Chirurgie


Amputationssäge (1)

Signierte Säge, um 1770 

 

Verwundete und kranke Soldaten starben einen erbärmlichen Tod: zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden Krüppel oft von den eigenen Leuten erhängt, damit sie nicht in die Hände des Feindes fielen. Der Alptraum eines jeden Soldaten aber waren Amputationen auf dem Schlachtfeld.

 

Handhabung

Mit diesem Instrument ging es "zur Sache": mit ihm wurde, nach der Umschneidung des kranken Gliedes "im Gesunden" mittels Amputationsmesser ("tour de bras", dann "tour de force"), der Knochen durchgesägt. Dabei mussten die frisch angeschnittenen Weichteile mehrere cm nach proximal hochgeschoben werden, um den Knochen freizulegen. Dazu bediente man sich spezieller Muskelhaken bzw. halbkreisförmigen Metallscheiben mit einer Kerbe in der Basis, in die der abzusägende Knochen passte (siehe PERCY).

Die Grösse der Säge war dem zu amputierenden Gliede proportional: Exemplare für die Fingerchirurgie waren zierlich klein, zum Amputieren eines Oberschenkels standen Instrumente mit Längen bis zu 60 cm zur Verfügung!

Selbstverständlich fehlt das Instrument nicht in der damaligen Fachliteratur, im "Armamentarium chirurgiae" bzw. "L'Arsenal de Chirurgie" von Johannes SCULTETUS (1599-1645), in den "Opera chirurgico-anatomicae" von Paul BARBETTE (1672) etc. Eine bebilderte OP-Anleitung in mehreren Etappen finden wir in den "Institutiones chirurgicae" von Lorentz HEISTER (1683-1758). Die erste bildliche Darstellung einer derartigen Säge aber finden wir auf einem Ölgemälde von 1517. Immer wieder reizte die schaurige Eleganz des Instrumentes die Künstler, sie auf "Stilleben" abzubilden: Jan Brueghel d.Ä. bildete eine Säge mit gedrechseltem Griff ab auf dem Oelgemälde "Das Gefühl" - ein Äffchen spielt daneben (Prado/Madrid).

 

Die "capital saw" (engl.) erfuhr eine beträchtliche Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte: dem Zeitgeist entsprechend wurden in der Renaissance die Instrumente vielfach reich verziert, eine Mode, die während der Aufklärung verschwand, als Instrumente entstanden, deren Gestaltung nur noch von der reinen Notwendigkeit diktiert wurde.
"Iron-framed eighteenth-century saws often have highly decorative features and an elaborate tensioning screw. Saw handles were large, and circular in cross-section until about 1770, when a hexagonal shape was invented to improve grip".

Die kleinen Seiten sind "eingeknickt", der Franzose spricht von "petits côtés incurvés en accolade". Typisch für das 18. Jahrhundert sind auch die unterschiedlich langen "petits côtés".

Typisch für ein Instrument aus dem 18. Jahrhundert: der achteckige, leicht gebogene Griff aus unverrottbarem Thujaholz. Der Abendländische "Lebensbaum" war 1596, der Morgenländische "Lebensbaum" 1752 nach Europa gekommen.

 

Zum Hersteller

Eiserne Chirurgen-säge, "poinçon trèfle couronné" [Langres 18. Jh], Griff Nuβbaumholz. Langres ist eine der ältesten Städte Galliens. Im 15. Jh. gab es hier zahlreiche Messerhersteller, 1418 wohnten allein 8 von ihnen in der r. Vernelle und der r. de la Coutellerie. Grund für das verstärkte Aufkommen diesen Industriezweig war vermutlich die Nähe von Eisenlagern sowie eines besonders harten und feinen Sandsteines. In einer Liste der "maîtres coutelliers de Langres" aus dem Jahre 1768 finden wir "unsern" Hersteller: Vinnebault VIEILLIOT, dessen Zeichen das gekrönte Kleeblatt war, "trèfle couronné" (Camille Pagé, La Coutellerie Depuis L'Origine Jusqu'À Nos Jours: La Fabrication Ancienne & Moderne, Edition H. Rivière, Paris 1896. Les Couteliers de Province, S.82). Er war in Langres in der rue Sainte-Barbe niedergelassen (Bulletin de la Société historique et archéologique de Langres, Vol.5, 1907 S.380. Nota: in Langres kam 1713 als Sohn eines Messerherstellers (!) Denis DIDEROT zur Welt, der spätere Mitherausgeber der berühmten Enzyklopädie …

 

Link
www.gesch.med.uni-erlangen.de/messer/ausstell/amput/t_amp18.htm

 

Exponat

Die hier gezeigte Säge wurde in Paris erworben in der Galerie Théorème, "Antiquités du Louvre", 2 Place du Palais (Zweigniederlassung Clignancourt). Sie stammt aus einem Arzthaushalt in Toulouse und wurde am gleichen Tag gekauft an dem Lady Di umkam. Im Handel tauchen derartig alte Sägen nur selten auf, jüngere dagegen sind relativ häufig auf "the collector can find saws from the last two hundred years without much difficulty" (D.J. Warren) - so ist der Sammler einigermassen geschützt vor Fälschungen. Seltener findet man die passenden Bürsten, mit denen Knochenmehl zwischen den Zähnen der Säge entfernt werden konnte ...

