Chirurgie


Haarseilnadel

Haarseilnadel
 

 

Schon die Alexandrinische Schule bediente sich einer zinnern, mit einem Oehr versehene Sonde um Ligaturen einzuziehen.

 

Eiterband, Haarschnur (lat. setaceum). Die französische Bezeichnung "séton" kommt vom lateinischen "seta" für die Schweineborste. In der Tat legten die ersten Chirurgen Schweineborsten in die Wunden, um den Eiterablauf zu erleichtern. Ihre Nachfolger benutzten die längeren Pferdehaare, deren Nachfolger Baumwollfäden – schon 1370 sprach Guy de Chauliac vom céton als einer «mèche de coton passée à travers la peau pour entretenir un exutoire» (La Grande Chirurgie [trad. du lat.] d'apr. Sigurs, p. 74).

Man sagte: ein Haarseil legen, stecken oder setzen.

 

Das Haarseil war ein aus Rosshaaren gedrehetes Seil, welches durch die Haut gezogen wurde, um ein künstliches Geschwür zu erwecken; insbesondere wurde es vom 16. bis 19. Jahrhundert gegen Augenerkrankungen und gegen Epilepsie angewendet.

 

Dem Patienten wurde mit einer Haarseilzange ein Stück Nackenhaut angehoben. Es ging aber auch ohne Zange: nachdem der Chirurg die Haut in Erschlaffung versetzt hatte, bildete er eine Längenfalte, deren eines Ende er einem Gehülfen übergab, während er das andere mit der linken Hand selbst hielt.

 

Zur Technik

Nachdem er mit einem Bistouri zwischen beiden Haltehänden einen Kanal gestochen hatte, führte der Chirurg ein mit einem Oehre (Auge) versehenes Stilet, in das eine Wieke (Fäden) eingefädelt war, auf der Klinge durch die Continuitätslösung und liess die Fäden (oder die Wieke) darin zurück. Durch die beiden Hautschnitte wurde also eine Haarseilnadel mit dem Haarseil, einer Schnur aus Rosshaar, Leinwand oder ähnlichem, durchgestoßen.

Das Haarseil verblieb einige Tage unter der Haut, bis sich Eiter bildete. Diese Eiterung sollte nun zur „Ableitung böser Säfte“ aus dem Rest des Körpers beitragen. "Zu der Benennung mag wohl Veranlassung gegeben haben, daß sich die Alten zu gleichem Zweck der Pferdehaare bedienten. Der gleichsam unter einer Hautbrücke durchgezogene leinene Streifen, der höchstens einen Zoll breit sein darf, aber gegen zwei Fuß lang sein muß, wird durch einen angemessenen Verband befestigt. Ist die Eiterung eingetreten, so wird der Verband täglich einmal oder öfter erneuert und bei der jedesmaligen Erneuerung das den eiternden Wundkanal grade ausfüllende und aus diesem hervorgezogene Stück des leinenen Streifen abgeschnitten, dieser aber nachgezogen und abermals befestigt u.s.w. Je nach dem Sitze des Übels, gegen welches man das Haarseil anbringt, wählt man verschiedene Gegenden des Körpers zur Anlegung. Am häufigsten bringt man es im Nacken an, außerdem aber auch an der Brust, in der Leber-und Magengegend, am Unterleibe, an den Oberschenkeln u.s.w. Es findet in einer großen Anzahl, namentlich langwieriger, Krankheitszustände Anwendung und ist mitunter von ausgezeichneter Heilwirkung. So hat man es bei manchen Gehirnleiden empfohlen; ganz vorzüglich aber bei hartnäckigen Augen- und Ohrenentzündungen, bei Ausflüssen aus den Ohren, Lungenschwindsucht u.s.w. Häufiger noch ist seine Anwendung in der Thierheilkunst" (Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, 1. Auflage, Leipzig: F. A. Brockhaus, 1837 – 1841).

 

Indikationen  

- "Haarseil (Setaceum), eine ehemals aus Pferdehaaren verfertigte, jetzt meist baumwollene od. seidene auch leinene Schnur, od. ein Bändchen aus Leinwand, od. ein an den Seiten ausgezogener Leinwandstreif. Man braucht es, um ein künstliches Geschwür zu bewirken. Man sticht eine hinlänglich breite Nadel (Haarseilnadel), in deren Öhr das mit Digestivsalbe bestrichene H. eingebracht ist, in eine zu diesem Zweck mit dem Finger od. einer eignen Zange (Haarseilzange) aufgehobene Hautfalte, zieht dann das Haarseil durch und läßt es nun in der Wunde liegen, wo sich bald eine erhebliche Eiterung bildet, die dadurch, daß man das H. ein- bis zweimal täglich nachzieht, unterhalten wird. Ehedem galt es bei Lungen- u. Herzleiden, Schwerhörigkeit, zumal aber bei Gehirn- u. Augenleiden als heilsamstes Ableitungsmittel; jetzt ist es ziemlich außer Gebrauch, außer etwa bei Thierärzten. Außerdem diente es auch eine Geschwulst durch Eiterung zu verkleinern od. zu zerstören, auch um Kanäle wegsam zu machen u. wird dann durch diese mit der Haarseilnadel od. einem Stilet eingeführt. Bei Thieren dient als H. gewöhnlich ein mit Salbe bestrichener Riemen (Abflußriemen, Abflußschnur), damit die bösen Säfte eines kranken Theils, aus einer absichtlichen Wunde (Abflußwunde) abfließen" (Pierer's Universal-Lexikon, Altenburg, 4. Auflage 1857–1865).

- FABRICIUS Hildanus (1560-1634) berichtete über zwei Fälle von Epilepsie, wo alle übrigen Mittel versagt hatten. Er heilte sie dauernd durch Anlegen eines Haarseils im Nacken. Auch der französische Kliniker Lazarus RIVERIUS (1589-1655) berichtet in seiner "Praxis Medica" über Heilung der Epilepsie durch Haarseil und Kauterien.

- Sehr verbreitet war die Anwendung des Haarseiles bei Lungentuberkulose. Ausdrücklich wurde es bei diesem Leiden auch von den wissenschaftlich gebildeten Ärzten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts allgemein als sehr wirksam empfohlen und angewendet. Eine darauf bezügliche Schilderung findet sich noch in dem 1826 erschienenen Roman von Wilhelm Hauff "Der Mann im Mond", wo ein Lungenkranker ein an der Brust befestigtes Haarseil trägt.

