Chirurgie


Schnepper (4)

um 1920 

 

Der Aderlass war alles andere als ein banaler, harmloser Eingriff; es kam, wenn auch selten, zu Verletzungen von Sehnen und Nerven, es gab Venenentzündungen mit anschliessender Thrombose, ja Embolie und Sepsis.

 

Nach Auswertung zahlreicher Krankheitsgeschichten konnte der französische Arzt Pierre Charles Alexandre LOUIS (1787–1872), Begründer der klinischen Statistik, nachweisen, dass der Aderlass nutzlos und teilweise sogar schädlich ist. Kaum einer hörte auf ihn.

 

Schröpfschnepper aus dem 19. Jahrhundert - aus dem Besitz des Diekircher Praktikers Dr. Paul HETTO (1895 - 1979) - ein noch im 20. Jahrhundert gängiges Schneppermodell mit 8 Messern: oben der Hebel zum Spannen und der Drehknopf für die Schnitttiefenverstellung, vorne der Auslöser.

Chirurgie


Schnepper (5)

 

 

     Schröpfeisen (Schröpfschnäpper, Scarificator), das zum Schröpfen dienende, in Deutschland erfundene Instrument, um mit einem Male mehrere kleine oberflächliche Einschnitte in die Haut zu machen, auf welche dann der Schröpfkopf gesetzt wird. Das S. besteht aus einer Kapsel von Stahl, an deren unterer Fläche sich so viele längliche Öffnungen befinden als kleine Lanzetten (4–12-20) im Innern der Kapsel verborgen sind. Diese sind auf zwei od. drei Wellen befestigt, mittelst welcher sie eine viertelkreisförmige Bewegung aus den Öffnungen heraus machen können. Diese Wellen werden, wie bei einem Flintenschlosse der Hahn, durch ein Stellrad festgestellt u. dann durch eine Feder, welche man durch einen Drücker entspannt, um ihre Achse bewegt.

 

Exponat

Seltener als der viereckige ist der runde Schnepper, der meist aus Frankreich stammt - im angelsächsischen Raum bevorzugte man die 4- resp. 8eckigen Skarifikatoren.

Chirurgie


Schnepper (8)

Fliete aus Laufen
 

 

 

Zur Operation hielt der Chirurg die Fliete zwischen Daumen und Mittelfinger der linken Hand - die spiralförmige Aufwicklung der "Ferse" zur "Handhabe" erleichterte diesen Zugriff und verhinderte ein Umknicken der Fliete in dem Moment, wo der Finger (oder der Kamm des Bartscherers) aufschlug. Mit dem rechten Zeigefinger klopfte der Operateur nämlich - zum Einschnitt in Haut und Vene - auf das Eisen - zum durchstechen der derben Kuh/Pferdehaut bedurfte es dazu eines besonderen Schlägels (siehe vorhergehenden Artikel).

 

Grammatikalische Besonderheit

"Ihm wurde nun zur Ader gelassen" (Medicinisch-chirurgische Zeitung 1816,1 S.382).

"Man hatte einem Pferde zur Ader gelassen, und das Blut auf den Boden fließen lassen" (Obermoselzeitung, 17 Januar 1885). Nicht "Ein Pferd", sondern den Dativ "Einem Pferd" - heute benutzt man nur noch den Akkusativ.

 

Von wann bis wann wurde die Fliete benutzt?

Noch im 18. Jahrhundert wurde das Laßeisen in Deutschland benutzt, auch wenn es anderwärts seit dem 16. Jahrhundert durch die Lanzette abgelöst worden war. So schrieb Lorenz HEISTER 1752: "Viele Chirurgi in Teutschland, sonderlich in Schwaben, Francken, Bayern und Nieder-Sachsen, brauchen noch oft das alte teutsche Lass-Eisen, welches sie auch eine Fliete nennen (Tab. XI. Fig. 3), dasselbe setzen sie mit dem scharffen Theile auf die Ader, halten es [an der Handhabe], schlagen hernach mit dem Finger drauf, und eröffnen also hiermit die Ader, fast wie die Schmiede, wenn sie den Pferden zur Ader lassen" (Chirurgie, Neue Aufl. Nürnberg 1752 S.380).