 

Ähnliche Sägen

Ähnliche Knochensägen entstammen der Werkstatt GRANGERET. Über 4 Generationen waren die Grangeret's Messerschmiede in Paris: 1735 war Louis "Maître Coutelier". Sein Sohn Simon-Pierre (1736-1787) war "Coutelier du Roi" schlug ab 1772 mit einem K unter der Krone. Pierre (*1731 als Bruder des Vorgenannten Simon-Pierre, gest. 1802) schlug ab 1772 mit einem H unter der Krone, 1803 belieferte er die Hospices civils von Paris. 1806 wurde sein (einziger) Sohn Pierre-François (1776- ) "Coutelier de l'Empereur", 1814 war Camille Grangeret "Coutelier de l'Empereur et des hospices", nach der Wiedereinführung der Monarchie "Coutelier du Roi", 45 rue des Saint Pères in Paris.Link zur Genealogie Grangeret: www.bium.univ-paris5.fr/sfhad/cab/texte03x1.htm

 

Herstellung

Ausführlich schilderte der Messerschmied Jean-Jacques Perret (1730–1784) die Herstellung einer Säge (L'art du coutelier expert en instruments de chirurgie, Paris 1772

http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k10656028/f165.image

Der Bogen, der sog. "Sägebaum" entsteht aus einer geraden, viereckigen Stange vom Durchmesser des späteren zentralen "Apfels". Zwei weitere "Birnen" rechts und links gewähren der Säge die erforderliche Elastizität. Die Stange wurde durch Hämmern zu einem Bogen geformt. Das Herzstück, die Trepankrone, wird aus einem Stück hergestellt und durch Hämmern zu einem Ring verschweißt. Auf der Drehbank erhielt sie ihre endgültige Form. Die Zähne der Krone wurden mit einem Lineal und einer Reißnadel angezeichnet und mit einer dreieckigen Feile herausgearbeitet und poliert. Ihre Härte erhielt die Krone durch gezieltes Erhitzen und Abkühlen. Als Verbindungsstücke dienten geschmiedete Hülsen. Mit Schrauben oder Stiften fixierten sie die Einzelteile. Griffe wurden aus Holz oder Elfenbein gedrechselt.

Der Messer- oder Zirkelschmied stellte bis in das 18. Jahrhundert chirurgische Instrumente her. Erst gegen Ende des Jahrhunderts bildete sich der Beruf des chirurgischen Instrumen-tenmachers heraus. Grund war die Professionalisierung der Chirurgie und der Bedarf an speziellen Instrumenten. Die Institutionalisierung der medizinischen Versorgung spielte ebenfalls eine Rolle. Die Produktpalette der chirurgischen Instrumentenmacher orientierte sich vielfach an gedruckten Vorlagen. Die üblichen Instrumente wurden auf Vorrat produziert. In Kriegszeiten konnte ihre Nachfrage steigen. Zusätzlich waren es Auftrags-arbeiten von Chirurgen, die zur Entstehung neuer Instrumente führten. Der Chirurg lieferte die Idee, der Instrumentenmacher sorgte für die technische Umsetzung.

(nach: Museum für Geschichte, Sackstraße 16, 8010 Graz, Austria)

 

 

Chirurgie


Amputationssäge (2) n. CHARRIERE

um 1850 

 

 

   In der Versorgung von Knochenbrüchen bemühte man abenteuerliche Praktiken, und komplizierte Splitter- oder Mehrfachbrüche und Bruch- verletzungen an oder in Gelenken wurden in der Regel einfach durch grosszügige Amputationen behandelt.

 

Dominique-Jean LARREY (1766-1842) wurde um 1809/12 von einem wahren Amputationsrausch gepackt - er operierte unzählige Franzosen auf den Schlachtfeldern seines Herrn und Meisters Napoleon und brachte es auf 100 Amputation am Tag, jede nicht länger als 2 bis 3 Minuten dauernd: 300 Amputationen in Wagram, 200 an der Ostfront in Borodino...