"Wenn keine Haarseilnadel bei der Hand ist, so kann die Hautfalte mit einer Lanzette durchstochen und der Faden alsdann mit einer Sonde eingebracht werden (S.176). Die Franzosen wurden so sehr mit dem Gebrauche der Haarseile vertraut, daß sie ihn nicht nur auf Fleischwunden beschränkten, sondern siesogar durch den Thorax, den Unterleib und das Kniegelenk zogen" (Samuel Cooper, Neuestes Handbuch der Chirurgie in alphabetischer Ordnung, Band 3, 1821 S.546).

 

Zusammenfassung

In das Oehr wurde ein Seil eingefädelt. Dann wurde die Haut des Nackens an zwei Stellen eingeschnitten und die Nadel von der einen Hautwunde zur anderen durchgestossen. Das von der Nadel in die Wunde gezerrte Seil blieb über mehrere Tage in der Wunde liegen - es kam zu einer (gewollten) Eiterung, die eine andere (unerwünschte) Eiterung (in Auge, Ohr oder Gehirn) "nach aussen ablenkte" - eine geläufige Behandlung im 16. bis 19. Jahrhundert! 

 

Exponat

Trousse des französischen Fabrikanten Mathieu, darauf eine 14 cm lange Nadel-Sonde mit besonders großem Oehr. "Die Nadel-Sonde oder Oehr-Sonde hat an ihrem dickeren Ende ein längliches Oehr, vermittelst welches Haarseile oder Faden durch Wunden oder Fisteln gezogen werden" (Julius Leo, Instrumentarium chirurgicum, Berlin 1824 S.3).

Hersteller: Louis Mathieu ( 1817-1879)

 

Lit.:

Louis Shepard de Forest, Das ableitende Verfahren mittels Fontanelle oder Haarseil bei Erkrankungen des Central-Nervensystems. Inaugural-Dissertation, Verlag A. Neuenhahn, 1885.

Chirurgie


Haemorrhoidenkühler n. ARZBERGER

Artzberger 1876
 

 

    Haemorrhoiden quälen Stadt-menschen, die von einem Stuhl zum andern wandern, aber auch Naturmenschen, insbesondere Reitervölker, die im Sattel geboren werden und dort sterben: im Kaukasus, berühmt für seine reitenden Steppenbewohner, bedienen sich die Menschen selbstgefertigter Eis-Kerzen, die sie sich in den Allerwertesten schieben. In den 1870er Jahren entwickelte der aus WIen stammende ARZBERGER ein Gerät zum Kühlen.

 

In der Sitzung der K.K. Gesellschaft der Aerzte vom 1. Februar 1867 stellte Dr. Johann Freiherr v. DUMREICHER (1815-1880) die "Mastdarmolive" vor (Wiener medizin. Zeitung 1867 Nr. 6, S.46 und Nr. 12, in der letzteren Notiz ist der Name genannt). In der Wiener medizin. Wochenschrift 1867 S.200 ist der Name ARZBERGER's allerdings verkehrt angegeben, es heißt hier, daß Professor "Arnsburg" den Apparat bei Haemorrhoidalblutungen an sich selbst mit Vorteil angewandt habe.

 

"Der Atzperger'sche (sic) Kühlapparat. Dieser Apparat besteht aus einem metallenen Zapfen mit einem birnförmigen Ende und ist mit einem Zu- und Abflussrohre versehen, welche durch Kautschukschläuche mit einem höherstehenden Reservoir und einem auf dein Boden stehenden Gefässe in Verbindung gebracht sind" (Hugo Ziemssen, Klimatotherapie, in: H. Weber; Balneotherapie, von O. Leichtenstern Handbuch der allgemeinen Therapie, Verlag Vogel 1881 S.239). 

"Neben [Wilhelm] Winternitz, [Gustav] Gärtner (1855-1921) und [Arno] Krüche (1854-1926) und Atzberger, der das „Eiskataplasma“ entwickelte [gemeint war: Arzberger, der in den 1870er Jahren zur Behandlung von lokalen Pruritusformen und zur Kalorisation der Prostata den Mastdarmkühler entwickelt hatte, war es vor allem [Max] Matthes (1865-1930), der sich eingehend mit der extremen Kältetherapie zum Teil nur für einzelne Organe befaßt hat" (Hubertus Averbeck, Von der Kaltwasserkur bis zur physikalischen Therapie. Europäischer Hochschulverlag Bremen 2012 S.252).

 

Friedrich ARZBERGER (1833-1905), 1861 wurde der aus Wien stammende Assistent an der montanistischen Lehranstalt Friedrich Arzberger in Leoben zum Controlor bei der Berg-, Hütten- und Hammerverwaltung Jenbach. 1866: "haben Se. k.k. Majestät den Professor der Berg- und Hüttenmaschinenlehre an der Pribramer Bergakademie Julius Ritter v. Hauer zum Professor desselben Faches an der Bergakademie in Leoben und den Radwerks-Verweser in Vordernberg Friedrich Arzberger zum Professor derselben Gegenstände an der Bergakademie in Pribram allergnädigst zu ernennen geruht (Z. 44815, ddo. 10. Oktober 1866). Professor der technischen Hochschule in Wien, vorher Brünn. In den 1870er Jahren entwickelte er den Mastdarm-, den Kopf-, den Prostata-, den Herzkühler usw. – ein Techniker, kein Arzt. 

"Friedrich Arzberger ist der Erfinder des bei Mastdarmleiden verwendeten Mastdarmkühlers (Olive) und der heute als Leiter'sche Kühlapparate in verschiedenen Formen zur Kühlung einzelner Partien des Körpers angewendeten Vorrichtungen. (Vgl. Allg. Wiener med. Zeitung 1867, pag. 98. In der Realencyclopädie der ges. Pharmazie, 2. Aufl. Bd.VII S.192, ist der Name unrichtig als Atzperger'scher Mastdarm-Kühlapparat angegeben" (Hans Heger, Pharma-zeutische Post Bd.42 1909 S.89).

Paul Richter, Historische Beiträge zur Urologie, 2. Der "Arzberger'sche Kühlapparat", Zeitschrift für Urologie, Band VII 1913.

(http://www.hinterberger.org/wiki/index.php?title=Friedrich_Arzberger).

Auf demselben Prinzip beruhen einige für besondere Regionen konstruierte Apparate, deren ältester der ARZBERGER'sche Mastdarmkühler ist.