 

Hilfsmittel

Wenn das Gefäß nicht zu fühlen war, legte der Operateur eine Staubinde an. Schon CELSUS kannte deren Nutzen im 2. Jh. n.Chr..

Henri de MONDEVILLE führte im 14. Jh. den Stab ein, den der Patient beim Aderlass an der Ellbeugenvene in der Hand halten und "pumpen" soll.  

 

Und danach?

Nach dem Aderlass wurde ein lockerer Verband angelegt: "Aderbinde, besteht aus einem schmalen Streifen von ziemlicher Länge der auf beyden Seiten entweder einen subtilen Saum hat oder auch nur bestochen ist, worzu gemeiniglich klare weiße Leinwand genommen wird. Wenn nämlich die Incision mit einer Fliete, Laßeisen im Arm oder Fuß geschehen, und die verlangte Quantität Blut gelassen worden, tunkt man Baumwolle in Wein, legt solches auf die Öffnung und bindet nur beschriebenen Streifen ganz locker herum, damit die Ader nicht wider aufspringen möge" (Georg Heinrich Zink, D. Georg Heinrich Zinkens Allgemeines oeconomisches lexicon, Leipzig 1800).

 

Exponat

17 cm langes, grob geschmiedetes Laßeisen aus dem oberbayerischen Laufen (Ebay 11/2017).

Chirurgie


Schnürer n. LAWSON-TAIT, um 1900

Übersichts- und Detailaufnahme 

 

"C’est au XIIIe siècle que Guillaume De Salicetto invente le premier serre noeud. Cette technique sera reprise par Fallopius, en 1562 sous la forme d’un lasso qui, laissé en place 2 à 3 jours, devait emprisonner les polypes et tomber avec eux" (Frédéric FACON, thèse 2002).

 

Nach dem gleichen Prinzip arbeiten auch die KRISTELLER’schen, CINTRAT’schen und PEAN’schen Schlingen, mit der Polypen abgeschnürt resp. deren Basis mit Silber-Fäden gezurrt werden konnten. Nachdem der Chirurg, durch Drehen der Schraube, den Tumorstiel abgewürgt hatte, musste das gesamte Gerät mehrmals um die eigene Achse gedrecht werden, um den Silberfaden zu zwirbeln. Dann wurde der Faden mit einer Metallschere gekappt.

 

Im Katalog der Firma „Aeskulap“ von 1910 finden wir S. 646 ein sehr ähnliches Gerät unter der Bezeichnung „Serre-noeud de LAWSON-TAIT“. Bei ihm werden, wie bei unserm Modell, die beiden Fadenenden an zwei getrennten Knöpfe befestigt, während die andern Modelle allesamt über einen einzigen Knopf verfügten.

 

Der britische Arzt Robert LAWSON-TAIT (1845-1899) galt als der bedeutendste Frauenarzt seiner Zeit. In Birmingham etabliert, traute er beim Sterilisieren seiner Instrumente und Hände lediglich dem heissen Wasser – nix Formol! Er führte zahlreiche Bauchoperationern durch und war besonders am Problem der Bauchhöhlenschwangerschaft interessiert. 1873 publizierte er ein „Traité des maladies des ovaires“ und 1879 ein Buch über Frauenleiden schlechthin.

 

Das Instrument erscheint uns eine Weiterentwicklung des Stranguliergerätes von LEVRET zu sein, der schon 1770 einen Silberfaden um den Polypstiel legte und ihn über Tage zusammenzog, bis der Tumor nekrotisch wurde und abfiel (Journal de médecine, chirurgie, pharmacie, chez Vincent à Paris, juin 1770 S. 531-576).