 

Die Amputation war im 18. Jahrhundert für alle Beteiligten mit grossen Risiken behaften:

- für den Patienten, der einen sehr schmerzhaften Eingriff überstehen musste
- für den Operateur, für den die Amputation ein fatales Nachspiel haben konnte: starb der Patient, wurde ihm die Schuld daran gegeben; genas er, drohte ihm der Vorwurf, den Patienten leichtfertig verstümmelt zu haben. Heister riet daher jedem Chirurgen, immer weitere Kollegen zu Rate zu ziehen und an der Operation teilnehmen zu lassen.

 

   An diesen grundsätzlichen Risiken änderte sich auch im 19. Jahrhundert nichts. Die Narkose wurde erst in der 2. Hälfte des Jahrhunderts bekannt, und Antikiotika standen bis zuletzt nicht zur Verfügung. Weder hatte sich die Prothetik wesentlich verbessert, noch war für den arbeitsunfähigen Patienten beruflich etwas wesentlich Neues hinzugekommen. Erst das 20. Jahrhundert wird die Invaliditätsrente erfinden !


  Wenn der Patient nicht während oder unmittelbar nach der Amputation am Blutverlust starb, so drohte ihm der Tod häufig durch schwere Infektion der Wunde. Nicht gerade wenige Beispiele zeugen von beispiellosen Qualen. So versuchte man etwa nach solchen schweren Amputations- infektionen, diese durch weitere Teilamputationen zu behandeln. Das mochte mit der Amputation eines Fusses begonnen haben und endete, nach weiteren sechs Teilamputationen, mit der letzten hoch an der Hüfte, wonach dann der solcherart malträtierte Patient endlich an der Infektion der letzten Operation jämmerlich zugrunde ging.

 

 

Exponat

Es gab technische Fortschritte, aber auch Zeichen von Starrsinn: so wurden die Griffe der Instrumente im 19. Jahrhundert, trotz aller Warnungen seitens der Hygieniker, immer noch aus Holz gefertigt. Vorgestellt wird eine 38 cm lange, 9.5 cm hohe Säge mit Holzgriff und auswechselbarem Blatt, aus der Werkstatt des bekannten Pariser Instrumenten- bauers CHARRIERE. Dieser Sägentyp, sowohl was das Blatt als die GriffForm betrifft, wurde auch nach 1900 unverändert weitergeliefert. Lediglich das Material änderte, indem der Griff, in einem Guss mit dem Blattrahmen, aus Stahl gearbeitet wurde.

 

Chirurgie


Amputationssäge (3)

Säge n. COLLIN, um 1900 

 

Gerne reden wir von berühmten Amputationen, wie diejenige der Fimdiva Zsa Zsa Gabors, oder diejenige des österreichischen Skirennläufer Matthias Lanzinger, denen der rechte Unterschenkel abgesetzt wurde und vergessen die "nicht durchgeführten" Eingriffe. Gerne vergessen wir, daß sich der große Impresario, Tänzer und Musiker von König Ludwig XIV, Jean-Baptiste LULLY (1632-1687), weigerte, als ihm sein Arzt, Dr. Jean-Baptiste ALLIOT (1640-1721), Sohn des Hofarztes Pierre ALLIOT (1610-1685), empfahl, den rechten kleinen Zeh amputieren zu lassen, den er sich mit seinem Taktstock durchbohrt hatte. LULLY zog vor, MIT seinem Zeh zu sterben …

 

Bis zum 19. Jahrhundert führten Seuchen wie Lepra und Tuberkulose, sowie Kriegs- verletzungen, Erfrierungen, Tierbisse und Wundbrand zur Amputation. Im Laufe des letzten Jahrhunderts bewirkte die Verbesserung der Lebensumstände eine Verlagerung der Ursachen. Infektionskrankheiten, Arbeits- und Alltagsunfälle wurden von Diabetes als Hauptamputationsursache abgelöst.

 In der Aera der Sterilität wurden endlich Instrumente aus Metall üblich.

 

 

Exponat

Um das Gerät besser verstauen und die Messer schneller wechseln zu können, liess sich der Griff bei einigen Modellen aufklappen (WINDLER, COLLIN, FARABEUF, MATHIEU). Dazu wurde der Griff mittels einer Arrêtierung geöffnet, das Messer wurde daraufhin mit einem einzigen Handgriff ausgespannt.

Etwas schräg angewinkeltes Modell des Herstellers COLLIN (beim FARABEUF wird das Sägenblatt parallel geführt) erstanden in Metz am 16.4.2005, keine Herstellerangabe.

Chirurgie


Anatomisches Modell (1), AUZOUX

 

 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine Industrie für den wachsenden medizinischen Lehrmittelbedarf. Anatomische Wachsmodelle waren empfindlich; deshalb experimentierten die Anatomen mit andern Materialien.