 

"Er stellt eine in den Mastdarm einzuführende Olive dar, die durch durchfließendes Wasser gekühlt wird. Winternitz hat denselben nach Art einer Mantelkanüle verbessert, deren Konstruktion aus der beigegebenen, dem Winternitz-schen Lehrbuch entnommenen Zeichnung deutlich ist. Es ist eine Art Katheter à double courant, bei welchem das durch ein Rohr aufsteigende Wasser sich am oberen Ende entleert und durch die Oeffnungen des das Rohr umgebenden Mantels abströmt. Durch Regulierung von Ab- und Zufluß kann man die darüber gebundene Fischblase oder den Gummicondom beliebig spannen. Man erreicht damit ein sehr exaktes Anliegen an die Wand des Rectums. Ein ähnlicher Apparat ist von Kisch für die Vagina angegeben" (Max Matthes, Lehrbuch de klinischen Hydrotherapie für Studierende und Aerzte. Verlag Gustav Fischer, Jena 1900).

 

Wilhelm WINTERNITZ (1834-1917), war Arzt und besaß in Kaltenleutgeben eine Anstalt mit Kaltwasserheilungen.

 

Indikationen 

Erste Indikation waren blutende Haemorrhoiden. ARZBERGER hatte seinen Apparat in dieser Indikation an sich selber getestet.

Auch bei akuter Prostatitis konnte man die betroffene Region kühlen:

"Der Arzberger hilft besonders bei Urethritis posterior acuta, Prostatitis und Spermatocystitis acuta" (Th. Cohn, P. Frangenheim, H. Gebele, G.B. Gruber, Th. Heynemann, A. Lewin, E. Meyer, F. Necker, H.G. Pleschner, F. Oehlecker, P. Schneider, R. Siebeck, F. Suter, Speƶielle Urologie, Springer, Berlin 1928 S.402).

"Die Kälteapplikation bewerkstelligen wir vom Mastdarm aus mit dem sog. Arzberger-Apparat, ein Metallkolben von der Länge und Stärke eines Zeigefingers, der von kaltem Wasser durchflossen ist und auf diese Weise gekühlt wird. Diesen Arzberger-Apparat lassen wir 2-3mal täglich etwa 20 Minuten lang anwenden; das durchfliessende Wasser soll eine Temperatur von 8-10° haben" (A. von Eiselsberg, B. Breitner, P. Clairnond, R. Demmel, W. Denk, O. Frisch, W. Goldschmidt, R. H. v. Haber, G. Hofer, Th. Hrynt-Schak, O. Marburg, H. Neumann, Lehrbuch der Chirurgie: Zweiter Band Springer, Wien 1930 S.161).

 

Bei chron. Prostatitis konnte man mit diesem Gerät ebensogut wärmen:

"Die systematische Massage der Vorsteherdrüse und die fortgesetzte Wärmebehandlung mit Hilfe des Arzberger'schen Apparaates waren so ziemlich alles, was wir von wirksamen Mitteln gegen dieses Leiden (chronische Prostatitits) bisher besaßen. (..) Es ist darum mit Freude zu begrüßen, daß wir in der Diathermie eine Methode gefunden haben, die der bis jetzt angewendeten Wärmeapplikation nach Arzberger weit überlegen ist" (Josef Kowarschik, Die Diathermie, Springer 1926 S.165).

 

Exponat

Arzberger'scher Apparat

Herkunft: Minsk, Weißrussland. Ebay-Kauf 1/2018

Chirurgie


Haemorrhoidal-Knoten-Zange n. SMITH

P1030771
 

 

Blutende Haemorrhoiden zu behandeln war lange Zeit keine Selbstver-ständlichkeit, entleerte sich der Körper doch verdorbenen Blutes.  Noch im 18. Jahrhundert galt dies für eine Reihe krankhafter Zustände: "Die fliessende goldne Ader hält manchmal ihre ordentliche Zeit, und erscheinet alle Monate. In diesem Falle ist sie allemal für eine heilsame Entleerung anzusehen, die man keineswegs verstopfen darf. Vorzüglich ist sie bei dem Podagra und andern gichtigen Krankheiten, bei der Kurzathmigkeit, und bei hypochondrischen Zufällen heilsam" (Onomatologia Medico-Practica : Encyklopädisches Handbuch für ausübende Ärzte, Nürnberg 1784 S.1034).

 

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Einstellung der Ärzte, entsprechend wurde eine Reihe von Klemmen entwickelt, mit denen man innere Haemorrhoidalknoten fassen konnte im Hinblick auf ihre Ligatur oder Kauterisierung: insbesondere diejenige, die Bernard v. LANGENBECK (1810-1887) an der Berliner Charité entwickelte und diejenige, die Henry SMITH (1823-1894) am Londoner Kings College entwickelte. Erstere war eine Flügelzange zum Fassen einzelner hervorgezogener Hämorrhoiden. Letztere Klemme wird hier vorgestellt.

 

1876, in der 4. Auflage seines Buches "The Surgery of the Rectum" gab Henry SMITH (1823-1894) seine Klemme an. In der Zeitschrift Lancet vom 20. April 1878 (zit. Charles B. Ball, The rectum and anus, Philadelphia 1887 S.270) publizierte er die damit erzeugten Ergebnisse.

 

Noch im Katalog des Waarenhauses Berlin von 1910 finden wir die "Hämorrhoidalknotenzange nach Smith" mit ihrem Elfenbeinschuh.

 

Exponat

Warum der Fuß der Klemme einen Überzug aus (dunkelbraunem) Horn hat, war mir lange Zeit unbekannt, bis ich die Erklärung S.161 im Katalog von John Weiss & Sons (London/ England) fand: "with ivory guards for protection during cauterization". Elfenbein isoliert das umliegende Gewebe gegen die Hitze des Metallgestänges – nicht gegen elektrische Ströme, weil zur Zeit von SMITH vornehmlich mit der Apparatur n. PAQUELIN, nicht aber mit Strom kauterisiert wurde.

Europäische Fabrikate hatten einen Schuh aus Elfenbein - die Kolonien lassen grüssen. In den USA, wo man nicht ganz so leicht auf Elfenbein zurückgreifen konnte, bestand der Fuß aus Horn - Rindviecher gab es in den endlosen Prairien zur Genüge. Unsere aus Ocala / Florida importierte Zange (ebay) hat, abgesehen von einer Punzierung "43" (vermutlich eine Katalognummer), keine Herstellergravur und trägt Schuhe aus Horn (das stellenweise von Ungeziefer angeknabbelt wurde). Horn aber isoliert fast ebenso gut wie Elfenbein ...

