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Impfmesser (1), angebliches

um 1900 

Die Impfung stellt ein Übergangsgebiet dar zwischen Chirurgie und Innerer Mediizin, bei der die "opération" mit spezialisierten Lanzetten bzw. Messern durchgeführt wird.

Vorgestellt wird ein Messer mit Elfenbeingriff - am Schaft der Stempel "Delmenhorster Linoleum, Anker Marke, Karl Wüsthof, Solingen" . Aber zugegeben: eine gewisse Ähnlichkeit besteht mit einem Messer, das Elisabeth Bennion als "CHESELDEN's kurzes, konvexes Steinschnittmesser" bezeichnet und in die Zeit um 1750 datiert.

Als Linoleummesser bei der Anfertigung von Linolschnitten benutzte man diese Messer. Immer wieder wurden Messer ähnlicher Konstruktion zu den unterschiedlichsten Zwecken gebraucht - Fehldeutungen beim Kauf von "Skalpellen" sind daher unvermeidbar...




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Impfmesser (2), vermeintliches

um 1900 

Dieses elegante Messer besitzt eine herzförmige Klinge. Das Exponat - KEIN Impfmesser - macht auf ein gravierendes Problem bei der Identifizierung alter Skalpelle aufmerksam: ihre Ähnlichkeit mit ... Radiermessern (frz. grattoir; engl. erasing knife, steel eraser) - den (im 16. Jahrhundert aufgekommenen) "Ratzefummeln" unserer Ur-Grossväter !
"Keine Radirmesser mehr! sondern der bei M. Behrens Sohn in Luxemburg, auf dem Paradeplatz zu habende RADIR-Gummi wischt das mit Dinte sowohl wie mit Bleistift Geschriebene spurlos aus und man kann sogleich wieder auf die weisse Stelle schreiben. Preis 10 Sous per Stück, im Dutzend billiger" (Anzeige im "Le Patriote" vom 23.4.1853).


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Impferfolg, der messbare: die Pustel an der Impfstelle

AK, Pockenimpfung 1908

 

 

 

Luxemburg hatte seit 1906 ein modernes Impfgesetz:
“In der Luxemburger Kammer ist endlich der famose Impfparagraph des tüchtigen Seuchengesetzes in erster Lesung mit 25 gegen 14 Stimmen angenommen worden. Der Artikel lautet: Die Impfung ist obligatorisch im Laufe des ersten, die Nachimpfung im Laufe des elften Lebensjahres" (Echternacher Anzeiger vom 13.5.1906).

 


Das Gesetz wurde am 27.6.1906 votiert, trat aber erst Monate später in Kraft.

 

Am 20 Juni 1908 informierte der Landwirt (cf. Memorial n°45/1918) Pierre Lippert-Straus aus Roodt/Simmern den Impfarzt Dr. Félix AREND (1870-1952), dass die Impfung bei seinem Sohn angegangen war:
"Herr Dr. Arendts. Ich teile Ihnen mit, dass die Pocken anfangen zu wachsen, welche Sie unserm Knaben gesetzt haben".

"t'Pouke sinn ugaang" - die Lymphe hat gegriffen, sagte der Laie!

 

"Durch Beschluß des Unterzeichneten vom heutigen Tage ist Hr. Dr. Felix Arend, Arzt in Cap, zum Impfarzt provisorisch für die Jahre 1905-1906; und 1906-1907 für den ganzen Kanton Capellen ernannt worden. Luxemburg, den 29. Dezember 1905.
Der General-Director der öffentlichen Arbeiten.
K. de Waha".

 

Auch 1908 war Dr. AREND als Impfarzt bestallt, wie folgender Notiz im Gesundheitsbericht des Kantonalarztes für das Jahr 1908 zu entnehmen ist:
"Impfwesen. — Die Impfungen und Nachschau wurden von den bestellten Aerzten Dr Arend und Dr Tourneur, soweit ich erfahren und beobachtet habe, regelrecht vorgenommen" (Memorial n°51 vom 26.8.1909).