 

Der französische Chirurg Jean François AMELINE (1763-1835), ab 1808 Professor der Anatomie in seiner Geburtsstadt Caen,war der erste, der artikulierte Modelle aus Papier-Knetmasse herstellte. Auch sein Landsmann Louis Thomas Jérôme AUZOUX (1797-1880), der 1818 sein Medizinstudium begann, war abgeschreckt von den Formalin-Leichen, die man ihm zur Dissektion vorlegte. Er widmete sich daher der Entwicklung einer geruchlosen Technik des Modellierens, und erfand die sog. „anatomie clastique“ [vom griechischen clastos, gebrochen, zerlegt – da seine Modelle in Einzelteile zerlegt werden konnten]. Angeregt durch Puppen aus „papier mâché“ (ital. carta pesta), die damals in den Strassen von Paris feilgeboten wurden, entwickelte er eine Modelliermasse, die zunächst weich und verformbar war, dann aber zu einer resistenten Masse erstarrte. Er benutzte anfänglich die bei der Fabrikation von Haushaltswaren damals gängigen Giessformen aus Gips, entwickelte aber später resistentere Formen aus Blei In ihnen goss er die Teile, bevor er sie mittels Drahtfäden zu grösseren, inwendig hohlen, Ensembles zusammenfügte, die schliesslich mit Deckpapier geglättet und lackiert sowie mit feinen Nervengeflechten aus Seide [und Nummernschildern] ergänzt wurden. Die erstarrte Paste konnte angefärbt werden, und gestattete das Modellieren der Weichteile mit erstaunlicher Naturtreue. Schon 1822 legte er der Académie de médecine in Paris ein Modell vor, bestehend aus Originalknochen, die mit einer von ihm entwickelten Paste zusammengehalten wurden. Eine Ermutigung der Akademie 1824 und ein öffentlicher Auftrag des Innenministeriums bestimmten daraufhin seine weitere Karriere, indem er sich von nun an ganz dem Modellieren widmete. 1825 stellte er ein Modell aus 139 Teilen vor. Der Erfolg ließ ihn eine Fabrik für Lehrmodelle von Mensch und Tier gründen: 1827 gründete er in seinem Geburtsort Saint-Aubin-d’Ecrosville eine Fabrik mit 50 Arbeitern, die Modelle am Fliessband herstellten, im Volksmund „bonhommes d’Auzoux“ genannt. Die Arbeiter wurden hochbezahlt, die Begabtesten wurden von AUZOUX mehrfach dazu bewegt, ein Medizinstudium anzugehen… Nach 5jähriger Vorarbeit präsentierte die Firma 1830 ein lebensgrosses Modell „Le Grand Ecorché“, bestehend aus 129 (130) Teilen, auf dem an die 1500 Details vermerkt waren – unbezahlbar! Ab 1845 stellte man daher ein preiswerteres 2:1 Ganzkörpermodell her, daneben Modelle des Auges, des Innenohrs, des Gehirns. Zu seinen Abnehmern gehörten Universitäten, Königshäuser – sogar der Vatikan bestellte ein Ganzkörpermodell für seine Sammlungen.

 

Im Vergleich zu anatomischen Wachsmodellen, sind die Pappmaché-Artefakte leichter herstellbar, kostengünstig und robuster. Zudem lassen sich einzelne Sektionen der Modelle bewegen, was die Öffnung von realen Körpern ersetzt und so den Anatomie-Unterricht erleichtert. AUZOUX starb hochangesehen in Paris, eine Büste und ein 1995 eröffnetes „Musée de l’Ecorché d’Anatomie“ in Le Neubourg in der Normandie erinnern an sein Werk. Zahlreiche internationale Sammlungen enthalten Modelle von seiner Hand. Die AUZOUX’sche Fabrik belieferte in der Tat während mehr als 150 Jahren tausende von Schulen im In- und Ausland mit menschlichen, tierischen, botanischen Figuren.

 

Das hier vorgestellte Modell stammt aus der Pfaffenthaler Hebammenschule und fand sich eines Tages im Müllcontainer einer städtischen Klinik wieder. Es ist auf der Oberseite der rechten Zwerchfellkuppel signiert und datiert „Anatomie clastique du Dr. Auzoux, 1887“. 

http://www.seton.at/D95586000/Lageretiketten-aus-Papier-nummeriert.html

Chirurgie


Anatomisches Modell (2), Höhe 28 cm

Kunststoff 28 cm
 

 

Man darf sich die Frage stellen, was Kinder an Hand solcher Modelle lernen sollen. Möglicherweise ist der einzige Nutzen das Ablegen der Scheu vor dem "innenleben" unseres Körpers, das Ablegen eines natürlichen (?) Ekelgefühls.