Das Problem der Hitzeentwicklung beim Kauterisieren fand andere Lösungen. So bestrich der Chirurg am Hôtel-Dieu in Paris Léon-Clément VOILLEMIER (1809-1878), der die Analschleimhaut 1873 mit zwei messerförmigen Glüheisen linear kauterisierte, die Umgebung des Operationsfeldes mit Collodium "um die strahlende Wärme abzuhalten" (Wiener med. Wochenschrift 1873 S. 973)

Chirurgie


Hautklammerbesteck

Klammerungsset n. MICHEL, um 1930 

Schon "primitive Völkerschaften" hatten Techniken der Wundversorgung entwickelt. So benutzten brasilianische Indianer Ameisen mit starken Zangen, um eine Wunde zu klammern: die Köpfe werden den TIeren abgerissen sobald sie sich an den Wundrändern festgebissen haben.

Die moderne Chirurgie entdeckte diese Klammertechnik wieder und entwickelte sie zur "serre-fine" und zu den "Kölner Sparklammern". Mit ihnen konnte man im Ernstfall Wunden klammern, ohne die Haut zu betäuben.

a) Vorgestellt wird ein Besteck zur Wundnaht, frei nach Dr. Paul MICHEL (Congrès international de médecine 1900, section de chirurgie) -

Das ursprüngliche Gerät war eine "pince-revolver", ein Automat, aus dem man, ohne abzusetzen, 50 Agraffen schiessen konnte.

Die meisten Chirurgen aber waren eher an den Umgang mit normalen Pinzetten gewohnt und zogen es daher vor, die MICHEL'schen Klammern mit einer Pinzette zu setzen; allerdings benötigte man eine spezielle Pinzette mit 3 Zähnen auf jeder Seite. Der hier vorgestellte Kasten, ein vom Instrumentenmacher Moitzheim in Luxemburg geliefertes Metalletui, enthielt ursprünglich:

  • eine schmale Pinzette zum Anheben der adaptierten Wundränder,
  • eine breite Pinzette zum Anlegen der Klammern,
  • 25 Wundklammern aus Reinnickel und
  • 2 Häkchen zum Entfernen der Klammern.

Mit speziellen Agraffenhebern (nach MICHEL oder JOLY) wurden die MICHEL'schen Wundspangen geöffnet und "ausgehoben".

b) Die hier vorgestellte einzelne kombinierte Pinzette/Zange der französischen Firma DRAPIER dient zum einen zum Setzen der Klammern (rechter Teil), zum andern zum Entfernen (linker Teil). Im SIMAL-Katalog von 1936 finden wir sie als "pince à double usage pour poser et retirer les agrafes"

c) Rechts daneben eine moderne, US-amerikanische Klammer-entfernungszange einer Fa. "A". Leichtmetall, feste Nietung.


In der luxemburgischen Tagespresse finden wir gelegentlich Belege für die Anwendung dieser (oder ähnlicher) Klammern:
"Schieren, 3. Juni. Am Biertisch. Eine geringe Diskussion in einer hiesigen Gastwirtschaft führte abends zwischen zwei Gästen zu Streit, wobei der Landwirt Joh. Metz vom Schierenerhof seinen Gegner so unbarmherzig schlug, daß derselbe des Arztes bedurfte. Dieser mußte zum Schließen der Wunden einige Klammern ansetzen" (Escher Tageblatt vom 3.6.1935).
"Düdelingen, 14. Nov. Beim Spiel im Schulhof prallten zwei Kinder mit solcher Wucht mit den Köpfen zusammen, dass beide eine zentimeterlange Wunde über dem Auge davontrugen, die der Arzt zuklammern musste" (Obermoselzeitung vom 14.11.1936).
"Wiltz. 9 . Mai. Der 12-jährige Sohn des Gasthausbesitzers Herrn Wilmes von der Lann in Niederwiltz, erlitt beim Holzzerkleinern eine ernste Handverletzung. Er wollte ein Stück Holz festhalten, das ein anderer Knabe spalten sollte. Dabei wurde er vom Beil an der Hand getroffen. Der Arzt musste Klammern einsetzen" (Luxemburger Wort vom 9.5.1940)
"Petingen. Sturz von der Treppe. Dieser Tage stürzte der pension. Eisenbahninspektor Mich. D. aus der Neustraße in einer Gastwirtschaft so unglücklich die Treppe hinunter, daß er sich außer schweren Quetschungen eine klaffende Wunde am Hinterkopf zuzog u. das Bewußtsein verlor. Erst zwei Stunden später fand das Dienstmädchen den Verletzten. Sofort sorgte man für eine Ueberführung in die Klinik. Der Arzt mußte D. mehrere Wundklammern einsetzen" (Escher Tageblatt vom 19.12.1941).

Chirurgie


HEY's Säge

HEYs Säge
 

 

Trepanationssäge, (laut Verkäufer 1840-90), erworben 1/2017. Von allen HEY-Sägen, die ich kenne, ist sie die hässlichste: weder Holz- noch Perlmuttgriff, keine Taille. Und dennoch: ich liebe meine Rostlaube aus Romford in der Grafschaft Essex, weil ihr letzter Besitzer mich so unwiderstehlich anknurrte "ja ich verkaufe ins Ausland, aber wie so viele, werden Sie ja doch nicht kaufen ".

 

Mit der HEY'schen Säge wurde trepaniert, wurden das Schlüsselbein und die Fingerknochen durchtrennt, Exostosen abgetragen, das Wangenbein durchtrennt, Nasen abgeschnitten, Zähne mitsamt Kiefersegment ausgeschnitten ...

 

HEY hatte alle erdenklichen Formen ausprobiert, Sägen mit einem Blatt, mit 2 Blättern und jedem Krümmungsgrad. Unser doppelblättriges Modell hat eine Länge von 16.7 mm. Sägeblatt 3.2 x 4.7 mm. Gerade Säge 22 mm, gewölbte 25 mm (ab Stielmitte gemessen). Sägeblatt durch 2 Nieten gehalten. Geriffelter Teil des Griffes 89 mm lang, max. Breite des Griffes 16 mm.

 

Eine größere historische Übersicht über die Geschichte der Trepanation findet sich in folgender Würzburger Dissertation: "Aug. Friedr. Leisnig, Über Trepanation nebst Beschreibung der zu dieser Operation von mir erfundenen Messer-Krone, die sich vorzüglich für feldärztliche Etui's eignet, Würzburg 1844".

 

 

Zum Hersteller

Am Übergang zum geriffelten Griff findet sich die Markierung YOUNG, offenbar einer der zahlreichen Archibald YOUNG's "de père en fils" aus der Princes Street n°79, South Bridge n°40, Forrest Road n°61 usw. aus Edinburgh. Schon für John AITKEN (1770–1790) hatte ein Archibald Young aus Edinburgh eine Geburtszange geschmiedet (Elisabeth Bennion, Antique Medical Instruents 1979 S.120). 

Lit.:

- Archibald Young, surgical instrument maker, in: Nurs Mirror Midwives J. 1973 Feb 2;136(5):14-7.