Chirurgie


Schröpfköpfe (01)

Ventouse arabe

Zwei gläserne Schröpfköpfe

 

     

     

   Schon in der Antike kannte man Saugglocken - auf mehreren griechischen und römischen Reliefs sind die "cucurbiculae" abgebildet. Es gab den Eingriff in zwei Varianten:

- beim blutigen "nassen" Schröpfen wurde die Haut eingeritzt, dann die Saugglocke darübergesetzt, um Blut aus der Hautwunde zu ziehen
- bei der unblutigen "trocknen" Variante war nur eine Hyperämie unter der Saugglocke erwünscht. Das Blut des Körpers sollte zu dieser Stelle "abgelenkt" werden.

 

Ein römisches Exemplar aus Bronzeblech wird in unserer Sammlung in der Rubrik "Antike Medizin" vorgestellt. Daneben gab es sie in Horn, in Holz und in Glas.

 

Während die "griechisch-römische" Glocke mittels Flamme auf die Haut fixiert wurde, zogen die vorderorientalischen Chirurgen das Ansaugen der Glocken mit dem Munde vor. Zu diesem Zwecke verfügten die Glocken über einen - unterhalb des Randes inserierenden - Saugstutzens.

Mehrere Museen (Kairo, Louvre) sowie mehrere Privatsammlungen kennen diese Art von Gläsern, die vom 7.-13. Jahrhundert hergestellt wurden und ein schöner Beleg für die hochstehende islamische Heilkunde sind ...

 

 

Vorgestellt werden 2 Glasglocken aus grünem, leicht irisierendem Glas:

- grosse Glocke (links i. Bild):  H 5.6 cm; Durchmesser 5.0 cm.

- kleine Glocke (rechts i. Bild): H 4.0 cm; Durchmesser 3.9 cm. 

 Bei beiden Glocken ist der ursprünglich etwa 10 cm lange Ansaugstutzen gebrochen und misst nur noch 2.5 cm (grosse Glocke), resp. 3.0 cm (kleine Glocke).

 

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Schröpfköpfe (02)

 

 

Extrem dünnwandige Saugglocken der Französischen Firma EPY, 1923 beim Concours Lépine mit dem Silberpreis ausgezeichnet. Der hohle Zipfelgriff diente zugleich zum Befestigen der Lunte aus Watte "Introduire un tampon de coton dans le creux du bouton et laisser dépasser légèrement, présenter le coton à la flamme et poser immédiatement, le coton étant tenu ne peut tomber ni brûler le malade", deren Abbrennen den Unterdruck in der Glocke hervorbrachte.

 


Leicht wie Weihnachtskugeln, sollten die hauchdünnen Glocken den Patienten nicht durch ihr Gewicht stören.

 

Der "Concours Lépine" wurde 1901 von dem Pariser Polizeipräfekten Louis Lépine (1846-1933) gegründet, der selber ein genialer Erfinder war - u.a. ersann er den Kreisverkehr, den Führerschein und die Geschwindigkeits-begrenzung für motorisierte Fahrzeuge. Anfangs erhielt der Gewinner 100 francs als Belohnung für eine Erfindung im Bereiche Spielzeug und Kleinwaren. Sinn des Wettbewerbs war es, die Pariser Fabrikanten aus dem finanziellen Sumpf zu ziehen und dem Konkurrenzdruck aus Deutschland besser zu widerstehen ... Lépine war später Politiker.

 

Flohmarkt Luxemburg 9/2005.

Chirurgie


Schröpfköpfe (03)

 

 

Die Steigerung der Durchblutung in einem bestimmten Hautsegment führte zum Abzug des Blutes aus einem tiefer gelegenen Organ: diesen Effekt nannte man "revulsiv" oder "effet par révulsion".

 

  • Wurde der Schröpfkopf auf den Brustkorb gesetzt, half dies gegen Lungenentzündung und Bronchitis, wurde der Schröpfkopf auf den Bauch gesetzt, so half dies gegen Leibschmerzen, woher die auch stammen mochten, wurde der Schröpfkopf auf den Rücken gesetzt, half dies gegen Rückenschmerzen.

