder an Krämpfen gestorben.

 

Exponat

Unsere Kette besteht aus 23 Amuletten, die auf einem rot eingefärbten (allerdings stark ausblassten) Hanffaden aufgezogen sind. Die ungerade Zahl 23 ist typisch für diese Art von Ketten. Ursprünglich war die Schnur in kräftigerem Rot gehalten, der Symbolfarbe für die Abwehr der Fallsucht.

- 2 Kreuze: ein längliches aus Perlmutt, ein rechteckiges aus Messing,

- 3 Röhren-Knochen,

- 2 Totenköpfe (Bein), Im Schweinhirn (Ohrknöchelchen) ist nach Mitteilung einer Bäuerin ein kleiner Knochen das „Schreckboanl“, es sieht fast aus wie ein Totenschädel, dieses unter den Kopfpolster gelegt, soll kleine Kinder vor dem nächtlichen Aufschrecken und vor Fraisen bewahren. Diesem Stein sind die kleinen Totenköpfe nachempfunden,

- 1 Totenkopf (Metall) als Memento-Mori. 

- 1 grüner Achat in einem "Silberdrahtkäfig" gefaßt,

- 1 Louis XVI-Sol-KupferMünze von 1785. Eigentlich erwartet man ein Heiligenild. Französische (und englische) Könige heilten Skropheln durch die "Königliche Berührung", den "toucher du Roy". Allein Louis XVI soll zwischen 1775 und 1795 an die 200.000 Kranke berührt haben, mit den Worten "Le Roi te touche, Dieu te guérisse" und ihnen ein Allmosen überreicht haben,

- 5 Natternwirbel. Im Lechrain bringt die „Atter“ alles mögliche Glück. Man kann sich mit ihrer Haut unsichtbar machen, namentlich die Zunge ist zauberkräftig (Leoprechting). Auch in Österreich spielen die „Hausadern“, die sich in Winkeln oder Kellern aufhalten, eine glückbringende Rolle. Sie erscheinen in zahlreichen Sagen, namentlich als gekrönte Natter und ihre abgelegte Haut besitzt heilende und zauberkräftige Wirkung (Vernaleken). Wahrscheinlich hat das zauberische Wesen, das man von alters her den Schlangen zuschrieb, sowie die Verehrung, die man ihnen zollte (Nehring), dazu beigetragen, dass man sie nicht nur volksmedizinisch, sondern auch ihre Wirbel als Amulett benutzte, gilt doch die Schlange als Hausbewohnerin schon als ein Unglück abwehrendes Mittel Grohmann, Jühling). Auch Rosenkränze werden von diesen Wirbeln gefertigt. Unter den verschiedenen Fraisbeten wird als besonders wirksam die aus den Wirbelknochen der Ringelnatter gebildete bezeichnet. Schmeller sagt (Bayerisches Wörterbuch 1, S.826): „Die Natter wird am Frauendreißigst* lebendig gefangen, in einem verschlossenen neuen Topf durch Hunger und Hitze getötet, und dann in einen Ameisenhaufen gelegt, damit durch diese Tierchen das Fleisch weggenagt wird. Eine solche „Beten“ unter den Kopf einer mit der Frais behafteten Person gelegt, hat heilsame rettende Kraft".

*Die Zeit zwischen dem "großen Frauentag" (Mariae Himmelfahrt am 15. August) und dem "kleinen Frauentag, (Mariae Geburt am 8. September).

- 1 Rosenquartz-Kristall (spitzer männlicher). Obwohl heutige Kristalle meist aus Übersee importiert Ware sind, kommt der Stein auch bei uns vor, insbesondere in der Oberlausitz. In der Volksmedizin drückte man einer Gebärenden einen Rosenquarz in die Hand. Bereits im Mittelalter wurde der Rosenquarz als Heilstein eingesetzt, da sich der rosafarbene Quarz positiv auf die Schlafqualität auswirken soll – wohl daher finden wir ihn hier in der am Bett des Säuglings angebrachten Fraisen-Kette …

- 2 ringförmig gebogene sog. Kreuz-Nägel. Eisen galt wegen seiner Stärke als Mittel gegen Zauber und seine magnetischen Eigenschaften umgaben das Metall mit einer geheimnisvollen Aura – der Nagel bringt Glück, aber nur, wenn man ihn zufällig findet,

- 1 Joseph mit Jesuskind, Zinnfigur. Joseph war Schutzpatron von Tirol, der Steiermark, Kärnten und Vorarlberg - was dem Verbreitungsgebiet der Amulette entspricht,