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Impfung, Suche nach Impfstoff

Brief, 1829 

1829 schrieb der Chirurg Laurent Frédéric BERNUTZ aus Bouillon an den Sekretär der Gesundheitskommission CLASEN in Luxemburg und bat um "suc vaccin" - um Pockenschutzlymphe: 
      "Monsieur
       Malgré le desire que j'ai de me
       prêter au desir du gouvernement
       je n'ai pu jusqu'alors me procurer
       du suc vaccin dans ce pays.
       Je vous aurai obligation de m'En
       Envoyer c'Est dans cette Esperance que j'ai L'honneur d'Etre
       Monsieur
       Votre tres humble Serviteur
       Bernard père
       Bouillon le 1. Juin 1829"

BERNUTZ fühlte sich von seinem Land im Stich gelassen und suchte Hilfe im Grossherzogtum ...

Die politischen Verhältnisse waren kraus! Bouillon war 1814 französisch geblieben und lag nun im "département des Ardennes". Artikel 69 des Wiener Kongresses vom 9. Juni 1815 resp. der sog. "2. Vertrag von Paris" vom 20. November 1815 integrierten das Herzogtum Bouillon in das Königreich der Niederlande, zusammen mit den Regionen Philippeville und Mariembourg. Am 25. August 1830 brach die Belgische Revolution aus, am 30. Oktober 1830 erhob sich die Stadt Bouillon, doch musste sich die Besatzung der Festung ergeben: am 15. November 1831 wurde Bouillon durch den Londoner Vertrag in das neu geschaffene Königreich Belgien integriert.

BERNUTZ hätte seinen Impfstoff folglich bei den niederländischen Behörden bestellen müssen. Als er scheiterte, wandte er sich nach Luxemburg - hier herrschte ... der König der Niederlande, wenn auch nur als Grossherzog !

Der königlich-grossherzogliche Erlass vom 18. April 1818 verfügte die obligatorische Pockenimpfung der Armen Kinder und der Insassen von Wohltätigkeitsinstitutionen. Wo also besorgte man sich um 1828 die Impflymphe? In endemischen Gebieten gewann man die Lymphe aus den Pusteln von Kindern, die an Pocken erkrankt waren, in Impfgebieten aus Impfpusteln! Sollte eine Impfkampagne in einer pockenfreien Region gestartet werden, musste das Impfserum importiert werden:
     - frisch in den Impfpusteln von Menschen (Matrosen etc), von Tieren (Ziegen, Kühen, Eselinnen, Hunden, Schafen etc.),
     - frisch in kleinen Glas-Fläschchen, die hermetisch verschlossen waren und mit Stickstoffgas gefüllt waren, um den Kontakt mit Luft zu vermeiden.
     - frisch zwischen zwei Glasscheiben, deren Ränder mit flüssigem Kerzenwachs abgedichtet wurden.
     - frisch in Kapillarröhrchen, die an den Enden verschweisst wurden.
     - getrocknet in Krusten, die am 20. Tag nach Ausbruch der Pocken von einer Pustel abgenommen wurden und in einem Fläschchen oder in Papier eingewickelt verschickt werden konnten.
Den besten Impfstoff erhielt man, wenn die Lymphe dickflüssig war und im Dunkeln, geschützt vor Luft, verschickt wurde.

Lit.:
Eva-Maria Henig, 200 Jahre Pockenimpfstoff in Deutschland. Mit einem Geleitwort von Fritz Krafft. 1997.



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Inkubator (1)

 

Die Geschichte der Brutkästen für Säuglinge beginnt in einer Ausstellung neuester Modelle von Brutkästen (Couveuse pour oeufs) im Palais Rameau in Lille! Hier besuchte der Geburtshelfer Etienne Stéphane TARNIER (1828-1897) 1879 eine Ausstellung mit Brutkästen, in denen Eier und Küken exotischer Vögel ausgebrütet wurden - eine Einrichtung, die es im Übrigen schon im alten Aegypten gegeben hatte. Auf die Idee, in solchen Kästen unreife Menschen grosszuziehen aber war bis dato niemand gekommen, abgesehen von einem Arzt aus Rapallo, der 1577 sein Neugeborenes in einem Ofen grossgezogen hatte, den er nach dem Vorbild der altaegyptischen Hühnerbrutkästen gezimmert hatte ...

