Chirurgie


Amputationskasten

Stodart
Stodart
Stodart
Stodart
Amputationskasten von Stodart, frühes 19. Jahrhundert 

Das Geschenk meiner Familie zu meinem 70ten!

 

Antike Schlachten wurden mittels Totschlag, Hieb-, Stich und Schnittverletzungen entschieden. Spätestens seit Einführung der Schießpulverwaffen im 14. Jahrhundert aber gehörten wüste Trümmer- und Zerreissungsverletzungen zum traurigen Bild auf den Schlachtfeldern - gehörte das Absetzen von Gliedmaßen zu den wichtigsten Eingriffen in der Kriegschirurgie.

Als OP-Tisch diente oft eine aus den Angeln gehobene Tür. Zwei Assistenten waren nötig, den Patienten zu fixieren – die Anaesthesie wurde erst 1847 erfunden. Operationssaal war oft "Mutter Natur", weil es vor dem Hause hell und belüftet war … Neben dem Tisch brannte ein Feuer, in dem der Kauter glühte!

Kasten (Mahagoniholz) mit rotem Stoff (seltener blau) ausgeschlagen. Messingbeschläge.

Hersteller: Fa. Stodart, ein Familienunternehmen zur Herstellung von Rasierklingen und chirurgischen Instrumenten, das 1787 von James Stodart (1760-1823) begründet wurde und 1839 ein letztes Mal nachweisbar ist mit seinem Sohn David Stodart (1779-1840) (cit. Bennion). Sitz der Firma 401 The Strand in London. Interessant ist die Zusammenarbeit von Michael Faraday (1791-1867) in der Zeit von 1818 bis 1822 mit James Stod(d)art bei der Verbesserung der Stahlqualität. Indem sie Silber beimischten, erzeugten sie einen bruchsicheren Stahl.

Lit.: James Stodart and Michael Faraday, On the Alloys of Steel, Philosophical Transactions, 112(1822).

Nach Paul und John-Henry Savigny war er der führende Hersteller von Instrumenten im UK.

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Kommt der Chirurg zum Messerschmied und stellt sich seinen Kasten zusammen, nach seinem Geschmack, seinen Vorlieben. Man bespricht die Anordnung der Instrumente in dem künftigen Kasten, ein Vertrag wird unterschrieben, der Chirurg kommt nach 4 Wochen zurück, zahlt und macht sich auf die Reise …

So kommt es, dass keine zwei Kästen wirklich identisch sind.

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In unserm Kasten, einer Kombination von Amputation- und Trepanation-kasten, finden wir den klassischen Inhalt - im Gegensatz zu den "Grossen Kästen", die sich eher an Bord von Kriegsschiffen befanden, finden wir keine Instrumente zur zahn- und augenärztlichen Versorgung :

1.     Kugelzange "bullet extractor" zum Fassen von Fremdkörpern in der Tiefe der (mit blossem Finger ausgetasteten) Wunde. Konnte die (runde) Musketenkugel (die spitze Minié-Kugel wurde erst nach 1840 erfunden) nicht gefunden werden, wurde amputiert. Die Kugel galt als hochinfektiöser Fremdkörper, der unweigerlich zur tödlichen Infektion geführt hätte. Die Kugeln wurden früher mit Schmalz oder Bienenwachs eingerieben, im irrigen Glauben, dass dadurch die Zielgenauigkeit grösser würde. Daraus resultierte eine Verunreinigung der Wunde durch die Schmauchspur. Nur die Amputation gewährleitete die wirkliche Reinigung der Wunde. Auch Knochensplitter und Kleiderfetzen mussten aus der Wunde herausgezogen werden, da Schusswunden nicht ausreichend bluten, um eine Wunde zu reinigen

(http://www.youtube.com/watch?v=9MXeyXCA6SQ).

2.     Tourniquet (Ergänzung) – im Prinzip 1674 eingeführt. Ein gezielter Fingerdruck auf die Hauptgefässe leistete den gleichen Dienst und führte vermutlich zu weniger Nervenschäden …

3.     Messer mit einseitiger Schneide "Liston knife", besonders bei der "zirkulären" Methode angewandt (Ergänzung). Die ersten Messer waren halbmondfürmig, nachdem Liston und Syme um 1825 gerade Messer bevorzugten, wurden sie zunehmend gerade.

4.     Messer mit doppelseitiger Schneide ("catlin"), wurden im Raum zwischen zwei Knochen und bei der "flap"-Methode eingesetzt. (Ergänzung). Durchschnittliche Länge dieser Messer 6-8 inches.

5.     Grosse Säge, "Capital-Säge"

6.     Kleine Säge "Metakarpal-Säge"

7.     Tenaculum, ein Haken, mit dem die grossen Gefässe zwecks Ligatur vorgezogen wurden, auch als Wundhaken benutzt.

8.     Zwirnrolle.

9.     Rongeur zum entschärfen der Knochenränder (Ergänzung)

10.  Skalpell

11.  Trephine (2), Griff getrennt

12.  Hebel mit Holzgriff (Knochenheber?)

13.  Bürste "bone-brush", zum Entfernen von Knochenstaub.

14.  Langer Metallkatheter

15.  Pinzetten (2): eine breite, eine Spitze.

16.  Troicars (2) zum Drainieren von Abszessen

Nicht vorgesehen war ein Knochensäge nach William Hey (1736-1819). Ebenfalls nicht vorgesehen waren Klemmen - die von Péan wurde erst 1862, die von Kocher erst Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Es finden sich keine Verbrennungsspuren an den Instrumenten: unser Chirurg benutzte seine Eisen kalt. Andere zogen vor, ihre Messer und Sägen zur Rotglut zu bringen, nicht um sie zu sterilisieren (diesen Begriff gab es damals nicht), sondern um eine schnelle Blutstillung aus kleinen Gefässen zu erreichen.