 

Anatomisches Modell, 28 cm hoch, aus Kunststoff. Erworben 9/2016 in Innsbruck "am alten Hafen".

 

Chirurgie


Anatomisches Modell (3), 24 cm

Kunststoff 24 cm CLEMENTONI

 

24 cm hoher Torso, keine Herstellerangabe. Vermutlich Teil des Spielkastens "Galileo" der Fa. CLEMENTONI. Was soll ein Kind mit solch einer Figur? Weder wird ihm die Funktion, noch die reelle Lage im Körper klar ersichtlich - bestenfalls wird die Fingerfertigkeit beim Zusammensetzen trainiert: dafür aber sind andere Baukästen sicher besser geeigneter und vielfältiger ...

 

 

Chirurgie


Anatomisches Modell (4) Aufklappbild, um 1910

frz. "planches anatomiques à découpis mobiles en superposition 

Die zweidimensionale Darstellung der menschlichen Anatomie blieb unbefriedigend. Diesem Umstand versuchten die "Schicht-Klappbilder" des 16. Jahrhunderts Abhilfe zu leisten.
Aus einfachen "vorher-nachher"-Bildern des frühen 16. Jahrhunderts, auf denen die Vergänglichkeit menschlichen Strebens krass anschaulich dargestellt wurde, entwickelten findige Verleger das Genre des anatomischen Schichtbildes. In pseudo-dreidimensionaler Weise gaben sie in verschiedenen, klein gedruckten Blättern die unterschiedlichen Stadien des Situs wieder, wie sie sich nacheinander für den präparierenden Anatomen darboten, und konnten dabei nach der Art eines "Daumen-Kinos" aufgeklappt werden. Vermutlich reagierten die Verleger damit auf die Entwicklung der Anatomie an Universitäten, die dazu übergegangen waren, Obduktionen an Menschen vorzunehmen.

Die anatomischen Klappbilder waren äußerst erfolgreich. Da sie auf losem Papier gedruckt waren, erging es ihnen wie vielen frühen Skelettfiguren oder Aderlasstafeln: sie wurden verschlissen und landeten über kurz oder lang im Papierkorb. Entsprechend ist die Zahl der erhalten gebliebenen Exemplare sehr gering. Die Lage besserte sich, als das Klappverfahren in Büchern beigebunden wurden. Klappbilder, bewegl. Bilder in Büchern, kamen wohl zuerst in anatomischen Werken vor. So wurde das Verfahren in dem anatomischen Lehrbuch "Ophthalmologeia, Das ist Augendienst" von Georg Bartisch (Dresden 1583) übernommen: aus der Scheitelperspektive konnte der Leser die übereinandermontierten Holzschnitte von Haarboden, Schädeldecke und Schichten des Gehirns bis zu den Augäpfeln abheben.

Einem breiten Publikum wurden die Klappbilder erst in der Belle Epoque zugängig, mit den volksheilkundlichen Büchern von Friedrich Eduard Bilz (1842-1922) "Das neue Naturheilverfahren" von 1888 und der "Die neue Heilmethode" seines Schülers Moritz Platen, derr Lehrer und Leiter der Bilz‘schen Heilanstalt in Dresden-Radebeul war sowie Direktor der Naturheilanstalt Bad Ottenstein zu Schwarzenberg in Sachsen. Der ersten zweibändigen Auflage war eine einzige Faltfigur des menschlichen Körpers beigebunden, späte Ausgaben des nun 4bändigen Werkes enthielten 10 Modelle, darunter 1 Modell des männlichen Körpers in 8 zum Teil gefalteten und klappbaren Tafeln, 1 Modell des weiblichen Körpers ebenfalls in 8 zum Teil gefalteten und klappbaren Tafeln, (dieses auch mit Darstellung der Schwangerschaft), sowie 8 klappbare farbige anatomische Modelle von Nase, Ohr, Mundhöhle und Kehlkopf, Herz, Auge, Magen, Lunge und Kopf in Buntdruck (Chromolithographie).

Bereits die erste Veröffentlichung von Bilz "Das menschliche Lebensglück" von 1882 enthielt einen naturheilkundlichen Anhang. Später gab Bilz nur noch naturkundliche Bücher heraus. Die Bücher von Bilz mit ihren ausklappbaren Tafeln erzielten traumhafte Auflagen - bis 1938 waren ca. 3,5 Millionen Exemplare verkauft. Letzte (abgespeckte) Auflage 1956 !

Die vierbändige Prachtausgabe von 1910 erreichte einen Umfang von mehr als 4.000 Seiten und war mit 1.400 Textabbildungen, 58 Farbtafeln und 16 zerlegbaren Modellen reich illustriert.