TARNIER liess sich von dem Techniker des Pariser Tiergartens Odile MARTIN einen dieser Kästen umbauen und setzte ihn erstmals 1880 in seiner Entbindungsklinik in Paris ein für die Aufzucht von Frühchen ! Da dieser erste Inkubator schwerfällig war und die Lufttemperatur schwer zu stabilisieren war, tüftelten TARNIER und sein Assistent Dr. Alfred AUVARD binnen 10 Jahren einen neuen Typus von Inkubator aus, der nicht mehr mit heissem Wasser beheizt wurde, sondern mit Warmwasserbehältern, die alle 2 Stunden ersetzt wurden.

Der in Nice praktizierende Geburtshelfer Alexandre LION liess 1889 einen Inkubator patentieren, dessen Luft über einen externen Gas- oder Ölbrenner erwärmt wurde, dessen Temperatur über Thermostat geregelt war. Für das Pflegepersonal bedeutete dies eine wesentliche Erleichterung - kein Wasser mehr zu wärmen, keine Wärmflaschen mehr auszutauschen... Fabrikant der Inkubatoren war ein gew. Paul Altmann in Berlin. Für die öffentlichen Ausstellungen entwarf LION senkrechte Glasscheiben , durch welche das Publikum einen Blick in die wundersame Welt der Kleinen werfen konnte.
Auf den Bildern sind der Erfinder LION, die Inkubatoren, aber auch ein Zimmer zu sehen, in dem Ammen die Frühchen an der Brust stillten... Diese Ansichtskarten wurden auf den Messen verkauft, auf denen LION seine Brutkästen vorführte (Nice, Marseille, Lyon, Paris). Gerne liessen die Zuschauer einen Louis springen, um die Kindchen zu sehen, die LION in diesen Kästen grosszog - die Kästen wurden stets MIT KIND ausgestellt !!

Lit.
Félix F. Marx, Die Entwicklung der Säuglingsinkubatoren, Siering KG, Bonn 1968.

Link
www.wissen-schafft-gesundheit.de/dateien/tuebingen_buchenau.pdf




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Inkubator (2)

 

Von den 8000 Kindern, die man dem guten COUNEY anvertraute, überlebten 7.500: 80% der in diesen Kästen gepflegten (und ausgestellten) Frühchen überlebten - keine Krankenkasse, kein Elternpaar musste für Pflege und Aufzucht auch nur einen Penny zuzahlen - dank der Eintrittgelder zu den Shows.

Vorgestellt wird eine Ansichtskarte, auf der eine Ausstellung in Lüttich im Jahr 1905 abgebildet ist.
"Christine Renardy n’hésite pas un moment à employer face à cette somptueuse exposition, la notion de « miroir aux alouettes ».
Oui , car en 1905 ,c’est un nouveau monde qui se dessine. Les Etats-Unis sont les grands absents de cette exposition. Eux-mêmes clôturaient leur exposition de Saint Louis. Herstal fournit pour quelques années encore des armes et des véhicules à la Russie tsariste. Le Japon fait rêver nos industriels. La France éclabousse l’exposition avec ses 8000 exposants et ses 30.000m2. Le Sénat français en personne alloua 350.000 francs de l’époque aux organisateurs liégeois. La France prépare son exposition coloniale de 1906 à Marseille, les pavillons des colonies françaises sont installés à la Boverie. Paradoxalement il est aussi question d’un nouveau clivage social… « Dans le livre d’or de 1905, le journaliste libéral Olympe Gilbart évoque « les œuvres sociales » et non la législation sociale. Il écrit : « la charité réapparaît sous une forme nouvelle ou les forts viennent au secours des faibles». C’est dans la zone d’attraction de Fragnée que l’on expose les gens de couleur. Dans un village sénégalais sont parqués cent cinquante nègres qui s’adonnent à diverses activités devant la foule.
Christine Renardy :
«il y a ce dédain de la personne humaine qui côtoie des grandes idées de progrès. La femme au travail est montrée en bonne ouvrière, des prématurés sont exposés dans les premières couveuses expérimentales». Un ouvrage pessimiste ? «Absolument pas. Le tout n’est pas de se glorifier d’un temps révolu mais de permettre de comprendre l’élan créateur qui a toujours animé Liège. De cerner les potentialités économiques qui s’offrent aujourd’hui dans un Liège en mutation"

www.proxiliege.net/index.php?page=article&id=325&idrub=26.

Lit.:
CIAUDO - La Maternité Lion de Nice pour enfants nés avant terme ou débiles. IMPRIMERIE V.-Eug. GAUTHIER & Cie.. 1895. In-12In-12. 52 pages.