 

Und danach?

Was geschah nachdem man die Saugglocke entfernt hatte? Lesen wir im "Cours complet de Chirurgie" von Benjamin BELL (1749-1806) (Bd. I S. 91): "on nettoye bien les plaies et on les recouvre d'un petit linge doux ou de charpie, trempés dans un peu de lait ou de crème; tout autre appareil est inutile" - um 1796 wurde die Wunde mit einem Milch- oder Rahmverband abgedeckt!

 

Exponat

Die hier gezeigte Saugglocke besitzt einen Glasstöpsel, in den ein Metalldraht eingearbeitet ist. An diesen Draht wurde ein kleiner Wattebausch befestigt, der mit Spiritus getränkt war. Während er noch brannte, wurde er durch das Loch geschoben, die Glocke dem Patienten angesetzt. Die Flamme erlosch zum einen wegen Mangels an Spiritus, zum anderen aus Mangel an Sauerstoff.

Hier die Objektbeschreibung des Händlers aus Amsterdam: "Oude Ventouse. 2 onderdelen: klok met stop in geslepen glas. Onderaan de stop bevind zich een ijzerdraad (inox?). Op deze ijzerdraad prikte men een propje watte gedrenkt in iets brandbaars, vervolgens plaatst men de klok op het lichaam (op een slangenbeet, een geïnfecteerde wonde,...), men steekt de watte aan en plaatst de stop voorzichtig in de klok. Doordat de zuurstog in de ventouse verdwijnt zuigt de klok de 'kwade sappen' uit de wonde. Dankzij het geslepen glas kan de klok makkelijk weer verwijderd worden. Deze Ventouse, van het merk "Superventouse Sans Souci" is behoorlijk oud (ik schat jaren dertig) maar nieuw en nooit gebruikt".

 

Gross war die Verbrenungsgefahr für die Haut des Patienten, warum wir diesen Typ von Saugglocken nur selten antreffen.

 

 

Chirurgie


Schröpfköpfe (04)

 

 

"Während in den großflächigen Arealen z. B. des Deltamuskels durchaus Schröpfgläser mit einem Durchmesser von 5 oder 6 cm angewandt werden können, würden so große Schröpfgläser z.B. im Bereich der stark gerundeten Nackenmuskulatur nie zum Vakuum führen. Durchmesser von 2 oder 3 cm der Schröpfgläser sind hier anzuraten. Wer also ein professioneller Schröpf-Therapeut sein will, kommt nicht umhin, sich eine Kollektion an Schröpfgläsern in mindestens 5 verschiedenen Größen zuzulegen" (http://217.175.237.163/images/nadeln.aku-klar.de/schroepfen.pdf).

Vorgestellt wird eine Serie von drei "cupping glasses" mit absteigenden Durchmessern - der Grösse des zur Verfügung stehenden Areals und der jeweiligen Hautwölbung angepasst...

Es versteht sich von alleine, dass man auch Weingläser zu Saugglocken umfunktionieren kann. Und manches "cupping-Glas" wird sich bei näherem Besehen vielleicht als abgesägtes Bordeaux-Glas entpuppen. Man hüte sich daher vor Sauggläsern mit allzu dünnem Rand !

Vereinzelt findet man noch heute Glasbläser, die Schröpfgläser in Handarbeit herstellen und dabei auf spezielle Kundenwünsche eingehen:

www.schroepfglas-shop.de/

 

Erworben auf einem Flohmarkt in Embrun.