- 2 Obst (Zwetschgen?)-kerne,

- 1 grüne Glasperle (sog. Waldglas),

- 1 Wassernuß (Trapa natans), Spitzname Jesuitenmütze oder Teufelskopf. Auf Draht montierte Nuß, vermutlich Perle eines alten Rosenkranzes (cf. Klostermuseum Scheyern). Die Wassernuß wurde seit der Jungsteinzeit als Speise gesammelt. Die heute in Oberösterreich als ausgestorben geltende Art kam noch bis vor wenigen Jahrzehnten vor in Schlossteichen oder ähnlichen Gewässern, wie etwa in Hartkirchen unterhalb der Ruine Schaunburg (OÖ) oder im Teiche bei Schloss Neuhaus nächst Geinberg (OÖ) – die Nuss war einst Lieblingsspeise der Schwäne! Die nach Edelkastanien schmeckenden Samen wurden noch im 19. Jahrhundert wie Kartoffeln in Salzwasser gekocht, gebacken oder auch wie Kastanien geröstet. Geschätzt als Amulett, Sympathiemittel, als Heilmittel, Kaffee-Ersatz, zur Schweinemast (!) und als Mehl zum Brotbacken. (cf. Pharmaziemuseum Brixen. Es besitzt eine Fraisenkette, die ganz aus diesen Wassernüssen hergestellt wurde

 https://www.facebook.com/museofar/posts/1302216026527310:

 

https://volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/uploads/downloads/OeZV_Volltexte/ZOEV_1907.pdf

 

Erworben von einem privaten Sammler in Weilheim / Oberbayern (11/2017). Keine Angaben bzgl. Alter und exakte Provenienz.

Amulette


Gedungene Wallfahrer

 

Es gab eine ganze Reihe von Heiligen, die von frommen Christenmenschen bei Epilepsie angerufen wurden. So ist aus der Hocheifel und aus Flandern eine Dreiergruppe bezeugt, bestehend aus den Heiligen Cornelius, Aegidius und Lambert. Bei der viel besuchten Echternacher Springprozession am Pfingstdienstag, die seit dem 15. Jahrh. existiert, wird der hl. Willibrord, der 739 in Echternach im heutigen Luxemburg starb, vor allem als Helfer bei der Epilepsie verehrt. Die Willibrordusquellen und -brunnen, welche die Missionswege Willibrords säumten und eine rege Tauftätigkeit bezeugen, wurden vom Volk aufgesucht, um die Heilung von verschiedenen Nervenkrankheiten (Chorea, Ergotismus), besonders bei Kindern, zu erflehen.

Einer der vielen möglichen Ursprünge der Springprozession
Im 13. Jahrhundert wütete in der Gegend um Trier eine Veitstanz-Epidemie. In ihrer Not riefen die Menschen (angeblich) den heiligen Willibrord an, dessen Leib schon damals in Echternach begraben lag. Offenbar wurden die Bitten der Gläubigen erhört. Die Epidemie klang ab. Aus Dankbarkeit soll die Springprozession zur Grabstätte des Heiligen ins Leben gerufen worden sein. Willbrord gilt seither als Patron gegen Epilepsie, Zuckungen, Pest und gegen den Veitstanz. Beim Springen wird (angeblich) das krankhafte Fallen, Hauptsymptom der Epilepsie, nachgeahmt und die Fürsprache des Heiligen bei Gott angerufen, um sich vor der Krankheit (manchmal "Echternacher Krankheit" genannt) zu schützen, oder um andere, die von der Krankheit befallen sind, durch Gottes Gnade zu befreien. Also eine Anwendung des Prinzips "Similia similibus curare", eine Art Heiltanz.

Wer - infolge Lähmung, Epileptischer Anfälle, zu hohen Alters usw. - nicht selber zum Grabe des Heiligen wallfahren konnte, der konnte einst einen Berufspilger anheuern. Seit 1801 dürfen auch Frauen an der Echternacher SpringProzession teilnehmen - so sehen wir auf der Ansichtskarte von Bellwald (N°131, gestempelt am 22.2.1906; gleiches Bild schon auf der um 1897 entstandenen Karte N°367) eine gemischte Gruppe von Tänzern und Tänzerinnen "Danseurs loués", die gegen Bezahlung an der Springprozession teilnahmen.


"Viele Wallfahrer hat ein wegen Schüttellähmung oder Fallsucht gemachtes Gelübde hierher geführt. Sie springen eben nicht nur für sich, sondern auch für andere, für Angehörige oder Freunde. Wer zu alt oder zu krank war, bezahlte Echternacher Burschen, die "für 12 bis 20 Sous sprangen", häufig für mehrere Pilger und Pilgerinnen zugleich." [zit. Prof. Dr.med. Stefan Winkle, Über das epidemieartige Auftreten von Nachahmungssyndromen, Die Tanzwut - Echte und scheinbare Enzephalitiden, in: Hamburger Ärzteblatt (Hefte 6-9/2000)].