Link
www.neonatology.org/pdf/7200377a.pdf



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Inkubator (3)

 

Auf der rechten Seite (Bild) war an die Aussenwand des Inkubators die Heizungsanlage festgeschraubt: der sauber glänzende (versilberte!) Öl- resp. Gasbrenner. Der Inkubator selber war aus Eisen konstruiert.

Jeder Inkubator verfügte über eine eigene Frischluftzufuhr, ein Rohr mit einem elektrischen Gebläse, das Aussenluft in die Brutkammer blies. Oben kann man das Abluftrohr erkennen, das verbrauchte Luft ableitet, eine regelrechte "hotte".

Auf einer "Fiebertafel" über dem Fenster wurden die Fortschritte eines jeden Kindes festgehalten (Gewicht, Körpertemperatur).

Da der Inkubator scheusslich teuer war, scheuten die Krankenhäuser die Anschaffung. LION tingelte daher von Ausstellung zu Ausstellung und liess das Publikum gegen Eintrittsgelder einen Blick in seine ambulante Frühgeborenenklinik werfen...


LION fand einen Nachahmer in der Person von Martin COUNEY, einem deutschstämmigen Mediziner (*in Breslau oder dem Elsass, ausgebildet in Breslau, in Paris bei BUDIN; gest. in den USA am 2.3.1950), der in Berlin (Kinderbrutanstalt, Weltausstellung 1896), 1897 in London (Earls Court) und ab 1898 in den USA und weltweit ein breites Publikum zu begeistern vermochte [1898: Trans-Mississippi Exposition in Omaha. 1900: Paris World Expo. 1901: Pan American Expo in Buffalo. 1903: Coney Island. 1905: Minneapolis. 1906: Portland. 1908: Mexico City. 1910: Rio de Janeiro. 1910: Weltausstellung Brüssel. 1912: Chicago's White City. 1913: Denver. 1915: Panama Pacific International Expo in San Francisco. 1939 Weltausstellung in New York].



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Keuchhusten

Ansichtskarte 1930 

Am 2. August 1930 schrieb ein Bekannter an Pierre Krein in Ulflingen :
«Cher monsieur Krein. Nous ne pourrons pas donner suite à nos projets d’aller vous voir mardi prochain, nous sommes bloqués à Luxembourg par notre fille qui a la coqueluche qu’elle a sans doute ramenée de Blankenberghe. Nous sommes bien embêtés et nous regrettons beaucoup. Peut-être vous verrons nous à un de vos passages à Luxembourg».

… ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für diese Kinderkrankheit :
«Meist herrscht der Keuchhusten in Epidemien, die am häufigsten am Ende des Winters und im ersten Frühjahr, etwas seltener im Herbst und Winter, am seltesten im Sommer auftreten» (Meyers Konversationslexikon 1909 Bd.X S. 871).
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Keuchhusten (lat. pertussis, frz. coqueluche, lux. «bloën Houscht») ist eine schwere bakterielle Infektionskrankheit der Atemwege. Charakteristisch ist das laute, keuchende Geräusch, das nach den Hustenanfällen auftritt und durch besonders tiefes Atemholen entsteht. Bei Kindern unter sechs Monaten kann es zu plötzlichen, lebensbedrohlichen Atemstillständen kommen - daher der Rat, sehr kleine Kinder stationär aufzunehmen ...

"Redingen, 15. Okt. Seit zwei bis drei Monaten herrscht hier unter den Kindern eine bösartige, mehr oder weniger ansteckende Halskrankheit, der sog. Stickhusten, auch blauer Husten genannt. Man hat hier 2-3 Sterbefälle solcher Art verzeichnet. Die Krankheit scheint jedoch jetzt abzunehmen" (Obermoselzeitung vom 16.10.1891).
"Kanton Redingen: Keuchhusten wurde in 4 Ortschaften festgestellt. 1 Kind im Alter von 22 Monaten erlag der Krankheit infolge von Komplikation mit kapillarer Bronchitis" (Rapport sur la situation sanitaire 1917, in: Memorial n°73 vom 17.11.1918).