 

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Schröpfköpfe (05)

 

 

   Im Falle eines Bisses durch einen tollwütigen Hund gehörte das Setzen einer Saugglocke früher zu den Notmassnahmen:


"Le Mémorial du 9 août a publié la circulaire suivante aux administrations communales au sujet de l'hyrophobie chez les chiens et les autres animaux: Pendant les derniers mois, des cas d'hydrophobie se sont présentés chez des chiens, et 1es habitants de certaines localités ont été inquiétés par les morsures de chiens suspects. Je crois en conséquence devoir, sur la proposition du collège médical, rendre les administrations communales ainsi que les habitants attentifs aux mesures de précaution commandées par les circonstances, et publier les prescriptions de police ci-après, pour être sévèrement observées.
Mesures préservatives générales. Les administrations communales doivent chercher avant tout d'empêcher l'apparitionde l'hydrophobie chez les animavx ou au moins de la rendre plus rare, et préserver autant que possible les hommes et les animaux des atteintes de chiens hydrophobes. Leurs soins doivent surtout se diriger contre l'hydropho- bie chez les chiens, à quel effet les principes suivants sont particulièrement à observer.

 

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Schröpfköpfe (06)

um 1900

 

 

      In der Hebammenschule Pfaffenthal wurde der Gebrauch der Saugglocken den Schülerinnen noch um 1900 mit allen Details gelehrt. So lesen wir im Schulheft der Margarethe WEYDERT von 1897:

     "Zu einem Schröpfapparat gehören
     a) der Schröpfschnepper mit 16 kleinen scharfen Messerchen
     b) die 12 Schröpfköpfe aus Messing oder Glas,
     c) die Schröpflampe" 
[der Brenner, mit dem die Luft in der Glocke erhitzt wurde].

 

Ausgestellt sind mehrere Sorten von Saugglocken:


a) eine seltene, 65 mm hohe Glocke "Eclair, Breveté SCDG"mit zwei seitlichen Vertiefungen (Zweck unbekannt)

b) eine 7o mm hohe Glocke mit geschliffenem Boden, daneben eine seltene, nur 43 mm hohe Glocke, die man einem Kinde applizieren konnte bzw. auf unebene Hautpartien aufsetzen konnte wie z.B. die Schläfe.

c) Glocke mit kugelförmigem Griff ("cloche à bouton"); Höhe 73 mm

d) während bei den vorgenannten Glocken das Vakuum dadurch geschaffen wurde, dass der Bader resp. Arzt-Chirurg die Luft im Innenraum mit einem Kienspan erhitzte und die Glocke sich an die Haut festsog, wenn die Luft abkühlte, entwickelte man im 19. Jahrhundert Glocken, die kalt, d.h. ohne Feuer auf die Haut gesetzt werden konnten, indem man das Vakuum dadurch schuf, dass man die Luft mittels Handpumpe abzog. Das hier vorgestellte Modell "La TENON" mit seinem Ventil gehört zu einem derartigen Besteck.

 

 

Chirurgie


Schröpfköpfe (07)

Chinesische Schröpfköpfe
 

 

Im traditionellen China wurden in früherer Zeit die Schröpfköpfe aus Tierhörnern (Kuh- und Antilopenhörner) hergestellt, später aus Bambus. Bambus ist ein mytisches Material im fernen Osten – man denke an Malakas und Maganda, das erste Menschenpaar, das nach philippinischer Mythologie aus einem gespaltenen Bambus entsprungen ist.

 

Patienten empfinden die Bambusröhrchen komplett anders als Glasglocken, die weniger Wärme abgeben, da bei ihnen nur die Luft aufgewärmt wird. Zu den klassischen Glasglocken besteht eine Reihe von Unterschieden.

 

- Bambus-Schröpfköpfe werden weder mit dem Mund angesaugt, noch mit heisser Luft: sie werden im Kräutersud gekocht und dann auf die Haut aufgesetzt: man nennt dieses Verfahren daher "nasser Schröpfkopf". Cave Verbrennungen mit den aus dem heissen Sud entnommenen Bambusrohren!

 

- da der Rand der Glasglocken meist etwas wulstig gearbeitet ist, während der untere Rand der Bambusrohre eher dünn ist, nehmen die Bambusglocken auf der Haut weniger Platz ein, man kann deren folglich mehr auf knappem Raum unterbringen.

 

- wegen ihres schmalen Randes schneiden Bambusrohre ein bisschen ein – der dabei ausgelöste Schmerz ist einer der Gründe, warum Bambusglocken heutzutage eher unbeliebt sind.

