Paediatrie


Keuchhusten

Ansichtskarte 1930 

Am 2. August 1930 schrieb ein Bekannter an Pierre Krein in Ulflingen :
«Cher monsieur Krein. Nous ne pourrons pas donner suite à nos projets d’aller vous voir mardi prochain, nous sommes bloqués à Luxembourg par notre fille qui a la coqueluche qu’elle a sans doute ramenée de Blankenberghe. Nous sommes bien embêtés et nous regrettons beaucoup. Peut-être vous verrons nous à un de vos passages à Luxembourg».

… ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für diese Kinderkrankheit :
«Meist herrscht der Keuchhusten in Epidemien, die am häufigsten am Ende des Winters und im ersten Frühjahr, etwas seltener im Herbst und Winter, am seltesten im Sommer auftreten» (Meyers Konversationslexikon 1909 Bd.X S. 871).
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Keuchhusten (lat. pertussis, frz. coqueluche, lux. «bloën Houscht») ist eine schwere bakterielle Infektionskrankheit der Atemwege. Charakteristisch ist das laute, keuchende Geräusch, das nach den Hustenanfällen auftritt und durch besonders tiefes Atemholen entsteht. Bei Kindern unter sechs Monaten kann es zu plötzlichen, lebensbedrohlichen Atemstillständen kommen - daher der Rat, sehr kleine Kinder stationär aufzunehmen ...

"Redingen, 15. Okt. Seit zwei bis drei Monaten herrscht hier unter den Kindern eine bösartige, mehr oder weniger ansteckende Halskrankheit, der sog. Stickhusten, auch blauer Husten genannt. Man hat hier 2-3 Sterbefälle solcher Art verzeichnet. Die Krankheit scheint jedoch jetzt abzunehmen" (Obermoselzeitung vom 16.10.1891).
"Kanton Redingen: Keuchhusten wurde in 4 Ortschaften festgestellt. 1 Kind im Alter von 22 Monaten erlag der Krankheit infolge von Komplikation mit kapillarer Bronchitis" (Rapport sur la situation sanitaire 1917, in: Memorial n°73 vom 17.11.1918).

Vorbeugend gibt es eine (sehr umstrittene) Impfung seit 1945 .. Therapeutisch werden heutzutage Antibiotika eingesetzt, vor allem das Erythromycin. Sie verkürzen die Erkrankung, wenn sie früh eingesetzt werden. Was aber taten die Leute, als es noch keine Antibiotika gab ?

«Gegen die Hustenattacken gibt es auch heute praktisch kein Mittel. Bei Hustenanfällen richte man das Kind auf, unterstütze den Kopf und entferne den zähen Schleim aus dem Munde. Günstig und oft überraschend schnell wirkt ein Ortswechsel, namentlich ist der Aufenthalt auf dem Lande in sonniger, trockener Lage zu empfehlen» (Meyers Konversationslexikon 1909 Bd.X S. 871). Neben allen erdenklichen Tränken und Mixturen (Schneckensirup, Eichelkaffee, mit Milch gekochtem Seehundfett ) wurde die Ortsveränderung angeraten: das kranke Kind wurde aus seiner bisherigen Krankenstube in ein anderes Zimmer, am liebsten der oberen Etage, gebracht. Dabei war nicht die Verbesserung der Luft ausschlaggebend, sondern die Änderung. Manchmal wurde der Aufenthalt in einer Windmühle empfohlen. Französische Kinder wurden im Winter an die Riviera geschickt, im Frühjahr und Frühsommer nach Arcachon in die waldigen Höhenlagen.

Behandlung in Klimakammern
Oft leisteten Klimakammern gute Erfolge, indem sie "Ferien in den Bergen" vortäuschten: um 1960 wurden die Kinder in Unterdruckkammern gesteckt, so in Münster i. Westphalen, wo eine Privatpraxis sich auf diese Behandlung spezialisiert hatte und der Warteraum nur so von hustenden Kindern wimmelte. Unterdruckkammern, vergleichbar einem Höhenflug im Flugzeug oder einer Gondelfahrt in die hohen Berge der Alpen, leisteten oft erstaunlich gute Dienste. Auch das Staatsbad Mondorf / Luxemburg besass eine Unterdruckkammer, wo Kinder mit Keuchhusten hingebracht wurden. Mit dem Neubau des Bades in den 80iger Jahren verschwand die Kammer ...