Vorbeugend gibt es eine (sehr umstrittene) Impfung seit 1945 .. Therapeutisch werden heutzutage Antibiotika eingesetzt, vor allem das Erythromycin. Sie verkürzen die Erkrankung, wenn sie früh eingesetzt werden. Was aber taten die Leute, als es noch keine Antibiotika gab ?

«Gegen die Hustenattacken gibt es auch heute praktisch kein Mittel. Bei Hustenanfällen richte man das Kind auf, unterstütze den Kopf und entferne den zähen Schleim aus dem Munde. Günstig und oft überraschend schnell wirkt ein Ortswechsel, namentlich ist der Aufenthalt auf dem Lande in sonniger, trockener Lage zu empfehlen» (Meyers Konversationslexikon 1909 Bd.X S. 871). Neben allen erdenklichen Tränken und Mixturen (Schneckensirup, Eichelkaffee, mit Milch gekochtem Seehundfett ) wurde die Ortsveränderung angeraten: das kranke Kind wurde aus seiner bisherigen Krankenstube in ein anderes Zimmer, am liebsten der oberen Etage, gebracht. Dabei war nicht die Verbesserung der Luft ausschlaggebend, sondern die Änderung. Manchmal wurde der Aufenthalt in einer Windmühle empfohlen. Französische Kinder wurden im Winter an die Riviera geschickt, im Frühjahr und Frühsommer nach Arcachon in die waldigen Höhenlagen.

Behandlung in Klimakammern
Oft leisteten Klimakammern gute Erfolge, indem sie "Ferien in den Bergen" vortäuschten: um 1960 wurden die Kinder in Unterdruckkammern gesteckt, so in Münster i. Westphalen, wo eine Privatpraxis sich auf diese Behandlung spezialisiert hatte und der Warteraum nur so von hustenden Kindern wimmelte. Unterdruckkammern, vergleichbar einem Höhenflug im Flugzeug oder einer Gondelfahrt in die hohen Berge der Alpen, leisteten oft erstaunlich gute Dienste. Auch das Staatsbad Mondorf / Luxemburg besass eine Unterdruckkammer, wo Kinder mit Keuchhusten hingebracht wurden. Mit dem Neubau des Bades in den 80iger Jahren verschwand die Kammer ...

Behandlung in der Brauerei
Im Sudhaus der Brauereien setzt die Gärung grosse Mengen von CO2 frei. In den Räumen, in denen die offenen Gärbottiche stehen – heute nur noch selten anzutreffen – entsteht eine hohe Kohlendioxidkonzentration: diese ist normalerweise der Gesundheit nicht sehr zuträglich. Kinder aber, die an Keuchhusten litten, wurden (und werden auch heute noch, wenn auch selten) 1 bis 2 Stunden lang über die Bottiche "gehängt", um das Gas einzuatmen. Die sauerstoffarme Luft half.
"Im Jahre 1953 entstand ein Gärkeller mit rostfreien Stahlbottichen. Hier sollten wir als Kinder jeweils vom Keuchhusten befreit werden" (zit.: http://www.appenzellerbier.ch/fileadmin/webmaster_ img/downloads/100jahre.pdf).
Auch in der Brauerei Bofferding (jetzt Brasserie Nationale) in Niederkerschen / Luxemburg verbrachten die kleinen Patienten Stunden im Keller. Nicht aus hygienischen Gründen (Bier ist nicht anfällig für pathogene Keime) sondern infolge einer veränderten Produktionsweise endete diese Form der Kur in der Brauerei: im Dezember 1990 wurden die Installationen rundumerneuert, wurde der Betrieb umgestellt auf ein modernes, "geschlossenes System" bei dem kein CO2 mehr freigesetzt wird (persönl. Mitteilung Herr Peter Wagner, Leiter der Produktionsabteilung).
Nur in Kleinbrauereien wird heute noch hie und da (im Ausland) mit dem "offenen System" gearbeitet, wäre man demzufolge noch gerüstet für "hustende Kinder" ...