- Ruth Pollitt, in 2005, she completed a Museum Studies, Master of Arts Degree at Newcastle University and undertook a historical research dissertation on the surgical instrument maker Archibald Young & Son of Edinburgh.

 

 

Zur Person von HEY

1803 gab der Chirurg William HEY (1736-1819) seine Knochensäge an, als er an der Leeds General Infirmary arbeitete und gedachte, damit Schädelöffnungen zu erleichtern. Erhalten ist von ihm ein Ölgemälde, das ihn sitzend zeigt, wie er ein Kind an der linken Schulter berührt - HEY war Kinderarzt und behandelte das Kind mit einer Claviculafraktur.

"Hidden from public view in many of our hospitals are works of art that reflect a rich medical and social history. From an era long before paediatrics became a specialty in its own right, there are few representations of the care of children. One exception is this painting of Leeds surgeon William Hey (1736–1819), remembered for the eponymous Hey’s saw and Hey’s ligament, together with his original descriptions of internal derangement of the knee. Hey worked for nearly 60 years, not only as apothecary-surgeon but also as a man-midwife and “paediatrician”, describing both infantile hernia and congenital syphilis. This portrait by William Allen was commissioned in 1816 as a testimony to Hey’s humanitarianism. He is shown examining a child with a fractured clavicle from the estate village of Harewood just outside Leeds. Incognito and observing the consultation is Lady Harewood, bent on testing Hey’s reputation for indifference to social circumstances and class when it came to medical duty. This charming image portrays both compassion and tenderness, a fitting example to those of us caring for children today. Hey’s outlook was no doubt moulded by his religious upbringing, personal experience of sickness and loss among his own children, and his desire that new discoveries in science and medicine should lessen the suffering of mankind. Hey’s marked squint can be readily appreciated; it resulted from a childhood penknife injury to his right eye. However, monocular vision proved no barrier to him becoming a famous surgeon, his writings recognised throughout Europe. He maintained perfect vision in his left eye until his death from a perforated colon at the age of 83. The portrait hangs in the Boardroom of the General Infirmary at Leeds, a hospital that originated through the endeavours of its eighteenth century founders, prominent among whom was Hey himself" (N Leadbetter, J W L Puntis, William Hey (1736–1819) and child patient, in: Arch Dis Child 2004;89:901).

 

An HEY wurden alle gemessen: "When Cheselden died.” says Benjamin Bell, “ Hey was fifteen years of age. John Hunter was born eight years before him. and died when Mr. Hey was fifty-five; Samuel Sharp died when Hey was forty-two; and Percivall Pott ten years later. Desault was his junior by eight years, and he predeceased Hey by twenty-three. He was contemporary with John Abernethy, Astley Cooper, John Bell, Charles Bell, Sir Benjamin Brodie and William Lawrence” - the great provincial surgeon, whose long life bridged the gulf between empirical and scientific surgery …

 

Hier ein Artikel aus JAMA: "William Hey was born at Pudsey near Leeds, Yorkshire, England, the son of a respectable tradesman noted for his overbearing honesty and ramrod integrity. His maternal grandfather and great-grandfather were surgeon and physician respectively. His mother, whose good judgment usually prevailed, held the greater influence in building the character of the large family. At the age of four young Hey had an accident with a penknife and lost the sight of his right eye; however, he retained excellent acuity in the left eye, even late in life performing the details of surgical practice without the aid of a corrective lens. Before he reached the age of eight, he was enrolled in an academy near Wakefield where he was instructed in the classics, natural philosophy, and the French language. At the age of 14 he complied with the wishes of his parents and was apprenticed to surgeon-apothecary Dawson in Leeds; he remained there until 1757, when he went to London to complete his medical education. During the first winter Hey spent long hours in the dissecting room and subsequently became a pupil of Bromfield in surgery, Donald Monro in medicine, and MacKenzie in midwifery at St. George's Hospital. Having completed his formal training, Hey returned to Leeds, set up practice, and without delay acquired a reputation as a surgeon. Leeds at that time lacked facilities for hospital care which prompted him to promote a program to correct the deficiency. In 1771, he witnessed the opening of Leeds Infirmary for the admission of patients. Hey was appointed senior surgeon at the Infirmary, a position held from 1773 to 1812. In the meantime he established a close friendship with Joseph Priestly, who then lived at Leeds and who sponsored his Fellowship in the Royal Society of London which was approved in 1775. Hey was president of Leeds Literary and Philosophical Society in 1783, and was twice mayor of the city. He loved music, was a profoundly religious man, and a strong Methodist until 1781, when he joined the Church of England and wrote Tracts and Essays, Moral and Theological, including a Defence of the Doctrines of the Divinity of Christ, and of the Atonement. During his mayoralty his severe denouncement of profanity and vice led the population to burn him ineffigy. Hey suffered a series of family tragedies; three sons, two daughters, and a daughter-in-law died from pulmonary tuberculosis. Hey was an excellent surgical operator and, as a member of the Royal College of Surgeons of London, late in life gave courses in anatomy on the bodies of executed criminals at Leeds Infirmary. He introduced significant improvements in the treatment of hernia, cataract, and dislocations; suggested amputation of the foot distal to the tarso-metatarsal joint; described and named the growth, and offered evidence of the transmission of venereal disease to the fetus in utero. In addition to Hey's religious tracts he contributed several manuscripts on structural anomalies to the Philosophical Transactions and wrote a monograph, Practical Observations in Surgery, first published in 1803. His two most important contributions to clinical surgery appeared in this volume. The of the of scrotal hernia description types in infants began with deductions from the autopsy findings of an 18-month-old child. I found that the tunica vaginalis was continued up to the abdominal ring, and inclosed the hernial sac, adhering to that sac by a loose cellular substance, from the ring to within half an inch of its inferior extremity. The fibres of the cremaster muscle were evident upon the outside of the exterior sac, or tunica vaginalis. The interior or true hernial sac was a production of the peritoneum as usual, and contained only the caecum or head of the colon... Having removed the proper hernial sac, I examined the posterior part of the exterior sac, and found it connected with the spermatic vessels in the same manner as the tunica vaginalis is, when the testis has descended into the scrotum. An additional proof, that the exterior sac was the tunica vaginalis. From all these circumstances it is evident, that this hernia differed both from the common scrotal rupture, in which the hernial sac lies on the outside of the tunica vaginalis; and also from the hernia congenita, where the prolapsed part comes into contact with the testicle, having no other hernial sac besides the tunica vaginalis. To understand the cause of the hernial sac being in contact with the testicle, and surrounded by the tunica vaginalis, it is necessary to consider the manner in which this coat of the testicle is originally formed. In the foetus a process of the peritoneum is brought down, through the ring of the external oblique muscle of the abdomen, by the testicle as it descends into the scrotum; which process forms an oblong bag communicating with the cavity of the abdomen, by an aperture in its upper part. This aperture is intirely closed at, or soon after, birth. The upper part of the bag then gradually contracts itself, till the communication between that portion of it which includes the superior and greater part of the spermatic chord, and the lower part of the bag, which includes the testicle and a small share of the chord, is obliterated. The lower part of the process or bag retains its membranous appearance, and is called tunica vaginalis testis propria; while the upper becomes an irregular cellular substance, without any sensible cavity, diffusedamongst the spermatic vessels, and connecting them together. In the hernia which I am describing, the intestine was protruded after the aperture in the abdomen was closed; and therefore the peritoneum was carried down along with the intestine, and formed the hernial sac. It is evident also, that the hernia must have been produced while the original tunica vaginalis remained in the form of a bag as high as the abdominal ring; on which account that tunic would receive the hernial sac with its included intestine, and permit the sac to come into contact with the testicle. The proper hernial sac, remaining constantly in its prolapsed state, contracted an adhesion to the original process of the peritoneum which surrounded it, except at its inferior extremity: there the external surface of the hernial sac was smooth and shining, as the interior surface of the tunica vaginalis is in its natural state. This kind of scrotal hernia may, therefore, not improperly be called hernia infantilis, as it can only exist when the rupture is formed while the parts retain the state peculiar to early infancy. The scrotal hernia may be divided into three species, the specific difference of which arises from the state of the tunica vaginalis at the time of the descent. If the abdominal aperture of this process is open when the intestine or omentum is protruded, the rupture is then called hernia congenita. If the upper part of the process remains open, but the abdominal aperture is closed, and is capable of resisting the force of the protruding part, the hernia then becomes of that species which I have now described, the hernia infantilis. If the cavity of the upper part of the process is obliterated, and the septum is formed a little above the testicle, as in the adult state; the hernial sac then descends on the outside of the tunica vaginalis, and forms the most common species of scrotal rupture, which may with propriety be called hernia virilis. In the same treatise Hey discussed the factors involved in internal derangement of the knee that follows minor trauma. The disease is, indeed, now and then removed, as suddenly as it is produced, by the natural motions of the joint, without surgical assistance: but it may remain for weeks or months, and will then become a serious misfortune, as it causes a considerable degree of lameness. I am not acquainted with any author who has described either the disease or the remedy; I shall, therefore, give such a description as my own experience has furnished me. The leg is readily bent or extended by the hands of the surgeon, and without pain to the patient; at most, the degree of uneasiness caused by this flexion and extension is trifling. But the patient himself cannot freely bend, nor perfectly extend the limb in walking; but is compelled to walk with an invariable and small degree of flexion. Though the patient is obliged to keep the leg thus stiff in walking; yet in sitting down the affected joint will move like the other. The complaint which I have described may be brought on, I apprehend, by any such alteration in the state of the joint, as will prevent the condyles of the os femoris from moving truly in the hollow formed by the semilunar cartilages and articular depressions of the tibia. An unequal tension of the lateral, or cross ligaments of the joint, or some slight derangement of the semilunar cartilages, may probably be sufficient to bring on the complaint. When the disorder is the effect of contusion, it is most likely that the lateral ligament on one side of the joint may be rendered somewhat more rigid than usual, and hereby prevent that equable motion of the condyles of the os femoris, which is necessary for walking with firmness".