Behandlung in der Brauerei
Im Sudhaus der Brauereien setzt die Gärung grosse Mengen von CO2 frei. In den Räumen, in denen die offenen Gärbottiche stehen – heute nur noch selten anzutreffen – entsteht eine hohe Kohlendioxidkonzentration: diese ist normalerweise der Gesundheit nicht sehr zuträglich. Kinder aber, die an Keuchhusten litten, wurden (und werden auch heute noch, wenn auch selten) 1 bis 2 Stunden lang über die Bottiche "gehängt", um das Gas einzuatmen. Die sauerstoffarme Luft half.
"Im Jahre 1953 entstand ein Gärkeller mit rostfreien Stahlbottichen. Hier sollten wir als Kinder jeweils vom Keuchhusten befreit werden" (zit.: http://www.appenzellerbier.ch/fileadmin/webmaster_ img/downloads/100jahre.pdf).
Auch in der Brauerei Bofferding (jetzt Brasserie Nationale) in Niederkerschen / Luxemburg verbrachten die kleinen Patienten Stunden im Keller. Nicht aus hygienischen Gründen (Bier ist nicht anfällig für pathogene Keime) sondern infolge einer veränderten Produktionsweise endete diese Form der Kur in der Brauerei: im Dezember 1990 wurden die Installationen rundumerneuert, wurde der Betrieb umgestellt auf ein modernes, "geschlossenes System" bei dem kein CO2 mehr freigesetzt wird (persönl. Mitteilung Herr Peter Wagner, Leiter der Produktionsabteilung).
Nur in Kleinbrauereien wird heute noch hie und da (im Ausland) mit dem "offenen System" gearbeitet, wäre man demzufolge noch gerüstet für "hustende Kinder" ...

Behandlung im Gaswerk
Nicht überall standen Unterdruckkammern oder Gondeln in luftige Höhe zur Verfügung. Not macht bekanntlich erfinderisch. So gab es bald skurrile Ausartungen der "Veränderung", zum Beispiel den Aufenthalt in der sauerstoffarmen Luft der Gaswerke. Schon 1864 wurden in Frankreich Kinder im Gaswerk von Saint-Mandé den Gasen des Werkes ausgesetzt, und wurden Therapieerfolge gemeldet. Man erhoffte sich eine Besserung durch die Einatmung von Ammoniakdämpfen, die bei der Verkokung von Kohle entstehen. Die luxemburger Tagespresse berichtete 1865 von diesem "Ereignis":
"A Paris, un ouvrier gazier garda auprès de lui son enfant, atteint de coqueluche, à coté dun épurateur à gaz qu'il était chargé de renouveler. Ce petit enfant, après avoir passé quelques instants dans cette atmosphère chargée de vapeurs ammoniacales sulfhydratées, d'acide carbonique et de matières volatiles très complexes, résultant de la distillation de la houille, se trouva radicalement et presque instantanément guéri. Ce fait inspira au directeur la pensée d'essayer l'action que l'aspiration des gaz répandus dans l'atmosphère des épurateurs exercerait sur d'autres petits patients. Le succès répondit à ces vues charitables; il répéta, comme nous l'avons dit, l'expérience sur des centaines d'enfants, et toujours avec le même bonheur, sans qu'il y ait presque jamais été nécessaire de renouveler l'opération. Nous croyons qu'on ne peut, dans l'intérêt de l'humanité, donner trop de publicité à une pareille découverte" (Luxemburger Wort vom 10.11.1865).

Im Gaswerk Schlieren bei Zürich durften zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Keuchhusten erkrankte Kinder mit Sand aus der Gasreinigungsanlage spielen und in Chur hielten sich Kinder ein bis zwei Stunden in der Nähe von Kokshaufen auf.
"Kein Wunder, dass die geplagten Mütter auf alle möglichen Therapieangebote eingingen, wie eben: Stundenlanges Spielen in der Nähe der ausglühenden Kokshaufen oder dem Sand mit dem letzten Ausstoss von Gasen. Offensichtlich erfuhren die meisten dieser «Gaswerkkinder» eine Linderung, wenn auch nur von kurzer Dauer. Wie eine solche zustande kam, konnte niemand erklären. War es die Einwirkung der Ammoniak- gase auf die Bronchialschleimhäute, war es die Wirkung des CO auf die Erneuerung der Ec, oder war es irgendein Impuls zur Immunisierung? Hauptsache, die Kinder und die Mütter konnten wieder einige Nächte durchschlafen" .