Im medizinischen Sektor erinnert heute nur noch das 1858 eröffnete Willibrord-Spital in Emmerich / Niederrhein an die Taten des Heiligen ...

Amulette


Geweihtes Oel

Oel aus der Ewigen Ampel von N.-D. du Laus (Hautes-Alpes) 

1664 erschien Maria einem jungen Mädchen in Laus in den französischen Alpen. Wunderheilungen folgten 1665 - Heilungen von Gelähmten, die zur Muttergottesstatue pilgerten. Dann aber brachte die Marienerscheinung ein völlig neues Element ins Spiel: das Lampenöl! Am 23.6.1666 heilte das Öl, das in der Ewigen Lampe brannte, ein zweijähriges Mädchen, das im Auge einen grossen Fleck hatte, seit es sechs Wochen zuvor von Pocken befallen worden war. Der Fleck behinderte das Sehen. Der Vater brachte Öl aus der Lampe nach Hause und salbte damit das Auge des Kindes – tags drauf kann die Kleine sehen. Die nächste Heilung erfolgte, nachdem eine Ursulinenschwester ein 7jähriges Mädchen gesalbt hatte, das einen Tumor oberhalb des Ohres mit sich trug und allmählich erblindete. Es folgten Heilungen von Ulcerationen am Gaumen (1677), Sehschwäche und Augenschmerzen (1684)

Der « magische » Einsatz von Öl blickt auf eine längere Tradition zurück :

  • Im Merovingerreich wurde Öl aus den Lampen, die an Heiligengräbern brannten, als Heilmittel benutzt (Martina Hartmann, Die Merowinger, Verlag Beck, 2012 S.109).
  • bekannt war im frühen Mittelalter das Öl aus Saint-Ménas, einem Ort in Nordägypten in der lybischen Wüste, 40 km von Alexandria entfernt, das ganz vom Kult der Reliquien des legendären hl. MENAS (3. Jh.) lebte (mehrere Basiliken, Hotels, Klöster, Bäder, Hospitäler) – ein „Lourdes der spätantiken Welt“. Das Lampenöl wurde in kleinen Gefässen aus Terra cotta abgefüllt und an zahlungskräftige Pilgerer verkauft. Ein Exemplar „ampoule à élogie en terre cuite, Inventar n° E 24445 » aus dem 6. Jh. befindet sich in den Sammlungen des Louvre
  • ähnliche Ampullen wurden in Palästina verkauft (mehrere Exemplare erhalten in Monza und Bobbin). Die christlichen Pilger brachten aus Palästina Lampenöl mit, das sie sich an „heiligen“ Orten (Gräber von Märtyrern etc.) besorgt hatten – sie trugen das Öl in Fläschchen, die sie am Halse trugen.
  • in Korsika wird mit dem Öl aus dem Heiligtum N.-Dame de Lavasina geheilt,
  • in den Alpes-Maritimes wird das Öl der Lampe von Laghet benutzt,
  • in den Hautes-Alpes, in dem Städtchen Embrun, in unmittelbarer Nähe zu Laus, brannte eine Öllampe am Grabe des hl. Marcellin – das Öl wurde von zahllosen Kranken benutzt für Heilungen.
  • im Kanada wird hl. Lampenöl in den Heiligtümern von Sainte-Anne de Beaupré und in Saint-Jean in Montreal benutzt

    Das Öl wird noch heute in Notre Dame du Laus [sprich: Lo] an die zahlreichen Besucher verkauft – « es kann helfen, wenn man den Glauben hat“. Der Lokale Klerus verwehrt sich energisch gegen den Verdacht des Aberglaubens: „Ce geste n’est pas un geste magique, c’est un geste proposé par Marie. L’huile est le signe de la présence agissante du corps eucharistique du Christ“ (Père René Combal).

    Vorgestellt werden zwei 8 cm hohe Plastikröhrchen, die ich im Sommer 2003 in Laus erstanden habe „allein mir fehlt der Glaube“.

    Andere Öle wurden von der Kirche geweiht, so die "Huile de Sainte Cathérine" in der Kirche von Forêt-Trooz in Belgien (siehe Guérisseurs d'hier et d'aujourd'hui, Musée en Piconrue 2003 S. 193), mit dem Hautkrankheiten und Schlangenbisse kuriert wurden (oder auch nicht...).

Amulette


Geweihtes Wasser

Wasser aus der "Wunderquelle" von Lourdes 

Wasser aus Lourdes. Das Fläschchen gehörte der Grossmutter eines Kollegen… Sie brachte es kurz nach dem 2. Weltkrieg mit nach Hause.