Behandlung im Gaswerk
Nicht überall standen Unterdruckkammern oder Gondeln in luftige Höhe zur Verfügung. Not macht bekanntlich erfinderisch. So gab es bald skurrile Ausartungen der "Veränderung", zum Beispiel den Aufenthalt in der sauerstoffarmen Luft der Gaswerke. Schon 1864 wurden in Frankreich Kinder im Gaswerk von Saint-Mandé den Gasen des Werkes ausgesetzt, und wurden Therapieerfolge gemeldet. Man erhoffte sich eine Besserung durch die Einatmung von Ammoniakdämpfen, die bei der Verkokung von Kohle entstehen. Die luxemburger Tagespresse berichtete 1865 von diesem "Ereignis":
"A Paris, un ouvrier gazier garda auprès de lui son enfant, atteint de coqueluche, à coté dun épurateur à gaz qu'il était chargé de renouveler. Ce petit enfant, après avoir passé quelques instants dans cette atmosphère chargée de vapeurs ammoniacales sulfhydratées, d'acide carbonique et de matières volatiles très complexes, résultant de la distillation de la houille, se trouva radicalement et presque instantanément guéri. Ce fait inspira au directeur la pensée d'essayer l'action que l'aspiration des gaz répandus dans l'atmosphère des épurateurs exercerait sur d'autres petits patients. Le succès répondit à ces vues charitables; il répéta, comme nous l'avons dit, l'expérience sur des centaines d'enfants, et toujours avec le même bonheur, sans qu'il y ait presque jamais été nécessaire de renouveler l'opération. Nous croyons qu'on ne peut, dans l'intérêt de l'humanité, donner trop de publicité à une pareille découverte" (Luxemburger Wort vom 10.11.1865).

Im Gaswerk Schlieren bei Zürich durften zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Keuchhusten erkrankte Kinder mit Sand aus der Gasreinigungsanlage spielen und in Chur hielten sich Kinder ein bis zwei Stunden in der Nähe von Kokshaufen auf.
"Kein Wunder, dass die geplagten Mütter auf alle möglichen Therapieangebote eingingen, wie eben: Stundenlanges Spielen in der Nähe der ausglühenden Kokshaufen oder dem Sand mit dem letzten Ausstoss von Gasen. Offensichtlich erfuhren die meisten dieser «Gaswerkkinder» eine Linderung, wenn auch nur von kurzer Dauer. Wie eine solche zustande kam, konnte niemand erklären. War es die Einwirkung der Ammoniak- gase auf die Bronchialschleimhäute, war es die Wirkung des CO auf die Erneuerung der Ec, oder war es irgendein Impuls zur Immunisierung? Hauptsache, die Kinder und die Mütter konnten wieder einige Nächte durchschlafen" .

Auch im schweizer Gaswerk Flawil wurde diese Behandlung vollzogen:
"Aus verschiedenen mündlichen Überlieferungen, jedoch nicht aus den Geschäftsberichten, ist die Gaswerk-Dienstleitung als Heilinstitution bekannt. Die Gasmeister stellten bei Bedarf frischen Koks für Therapiezwecke zur Verfügung. Vor allem Kinder mit Keuchhusten mussten entweder am Rande der Kokshaufen sitzend schwefel- und ammoniakhaltige Luft einatmen oder durften auf den Kokshaufen spielen. Welche Wirkstoffe oder Wirkungsketten mit im Spiel waren ist zur Zeit leider noch nicht klar. Dieses Angebot wurde erst in den späten 1960er-Jahren eingestellt" .

Auch in Augsburg war diese Behandlung bekannt:
"Da das vom Ofen erzeugte Gas auch sehr schwefelhaltig war, hat man ein Reinigergebäude gebaut, in dem das Gas durch eine Reinigermasse (Rasenerz) strömen mußte, welches das Schwefel aufgenommen hat. Früher hatten manche Leute vermutet, das die Reinigermasse gut für Kinder ist, die schweren Keuchhusten hatten. In manchen anderen Gaswerken war es angeblich für die Kinder möglich in der "verbrauchten" Reinigermasse zu spielen. Dies soll bei ihnen zur Linderung ihrer Beschwerden geführt haben"

Warendorf im Münsterland war keine Ausnahme:
"Es war vielen Müttern bekannt, dass die Luft in der Gasanstalt zur Gesundung ihrer an Keuchhusten erkrankten Kinder beitragen konnte. Mehrere Male hielten sie sich mit dem erkrankten Kind vor den großen Öfen auf. Ob die Wärme oder die Zusammensetzung der Luft die Besserung brachte, weiß man nicht. Das Vertrauen in diese Heilmethode war groß.".