Das Werk wurde in 12 Sprachen übersetzt - das hier gezeigte Klappbild wurde aus den USA importiert, dürfte also einer amerikanischen Bilz-Ausgabe entnommen sein. Man sieht die drei zu einem Triangel zusammengefalteten Hauptlagen. Jede dieser Lagen weist mehr oder weniger üppige weitere Klappmöglichkeiten auf. Am detailreichsten ist das Eingeweideblatt, wo uns die Figur bereitwillig ihren schwangeren Uterus zeigt ... eine unblutige Obduktion für den Hausgebrauch !

Ähnliche Schichtbilder finden sich einem von einer Ärztin herausgegebenen volkstümlichen Gesundheitsbuch: Dr. med Anna Fischer-Dückelmann, Die Frau als Hausärztin, ein Buch, das von 1901 bis 1979 in unzähligen Ausgaben (und Raubdrucken) erschien.

Chirurgie


Arterienklemme (1) n. MATHIEU

P1060515

Valet à patin

 

 

Der "valet à patin"

" … des premières pinces hémostatiques en usage jusqu'il y a une soixantaine d'années. Le "valet à patin", décrit par J.J. PERRET était composé de deux branches semblables unies à charnière et munies d'un ressort qui tenait l'instrument toujours fermé; l'intérieur des branches était dentelé et les dents s'ajustaient les unes dans les autres. Cet instrument servait "à tenir un vaisseau pendant qu'on faisait la ligature d'un autre. C'est, dit PERRET, l'instrument auxiliaire dans l'amputation". On ne peut exiger une désignation plus claire ni plus démonstrative. Cet instrument, primitif et grossier, réalisait à peu de chose près ce que nous obtenons aujourd'hui des pinces hémostatiques les plus perfectionnées. Il servait à arrêter le sang et permettait de ne faire que plus tard les ligatures. Le valet à patin de J.J. PERRET est bien une pince hémostatique à pression continue. Le ressort puissant qui sépare les deux branches et l'articulation de ces dernières par simple juxtaposition, sans entrecroisement, se trouvent disposés de manière à tenir l'instrument toujours fermé" (Doyen, Eugène Louis, Traité de thérapeutique chirurgicale et de technique opératoire. Tome premier: technique chirurgicale générale, Paris: A. Maloine, 1908 S.134).

 

"Jean Jacques Perret (1730-1784) natif de Béziers, fils de coutelier, commença son tour de compagnonnage à douze ans pour terminer prévôt des couteliers de Paris. S’étant spécialisé dans l’instrumentation médicale il travailla avec de nombreux chirurgiens, en particulier avec Lecat. Il reçut les éloges de l’Académie royale des sciences en 1769."

 

"Jean-Jacques Perret was a master cutler in France. In 1770 he wrote a book "La pogonotomie" or "the art of shaving oneself". In 1771 he wrote another book "L'Art du Coutelier" or the art of the cutler, this book goes into all phase of cutlery from metal choice to forging, grinding, etc.".

 

Hier eine Erklärung für den Namen "valet à patin": "Man nennet dieses Instrument im Französischen Valet à Patin, den Knecht des Patin, weil es von selbsten Dienste thut, wie ein Diener, ob man es schon nicht hält, vom Patin aber hat es den Namen, weil man ihm dessen Erfindung zuschreibt" (Elias Col von Vilars, Doctors der Arzneykunst, ältesten Decani der medicinischen Fakultät zu Paris, Medicinisches und Chirurgisches Wörterbuch, Vol. 5, Altona Bey den Gebrüdern Korte 1747 S.626).

Ein möglicher PATIN war Guy PATIN (1601-1672) (Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen, vom 20. August 1772).

 

Denis DIDEROT bildete den Valet à patin (in der von 1749-1773 gedruckten Encylopédie) auf der "planche chirurgicale XVII fig. 4" ab.

 

 

Exponat

Ungekreuzte Gefäßklemme aus der Werkstatt von Louis MATHIEU, der von 1847 bis 1879 unter eigenem Namen produzierte. Grösse 125 x 80 x 25 mm (Distanz Spitze-Griff / Distanz Griff-Griff / Höhe der Spitze). Rautenförmige Spitze ohne Querriffelung, ohne Zähne. Die Klemme bleibt im Ruhezustand Dank einer zwischen männlicher und weiblicher Branche gespannten Feder geschlossen. Bekannt ist die sehr variable Spannkraft dieser Feder, die mit fortschreitendem Alter (unterschiedlich schnell) nachließ. Markierungen: 47 auf der Innenfläche jeder Branche, HM84 und MATHIEU auf der männlichen (auf dem Bild ist dies die rechte resp. obere) Branche.