 

Chirurgie


Impflanzette

um 1930 

 

 

Meyers Konversationslexikon 1910: "Lanzette (Wundnadel, Lanceola), ein chirurgisches, kleines, lanzenförmiges Messer, das aus einer dünnen, zweischneidigen, zwischen zwei Hornschalen befestigten Klinge besteht und zu verschiedenen Zwecken (Aderlassen, Impfen, Eröffnung von Abszessen) früher viel verwendet wurde".

 

Die hier vorgestellten Impflanzetten stammen aus dem Nachlass des ab 1923 in Diekirch etablierten Arztes Paul HETTO (1895 - 1979).

Chirurgie


Kauter (1)

Brenneisen, um 1800 

Zu den ältesten Problemen der Chirurgen gehört die Blutstillung. Bei diffusen Blutungen wurden vermutlich in der Frühphase adstringierende Pflanzen aufgelegt (Eichenrinde, Erdbeerwurzel etc) oder Mineralien (Alaun). Bei heftigen Blutungen wurde das spritzende Gefäss komprimiert. Schon 3000 v.Chr. kannten die Aegypter das Brenneisen ... Neben solch praktischen Massnahmen spielte bis ins 19. Jahrhundert die Anwendung von Magie eine Rolle: "Man sagt einen Spruch aus der Bibel leise vor sich hin, und bekreuzt dreimal die blutende Stelle mit dem Zeigefinger" (Georg Friedrich Most, Encyklopädie der Volksmedizin, 1843 S. 90).

Im 10. Jh. begannen die Araber, das Brenneisen in der psychiatrischen Therapie einzusetzen: bei Epilepsie, Melancholie und Kopfschmerzen (Brennpunkte am Schädel).

Die meisten Chirurgen besassen seit jeher Brenneisen in ihrem Instrumentarium – die unterschiedlichsten Formen waren in Gebrauch – und brannten damit Hämorrhoiden, blutende Wunden, Amputationsstümpfe etc. aus. Man erinnere sich an den Widerwillen, den Ambroise PARE empfand, die Soldaten zu brennen – er ersetzte das glühende Eisen durch Öl mit Zusatz von Eigelb.

Etwas verwunderlich ist das Brennen bei Zahnschmerzen (Brennpunkte in der Mundhöhle), bei Rippenfellentzündung, Wassersucht (Brennpunkte am Leib).

Vielfach wurde auch mit diesen Eisen geschnitten (Italien des Mittelalters).

In manchen Gegenden Deutschlands pflegte man die Irrsinnigen mit glühendem Eisen zu brennen, ihnen ein sog. „Brandsiegel“ aufzudrücken. Man hoffte, auf diese Weise, den Krankheitsdämon herauszubrennen, oder, wie andere meinten, ein Loch zu schaffen, durch das man ihn hinausjagen konnte. Zu den Indikationen der Kauterisation siehe auch den Beitrag PAQUELIN (1)

Das hier vorgestellte Set stammt vom Trödelmarkt in Metz-Grigy, es befand sich in einem Ensemble von humanmedizinischen, insbes. gynäkologischen Instrumenten – dies um den Verdacht auszuräumen, dass es sich um veterinärmedizinische Instrumente handeln könnte. Neun Eisen, die in einen Wechselgriff eingeklickt werden konnte: während das eine Eisen im Einsatz war, wurde das nächste bereits im Kohlefeuer zur Rotglut gebracht. Der Name des Hersteller ist in zwei der Eisen graviert: BOURDEAUX. „Bourdeaux l’ainé“ war Instrumentenbauer in Montpellier.