Auch im schweizer Gaswerk Flawil wurde diese Behandlung vollzogen:
"Aus verschiedenen mündlichen Überlieferungen, jedoch nicht aus den Geschäftsberichten, ist die Gaswerk-Dienstleitung als Heilinstitution bekannt. Die Gasmeister stellten bei Bedarf frischen Koks für Therapiezwecke zur Verfügung. Vor allem Kinder mit Keuchhusten mussten entweder am Rande der Kokshaufen sitzend schwefel- und ammoniakhaltige Luft einatmen oder durften auf den Kokshaufen spielen. Welche Wirkstoffe oder Wirkungsketten mit im Spiel waren ist zur Zeit leider noch nicht klar. Dieses Angebot wurde erst in den späten 1960er-Jahren eingestellt" .

Auch in Augsburg war diese Behandlung bekannt:
"Da das vom Ofen erzeugte Gas auch sehr schwefelhaltig war, hat man ein Reinigergebäude gebaut, in dem das Gas durch eine Reinigermasse (Rasenerz) strömen mußte, welches das Schwefel aufgenommen hat. Früher hatten manche Leute vermutet, das die Reinigermasse gut für Kinder ist, die schweren Keuchhusten hatten. In manchen anderen Gaswerken war es angeblich für die Kinder möglich in der "verbrauchten" Reinigermasse zu spielen. Dies soll bei ihnen zur Linderung ihrer Beschwerden geführt haben"

Warendorf im Münsterland war keine Ausnahme:
"Es war vielen Müttern bekannt, dass die Luft in der Gasanstalt zur Gesundung ihrer an Keuchhusten erkrankten Kinder beitragen konnte. Mehrere Male hielten sie sich mit dem erkrankten Kind vor den großen Öfen auf. Ob die Wärme oder die Zusammensetzung der Luft die Besserung brachte, weiß man nicht. Das Vertrauen in diese Heilmethode war groß.".

Selbst in Algerien war die Methode bekannt. Hier inhalierten die Kinder das Gas direkt aus den Tanks:
"Je me souviens d'une époque où maman m'amenait tous les matins à l'usine à gaz de la ville. Elle se trouvait au Faubourg Perrin plus loin que l'école Marceau où j'allais à l'école primaire. Je me revois monter sur une échelle pour atteindre une grande surface circulaire. Je me trouvais au-dessus d'une énorme cuve cylindrique. Un ouvrier ôtait un bouchon et pendant quelques minutes, accroupie à genoux je mettais mon nez dans l'orifice pour respirer ce gaz. J'avais la coqueluche et tous les enfants qui avaient cette maladie presque en même temps faisaient de même".

In Luxemburg brachte man hustende Kinder noch nach dem 2. Weltkrieg ins Hollerich'er Gaswerk (von 1899-1968 in Dienst) ... (persönl. Mitteilung Hr. Nico Mousel/11 r. Ch. Arendt / Luxemburg).

Die Methode war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts umstritten. So meinte das "Larousse médical" 1925: "Quant au séjour dans les usines à gaz, autrefois en honneur, il ne repose sur aucune base scientifique sérieuse".

Keuchhustenflüge
Seit langer Zeit war gewusst, dass ein Aufenthalt in den Bergen besonders hilfreich war - oft war die Höhenluft von Davos, oder ein Aufenthalt auf dem Säntis oder dem Jungfraujoch ein wahrer Segen! Es stellte sich bald heraus, dass nicht die Klimaänderung für die Besserung verantwortlich war, sondern der Unterschied im atmosphärischen Druck; je schneller dieser änderte, umso besser! Kinder wurden daraufhin in Seilbahnkabinen gesteckt und möglichst schnell in grosse Höhe gebracht und vice versa.
1939 berichteten zwei deutsche Forscher von Erfolgen mit einer perfektionierten Technik: sie beschrieben die Ergebnisse der Wirkung von Höhenflügen auf die Höhe von 3000–3500 m auf den Verlauf des Keuchhustens bei 136 Kranken in verschiedenen Lebensaltern. In 82,4% der Fälle trat innerhalb der ersten 5 Tage nach dem Flug eine erhebliche Besserung ein, bei 46,3% waren 8 Tage nach dem Flug die Anfälle vollständig verschwunden. Nur bei 11 Kranken besserte sich nichts. Die Flüge waren ein Teil der von dem Sanitätsamt des NS.-Fliegerkorps unternommenen Versuche. Die Durchführung der Flüge wurde entscheidend unterstützt durch die Gruppe IV des NSFK. sowie durch die Hansa-Flugdienst G.m.b.H.