Eine identische Klemme habe ich in Abb.157 S.188 bei Geerto Snyder "Instrumentum medici, Boehringer 1972" gefunden: "Eine Ausrüstung für Tracheotomie, wie der Hausarzt sie im 19. Jh noch öfters brauchte. Wellcome Institute, London". 

Wie oft die gezeigte Klemme wohl von dem Gefäß abglitt, auf das es der Chirurg einst setzte? Bei der geringen "Griffigkeit" des Instrumentes versteht man, warum v.BERGMANN, PÉAN und KOCHER Kremaillère, Riffelung und Zähne hinzufügten ... 

 

Potain
Potain
Potain

Chirurgie


Aspirationsspritze n. POTAIN

Spritzenkasten, um 1930 

 

Pierre Carl Edouard POTAIN (1825-1901) ist uns eher bekannt als Erfinder des nach ihm benannten Sphygmo-graphen (siehe Innere Medizin). Studium in Paris. 1846 "Externe" von 1849-52, 1853 Promotion, 1856 Oberarzt in der Klinik von BOUILLAUD, 1857 "agrégé", 1876 Professor für Innere Pathologie. Tragik des Schicksals: POTAIN starb an einer Aortenstenose ...

 

Hier der Nachruf aus Österreich:

"In Paris ist Samstag Nacht, 75 Jahre alt, Professor Potain, eine der größten Berühmtheiten des medicinischen Frankreich plötzlich gestorben (..) In seinem Äußern von ungewöhnlicher Häßlichkeit verstand er es, alle Welt durch den Ausdruck von Güte, der in seinem Gesicht lag, durch den unendlich sanften Blick seiner Augen – dabei schielte er hochgradig, zu gewinnen, ja geradezu zu bezaubern" (Innsbrucker Nachrichten, 10 Januar 1901).

 

Er schrieb:

- Des lésions des ganglions lymphatiques viscéraux. Paris, Remquet, 1860.

- De la Succession des mouvements du coeur, réfutation des opinions de M. Beau, leçon faite à l'Hôtel-Dieu par M. Potain. Paris: impr. de H. Plon, 1863

- Note sur les dédoublements normaux des bruits du coeur, présentée à la Société médicale des hôpitaux, dans la séance du 22 juin 1866, par le Dr. Potain, Paris: impr. de F. Malteste, 1866.

- Des mouvements et des bruits qui se passent dans les veines jugulaires. Bull. Soc. Méd. Hôp. Paris (Mémoires), 1867, 2 sér., 4, 3-27.

- Du rhythme cardiaque appelé bruit de galop, de son mécanisme et de sa valeur séméiologique, note présentée à la Société médicale des hôpitaux de Paris, par le Dr Potain, Paris: A. Delahaye, 1876. También en : Bull. Soc. Méd. Hôp. Paris (Mémoires), (1875), 1876, 12, 137-66.

- Des fluxions pleuro-pulmonaires réflexes d'origine utéro-ovarienne. Paris: impr. de Chaix, 1884.

- Du sphygmomanomètre et de la mesure de la pression artérielle chez l'homme à l'état normale et pathologique. Arch. Physiol. Nom. Path., 5 sér., 1, 556-69.

- Dernière leçon de M. le professeur Potain. Paris: impr. de J. Gainche, 1900.

- La pression artérielle de l'homme à l'état normal et pathologique, par le professeur C. Potain,... Paris: Masson, 1902.

 

Literatur zu POTAIN:

- An outstanding french clinician: Pierre-Carl Edouard Potain, MD, 19 (7), 1975: 63.

- López Piñero, J.M. Patología y medicina interna. En: Pedro Laín (dir), Historia Universal de la Medicina. Barcelona , Salvat, vol.6, pp. 123-164, 1974.

 

Exponat

Bei Patienten mit extremer Atemnot führte er eine Thorakozentese durch, entfernte die Flüssigkeit mit seinem Aspirator und schloss einen anderen selbstgebauten Apparat an, der stufenweise wieder Luft zuführte. Vorgestellt wird die von ihm entwickelte, (vielbenutzte) Aspirationspumpe, um Thoraxergüsse zu punktieren und abzuleiten - ein Vorläufer der Transfusionsbestecke ....

Chirurgie


Aspirationsspritze n. POTAIN

 

 

Diese Aspirations-Spritze nach POTAIN stammt aus dem Nachlass des ab 1923 in Diekirch niedergelassenen Arztes Paul HETTO - ein Zeichen für die weite Verbreitung der Spritze. Erworben hatte er den Kasten in München bei dem königlich-bayerischen Hoflieferanten Carl Stiefenhofer.