Als der Engländer Percivall POTT (1714-1788) – der gleiche, nach dem der „morbus POTT“, d.h. die Wirbeltuberkulose benannt ist, – als dieser auf die Eisen verzichtete, war dies der Anstoss zum allgemeinen Verlassen der Methode. Dafür kamen nun die Thermo- und Elektrokoagulationsgeräte in Mode sowie die Ätzstifte.

Der Franzose bezeichnete die runden Eisenspitzen als "boutons de feu". Im Volkstum lebt die Methode fort, z.B. im Sprichwort: "C’est un cautère sur une jambe de bois" , d.h. da brennst du ein Holzbein, um zu sagen, dass dieses Medikament nichts auzurichten vermag!

Lit.:

  • Walter von Brunn: Zur Geschichte der Blutstillung, Die medizinische Welt 9 (1935), S. 107f.
  • E. F. Heeger: Zur Geschichte der Blutstillung im Altertum und Mittelalter, Wiener klinische Wochenschrift (1910), S. 1006-1008 und 1079-1080.
  • Michael Sachs, Geschichte der operativen Chirurgie, Bd. I: Historische Entwicklung chirurgischer Operationen, Kaden Verlag Heidelberg, 2000.
  • Michael Schlathölter, Geschichte der Theorie und Praxis der Wundheilung und Wundbehandlung unter besonderer Berücksichtigung des 19. und 20. Jahrhunderts, Münster 2005

Chirurgie


Kauter (2)

Elektrokauter, Zusätze, um 1930 

Moderner als der "Paquelin" waren ab dem frühen 20. Jahrhundert Geräte, bei denen der Platinfaden elektrisch aufgeheizt wurde. Die Galvanokaustik wurde in Finnland durch Gustav Samuel CRUSELL (1818-1858) aus Tammela erfunden und zur therapeutischen Reife weiterentwickelt - 1848 gründete er in St. Petersburg das "Institut électrolytique".
Der ab 1843 in Tübingen lehrende Chirurg Victor von BRUNS (1812-1883) griff die Methode auf und brachte sie zu hoher Vollendung.

Aus dem Nachlass des in Diekirch niedergelassenen Arztes Paul HETTO (1895-1979) stammt das hier vorgestellte Sortiment von Sonden eines (verschollenen) Gerätes der Pariser Firma DRAPIER.

Die Rollen und Platten (links im Vordergrund) dienten der (internistischen) Elektrotherapie, bei welcher der Strom direkt am Patienten ansetzte.
Die Glühfäden der Sonden (Bildmitte und oben querliegend) dienten der monopolaren Elektro-Koagulation kleiner Blutungen, die nur schwer chirurgisch zugängig waren.
Neutrale Plattenelektroden rechts im Vordergrund.

Chirurgie


Kauter (3) n. PAQUELIN

 

 

Früher benutzte man Brenn- oder Glüheisen, die in der Flamme erhitzt wurden, dann den Thermokauter von PAQUELIN (1836—1905), bei dem ein verschieden geformter Hohlkörper aus Platin zum Glühen erhitzt und dann durch Einblasen eines Gemisches von Luft und Benzindampf, das an der glühenden Platinfläche verbrennt, glühend erhalten wurde.

 

Claude-André PAQUELIN *30.12.1836 in Vaucluse - Avignon. Er studierte zunächst Pharmazeutik, wechselte dann zur Human- medizin. Die Tatsache, dass er ein Patent auf seinen Brenner anmeldete, wurde ihm von vielen Kollegen angekreidet (Scientific American, v 45 (ns) no 9, p 137-8, 27 August 1881). Er starb 1905.

 

Er schrieb:
C.A. Paquelin und Léopold Jolly, Etudes de biologie : théories nouvelles, Paris , chez A. Delahaye, 1875, 166 S. 16 cm.
Srassen in Paris und Avignon tragen seinen Namen.

 

"Le thermocautère fut créé en 1875 par le docteur Paquelin et perfectionné en 1891. Il est fondé sur la propriété qu'a le platine de s'échauffer en condensant certains gaz ou vapeurs, en particulier les carbures volatils de l'essence minérale." (Larousse universel en deux volumes, 1922).

"Handlicher und vielseitiger verwendbar sind die galvanokaustischen Brennapparate" (Meyers Konversationslexikon 1909).

"Ce même instrument, sous d'autres noms (pyrophore, pyrographe, etc.) a par la suite été utilisé dans l'industrie, notamment dans l'industrie de la métallurgie. La poétesse de renom, Madame Fawzi Malhasti lui a consacré plusieurs sonnets".

 

Die Benutzung des Gerätes war eher umständlich. Die Platine musste eine Minute lang über der offenen Flamme vorgeglüht werden, bevor man die Benzindämpfe durch den Schlauch pusten konnte. Der "Paquelin" fand dennoch weite Verbreitung (1876 in Cuba eingeführt) und hielt sich weltweit bis nach dem 2. WK. auf dem Markt. Es war das Standard-Verschorfungsgerät - man verschorfte "wildes Fleisch", brannte Bisswunden aus um die Tollwutgefahr zu mindern. Man koagulierte bei niedriger Temperatur und schnitt bei hoher Temperatur. Noch Heinrich MARTIUS (Gynäkologische Operationslehre, 1960) verschorfte Wundflächen mit dem "Paquelin" (S. 200) und durchtrennte mit diesem Gerät die Darmschlingen (S. 407). Offenbar war das Wort "Paquelin" zum Inbegriff der Kauther geworden, und wurde auch da noch benutzt, als man längst elektrische Kauter verwandte.