 

- ein weiterer Grund für ihr Verschwinden vom Markte ist, dass sie nicht zuverlässig sterilisiert werden können.

 

- da Bambusröhrchen langsamer auskühlen als Glasglocken, bei denen ja nur die Luft erhitzt wird, haften sie langsamer – nichts für eilige Therapeuten.

 

Exponat: 2 Saug-Rohre aus Bambus, Shanghai 2016.

 

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Schröpfkopf (08) aus Horn

Hornbecher
 

 

Exponat

Saugbecher aus Horn in Form eines Sturzbechers. 

Höhe 4,8 cm, Ø Boden 3,6 cm, Ø Lippe 4,6 cm. Herkunft: Olathe, Kansas, United States.

Ein ähnliches Glas aus dem 4. Jh.n.Chr. wurde in Worms gefunden:

"Die Verwendung von Schröpfköpfen ist bereits seit der Antike überliefert. Zur besseren Durchblutung wurde beim Schröpfen über einen kleinen Hautritz ein erwärmtes Schröpfgefäß gesetzt, dass sich festsaugte und das Blut auszog. Schröpfköpfe sind aus Metall, Keramik, Bein, Horn und Glas bekannt und haben ihre Gestalt, die ausschließlich funktionsbedingt ist, über Jahrhunderte beibehalten. Wie ähnlich in der Form die Schröpfgläser über einen langen Zeitraum geblieben sind, zeigt gerade das Lüneburger Exemplar. Es gibt nämlich zu diesem ein äußerlich absolut identisches Stück aus dem römischen Worms, das zu einem Fundkomplex des 4. Jahrhunderts gehört. Das geringe Innenvolumen der Schröpfgläser prädestinierte diese geradezu auch für eine Verwendung als Reliquienbehälter bis ins 19. Jahrhundert hinein, wie einige Beispiele aus entsprechenden Fundzusammenhängen belegen. Wie bei den kleinen Fläschchen sind ebenso gläserne Schröpfköpfe als einzelnes Objekt schwer zu datieren, da die Funktion über Jahrhunderte die Form vorgab" (Peter Steppuhn, in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 14 S.171-175).

Ein ähnlich geformter Schröpfbecher aus hellgrünem, blasigen Glas aus dem 16./17. Jh. wurde auch in Lüneburg (Rathaus, Gerichtslaube - Westwand / Kloake) gefunden. H max. 4,4 cm; Ø Boden 4,0 cm; Ø Lippe 3,4 cm; Gd. 0,7 mm; Gd. Lippe 2,9 mm. 

Das blutige Schröpfen als Notfalltherapie

"Die zeit der noth/ wann man lassen muß/ ist wann man nicht länger warten kann: als wann ein Kind pleuresin oder Seitenstechen hat/ unnd so jung ist/ das man ihm nicht lassen darff/ gleichwol soll man ihm laß Köpffe setzen unnd die scarificiren an statt der Aderlassung" (Petrus von der Stylle, Balbierer und Wundtartzt, Handbuch der Chirurgiae, Frankfurt am Mayn, 1611 S.245).

Schröpfköpfe, auch Laßköpfe genannt, im baierischen Raum eher Loßkopf (aus Keramik, Buntmetall oder Glas) waren in der frühen Neuzeit als Heilbehelfe und zur Gesundheitspflege häufig in Gebrauch – die bronzenen eher in Deutschland, die gläsernen eher in Italien:

"In Deutschland bedient man sich in dieser Absicht kleiner Lassköpfe von Messing, die zuerst aufgesetzt werden, und zerschneidet sodann die Haut mit dem Schröpfschnapper, der in gleicher Größe mit den Laßköpfen ist, und doch in einem male fünfzehn, sechzehn kleine Schnitte macht. In Italien hat man gläserne, und weit grössere Laßköpfe" (Johann Alexander von Brambilla, Über die Entzündungs-geschwulst und ihre Ausgänge, Wien 1786) S.458).