Chirurgie


Aspirationsspritze n. DIEULAFOY

 

 

Zur Punktion von Höhlen und Abszessen diente die Zweiwegespritze nach Paul-Georges DIEULAFOY (1839-1911).

 

Geboren in Toulouse am 18. November 1839 kam er nach Paris, um Medizin zu studieren. Von Anfang an hatte er das Verlangen, im klinischen Unterricht dasselbe Prestige und in der Gesellschaft dieselbe Vorrangstellung zu erreichen wie sein Vorbild Prof. Armand TROUSSEAU. 1865 wurde er Erster im Wettbewerb des Internates. Am 14.5.1869 verteidigte er seine These: "Vom plötzlichen Tod im typhusartigen Fieber". Noch im selben Jahr verbesserte er die Technik der Thoracozenthese bei Brustfellentzündungen und gab ein Gerät an, um die Flüssigkeiten zu evakuieren – die heutzutage nach ihm benannte Spritze ...

 


1873 veröffentlichte er einen Vortrag über die Aspiration der pathologischen Flüssigkeiten. Diese Erfindung reiht sich ein in seine zahlreichen Arbeiten über die Brustfellentzündungen - man kennt die Bedeutung, die er abgekapselten Brustfellentzündungen gab, besonders der interlobären Brustfellentzündung.


1910 zum Präsidenten der Académie de médecine gewählt, starb DIEULAFOY am 16.8.1911 in Paris.

 

Lit.:

  • G. Dieulafoy, Etude sur l'appendicite, La Presse Médicale 1896, p.12.
  • G. Dieulafoy, Traité de l´aspiration des liquides morbides. Méthode médico-chirurgicale de diagnostic et de traitement. Paris, Masson and London, 1873. 483 pages.
  • G. Dieulafoy, Manuel de pathologie interne. Paris, 1880-1884.
  • G. Dieulafoy, Cliniques médicales de l'Hôtel Dieu, Paris (1897)
  • G. Dieulafoy, Histoire de la Médecine par Maurice Bariéty et Charles Coury , Fayard Editeur.
  • Ostini, S., L’aspirateur souscutané de Georges Dieulafoy (1869), in: Rev Med Suisse Romande. 1993 Jan;113(1):69-70.

Chirurgie


Beinschiene (1)

Schiene n. Volkmann, um 1930 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon die Antike kannte Beinschienen aus Metall. Im Mittelalter wurde das Bein nach Reposition der Knochen [mittels Schraubzwinge] mit Linnenstreifen umwickelt, auf die Holzspäne in Längsachse des Beines aufgeleimt wurden. Diese Späne wurden dann mit Stricken zusammengezurrt um den Knochenfragmenten Halt zu geben.

Die hier vorgestellte Blechschiene zur Ruhigstellung einer Beinfraktur - ein etwas störendes Sammelobjekt für einen Frauenarzt - wurde benannt nach dem grossen Chirurgen Richard von VOLKMANN (1830-1889). In Leipzig geboren wurde er Schüler von John LISTER (1827-1912). Ab 1867 war er Professor der Chirurgie in Halle und konnte Dank der erlernten Antisepsis sich an die Chirurgie der Gelenke wagen. Er war ein grosser Freund des US-amerikanischen Chirurgen HALLSTEDT, nach dem die Brustamputation benannt ist - so besteht doch ein Zusammenhang mit der Frauenheilkunde!

 

Seine Blechschiene für die untere Extremität aus (angeblich) nicht rostendem Zinkblech wurde weltweit benutzt - während des Ersten Weltkrieges wurde sie in der Not vielfach aus Regenrinnenblechen hergestellt (cit. Léon Binet, Le guide du médecin aux tranchées ou Petit arsenal chirurgical à l’usage des infirmiers, Paris 1916)!

 

Das hier vorgestellten Modell gehörte zum Praxisinventar des 1979 verstorbenen Arztes Paul HETTO aus Diekirch. Es bestand aus zwei Hälften und konnte durch Übereinanderschieben der beiden Hälften verlängert oder verkürzt werden um es dem Bein des Patienten anzupassen.

 

Nota: Der belgische Militärarzt Antonius MATTHIJSEN (1805-1878) erfand 1851 den Gipsverband, der rasch alle andern Arten von Dauerverband verdrängte. Nicht jeder fand Gips eine gute Lösung. So liess 1890 der britische Prothetiker George BEACOCK einen Verband aus Leder patentieren, der, angefeuchtet und mittels vieler Perforationen atmungsaktiv, wie ein Korsett um das verletzte Glied geschnürt wurde. Klar, welchem Engländer hätte eine Behandlung mit "Plâtre de Paris" gefallen können, dem historischen Erzfeind ...