In Österreich kam die Methode nach Kriegsende an. Der Amerikaner Captain James Hayes flog mit an Keuchhusten erkrankten Linzer Kindern Höhenflüge und verunglückte 1954 mit seinem Co-Piloten bei einem Wetterflug tödlich. Im Sommer 1955 begann die Salzburger Rettungsflugwacht mit Keuchhustenflügen über Salzburg … Keuchhustenflüge sind eine besonders schonende Therapieform bei der Behandlung von Pertussis (Keuchhusten). Mit erfahrenen Berufspiloten steigen Sie innerhalb kurzer Zeit auf große Höhe (über 3.000 m).
 Durch den geringeren Luftdruck in dieser Höhe erweitern sich die Bronchial- und Lungengefäße und führen zu einem leichteren Abhusten des Schleimes. Besonders aber durch rasche Luftdruckunterschiede beim Flug ohne Druckkabine kann der Husten nachhaltig behandelt werden.
«Der Pilot eines Kleinflugzeuges stürzte aus ca. 4000 Meter im Sturzflug auf knapp 2000 Meter hinunter. Dort wurde heftig der Steuerknüppel gegengezogen. Die daraus resultierende Kraft beförderte, neben Mageninhalt, sämtlicher Schleim aus den Bronchien».

Noch 1967 verordnete man Keuchhusten-Flüge ab Flughafen Stuttgart. Kleine Flughäfen wie Jesenwall bei München, Marburg oder Leer in Ostfriesland werben noch heute mit Keuchhustenflügen; auf Sylt bietet der Arzt und Pilot Dr. Jochen Geyer, auf dem Flughafen Wahn Odilo Hahnhäuser mit seiner „Piper Stinson" Keuchhustenflüge an. Von dem Flughafen Findel in Luxemburg starteten noch in den 80er Jahren "Vols coqueluche" ... Für die Fluglotsen bedeuten diese Sonderflüge insofern eine besondere Herausforderung, als der Luftraum besonders weiträumig abgesichert werden muss, da die Flüge deutlich höher in den Luftraum hinein reichen als übliche Flüge mit kleinen Privatmaschinen - Flugbahnen müssen bis in Höhen von 3.500 MüM freigehalten werden …

Eine bessernde Wirkung ist oftmals sofort, spätestens aber nach 4 - 6 Tagen zu verspüren. Viele schwören auf die positive Wirkung dieser Höhenflügen und manche Krankenkassen übernehmen sogar die Kosten. Höhenflüge können die Krankheit zwar nicht heilen, aber den schweren krampfartigen Husten oft sehr stark lindern.

Alternative : wohl werden auch die Keuchhusten-Patienten des französischen Arztes Dr. Max Richou "unter Druck" resp. Unterdruck gesetzt. Richou greift also auf die bewährte Idee zurück, Keuchhusten durch "Höhenflüge" zu behandeln, allerdings tut er dies mit einem beträchtlichen Unterschied: er veranstaltet Keuchhustenkuren in 4000 Meter Höhe zu ebener Erde. Er schickt seine Patienten jedoch nicht in die Luft, sondern in die Höhendruckkammer - 70 Prozent Erfolg verzeichnet Richou mit seinem Verfahren. Er will es durch weitere Forschungen noch verbessern und dann die Höhendruckkammer auch gegen Asthma einsetzen. Glaubt man den Franzosen, so sind sie die Erfinder der Methode:
"Le « vol de coqueluche » ou « méthode strasbourgeoise » a été inventé dans la première moitié du XXe siècle par le Docteur W. Matter (Aéro-Club d’Alsace) pour soigner la coqueluche". In der Tat arbeitete MATTER mit einer 90x90x200 cm grossen Unterdruckkammer, die heute ehrfurchtsvoll im Depot der AMUSS aufbewahrt wird .

Lit. :
- Friedrich Pflug, Hildegard Jungheim, Über die Beeinflussung des Keuchhustens durch Höhenflüge, in : Journal of Molecular Medicine, Volume 18, Number 37, September 1939.
- Flammer R. Gaswerktherapie und Schneckensirup gegen Keuchhusten, in: Schweiz Ärztezeitung. 2006; 87(42):1808.