 

Dabei gab es seit 1930 die Elektrocoagulation: "An der Klinik des bekannten Wiener Chirurgen und Universitätsprofessors von Hohenegg wurde dieser Tage ein schwer gelbsüchtiger Mann einer Bauchoperation unterzogen, bei der bemerkenswerter weise zum erste Male statt des Messers, der elektrische Spitzbrenner eines gewöhnlichen Diathermie-apparates zur Anwenbung gelangt. Diese Methode beruht auf der Eigenschaft des elektrischen Funkens, dass er die Gewebe des Körpers zerstört. Wird der Körper des Patienten auf eine Bleiunterlage gelegt, die mit dem einen Pol des elektrischen Stromkreises verbunden ist und führt man den Spitzbrenner, der an den anderen Pol angeschlossen wird, über die zu operierende Körperstelle, so zerteilen die überspringenden Funken das Gewebe und es lassen sich Schnitte genau wie mit einem Operationsmesser ausführen. Eine solche Operation hat jedoch nicht nur den Vorteil, daß sie nahezu unblutig verläuft, sondern die Wunden heilen nach übereinstimmender Beobachtung auch bedeutend leichter unb schneller. Außerdem sind eitrige Wundinfektionen ganz ausgeschlossen" (Luxemburger Wort, 9. Januar 1930).

 

 

Exponat

Vorgestellt wird ein Brennapparat mit "boîte gainerie", der aus Barentin in der Haute-Normandie, (nordwestlich von Rouen) in Frankreich stammt. Ein ähnliches Gerät, diesmal MIT Blasballon, stammt aus der Region Midi-Pyrénées.

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Kauter (3a): Thermokauter n. PAQUELIN

Originalpublikation Paquelin 

 

 

Brennapparate sind ganz generell Vorrichtungen zur Zerstörung von Körpergeweben durch Glühhitze. Diese bewirkt, an Oberflächen flüchtig angewendet, Verbrennungen verschiedenen Grades, die in der älteren Medizin zur Ableitung bei Entzündungen durch die Moxen herbeigeführt wurden. Die Glühhitze bewirkte aber auch schnelle Blutstillung durch Bildung eines festsitzenden Schorfes, sichere Zerstörung bösartiger Geschwülste oder infizierten Gewebes und gestattete unblutige Durchschneidung blutreicher Gewebe. Daher wurden blutende Stellen der Nasenschleimhaut, der inneren Fläche der Gebärmutter (!) durch Brennapparate verschorft, durch Giftschlangen oder wutkranke Hunde erzeugte Wunden ausgebrannt, blutreiche Gewebe, namentlich bei gynäkologischen Operationen sowie bei Leber- und Lungenoperationen, mit dem Brennapparat durchtrennt.

 

 

1876 gab der französische Arzt Claude André PAQUELIN (1836-1905) einen Thermokauter an mit einer Platinspitze, die innerlich mit feinst verteiltem Platinmoor* gefüllt war, das nach einmaliger Erhitzung bis zum Glühen, und durch ein (über ein Gebläse zugeführtes) Benzin-Luftgemisch (oder andere entzündliche Dämpfe) glühend gehalten werden konnte.

 

 

*Die Entdeckung der katalytische Wirkung des Platinmoores geht auf den Apotheker Johann Wolfgang DÖBEREINER (1780-1849) zurück. 1816 war ihm mit Hilfe von Platinmoor die Oxidation von Alkohol zu Essigsäure gelungen. Einige Jahre später gelang ihm mit der Entzündung eines Knallgasgemisches unter dem Einfluss von Platinschwamm eine der wichtigsten Entdeckungen der frühen Katalysechemie. Sie führte zur Erfindung des Döbereinerschen Platinfeuerzeugs, das zu einem begehrten Handelsobjekt wurde.

 

 

Exponat

Textbuch von Paquelin, erstanden 2005 bei einem Händler in Juan-Les-Pins.

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Kauter (4) n. Schech

Kautergriff n. SCHECH
 


Philipp Schech (1845-1905) war Professor an der Uni München und maßgeblich am Aufbeu einer HNO-Abteilung beteiligt.

 

Er schrieb:

- Die   Galvanokaustik   in   der   Laryngochirurgie.   Ärztl. Intelligenz-blatt 24 (1877) 443-444

- Die Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre mit Einschluss der Laryngoskopie und local-therapeutischen Technik für praktische Aerzte, 1897.

 

Zur Galvanokaustik gutartiger Tumoren benutzte Schech einen schlanken Flach- oder Spitzbrenner, den er kalt auf das Knötchen aufsetzte, und den Brenner nur sehr kurz zum Glühen brachte. Daraufhin folgte meist eine starke Umgebungsreaktion mit Rötung und Schwellung, die häufig zu einer Heiserkeit führte, die manchmal mehrere Wochen anhalten konnte.

Schech benutzte die Galvanokaustik vor allem im Rachen und in der Nase, weniger häufig im Kehlkopf. Behandelt wurden damit zirkumskripte Hyperplasien, Bindegewebs-wucherungen, Pachydermien, Granulationen, Neubildungen, tuberkulöse Geschwüre und Polypenreste.

 

 

Exponat

SCHECH selbst hatte einen Universalhandgriff für Galvanokaustik entwickelt, der von verschiedenen Mechanikern in Tübingen, München und Erlangen angefertigt wurde und käuflich erworben werden konnte. Der technisch komplizierte Griff war dazu bestimmt, nicht nur die festen, sondern auch die verstellbaren schlingenförmigen Ansätze aufzunehmen.

Herkunft: Flohmarkt am "Hafen" / Innsbruck 8/2018.

Chirurgie


Kauter (5) Elektrokauter / Griff

 

So sahen Handschalter aus, bevor es EU-Richtlinien gab...

Oberes Bild: rechts die Stromzufuhr, links die beiden Pole für den Glühdraht.
Untere Reihe: ein, aus: Arrêtierung für den Dauerbetrieb, indem man die Taste nach vorne schob.

Verchromtes Teil, gestempel: A. GAIFFE à Paris.

Ladislas GAÏFFE (*16.1.1832 in Nancy; gest. in Paris am 9.4.1887) nannte sich Adolphe G., nach dem damals bekannten Unternehmer, Philosophen und Schriftsteller Adolphe GAÏFFE (1830-1903) - und signierte seine (ab 1856) in den "Entreprises de Construction Electriques Adolphe Gaiffe" in Paris hergestellten Kreationen entsprechend "A.Gaiffe". Unter der Leitung des Sohnes lief der Betrieb bis ins frühe 20. Jahrhundert weiter unter dem Namen "A.Gaiffe"!

Zur Biographie der beiden Gaiffe sehen Sie den Link:
www.swisscastles.ch/vaud/Oron/gaiffe.html.

Firmenkataloge
Gaiffe L.A., Notices sur les appareils électro-médicaux, Catalogue de 1874.
Gaiffe L.A., Matériel électro-thérapeutique, Catalogue. Chez Charraire et fils à Sceaux. 1885.

Eine beachtenswerte Sammlung von Elektrotherapiegeräten, u.a. aus den Werkstätten Gaiffe, finden Sie unter:
www.bium.univ-paris5.fr/aspad/expo10.htm