Selbst in Algerien war die Methode bekannt. Hier inhalierten die Kinder das Gas direkt aus den Tanks:
"Je me souviens d'une époque où maman m'amenait tous les matins à l'usine à gaz de la ville. Elle se trouvait au Faubourg Perrin plus loin que l'école Marceau où j'allais à l'école primaire. Je me revois monter sur une échelle pour atteindre une grande surface circulaire. Je me trouvais au-dessus d'une énorme cuve cylindrique. Un ouvrier ôtait un bouchon et pendant quelques minutes, accroupie à genoux je mettais mon nez dans l'orifice pour respirer ce gaz. J'avais la coqueluche et tous les enfants qui avaient cette maladie presque en même temps faisaient de même".

In Luxemburg brachte man hustende Kinder noch nach dem 2. Weltkrieg ins Hollerich'er Gaswerk (von 1899-1968 in Dienst) ... (persönl. Mitteilung Hr. Nico Mousel/11 r. Ch. Arendt / Luxemburg).

Die Methode war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts umstritten. So meinte das "Larousse médical" 1925: "Quant au séjour dans les usines à gaz, autrefois en honneur, il ne repose sur aucune base scientifique sérieuse".

Keuchhustenflüge
Seit langer Zeit war gewusst, dass ein Aufenthalt in den Bergen besonders hilfreich war - oft war die Höhenluft von Davos, oder ein Aufenthalt auf dem Säntis oder dem Jungfraujoch ein wahrer Segen! Es stellte sich bald heraus, dass nicht die Klimaänderung für die Besserung verantwortlich war, sondern der Unterschied im atmosphärischen Druck; je schneller dieser änderte, umso besser! Kinder wurden daraufhin in Seilbahnkabinen gesteckt und möglichst schnell in grosse Höhe gebracht und vice versa.
1939 berichteten zwei deutsche Forscher von Erfolgen mit einer perfektionierten Technik: sie beschrieben die Ergebnisse der Wirkung von Höhenflügen auf die Höhe von 3000–3500 m auf den Verlauf des Keuchhustens bei 136 Kranken in verschiedenen Lebensaltern. In 82,4% der Fälle trat innerhalb der ersten 5 Tage nach dem Flug eine erhebliche Besserung ein, bei 46,3% waren 8 Tage nach dem Flug die Anfälle vollständig verschwunden. Nur bei 11 Kranken besserte sich nichts. Die Flüge waren ein Teil der von dem Sanitätsamt des NS.-Fliegerkorps unternommenen Versuche. Die Durchführung der Flüge wurde entscheidend unterstützt durch die Gruppe IV des NSFK. sowie durch die Hansa-Flugdienst G.m.b.H.

In Österreich kam die Methode nach Kriegsende an. Der Amerikaner Captain James Hayes flog mit an Keuchhusten erkrankten Linzer Kindern Höhenflüge und verunglückte 1954 mit seinem Co-Piloten bei einem Wetterflug tödlich. Im Sommer 1955 begann die Salzburger Rettungsflugwacht mit Keuchhustenflügen über Salzburg … Keuchhustenflüge sind eine besonders schonende Therapieform bei der Behandlung von Pertussis (Keuchhusten). Mit erfahrenen Berufspiloten steigen Sie innerhalb kurzer Zeit auf große Höhe (über 3.000 m).
 Durch den geringeren Luftdruck in dieser Höhe erweitern sich die Bronchial- und Lungengefäße und führen zu einem leichteren Abhusten des Schleimes. Besonders aber durch rasche Luftdruckunterschiede beim Flug ohne Druckkabine kann der Husten nachhaltig behandelt werden.
«Der Pilot eines Kleinflugzeuges stürzte aus ca. 4000 Meter im Sturzflug auf knapp 2000 Meter hinunter. Dort wurde heftig der Steuerknüppel gegengezogen. Die daraus resultierende Kraft beförderte, neben Mageninhalt, sämtlicher Schleim aus den Bronchien».

Noch 1967 verordnete man Keuchhusten-Flüge ab Flughafen Stuttgart. Kleine Flughäfen wie Jesenwall bei München, Marburg oder Leer in Ostfriesland werben noch heute mit Keuchhustenflügen; auf Sylt bietet der Arzt und Pilot Dr. Jochen Geyer, auf dem Flughafen Wahn Odilo Hahnhäuser mit seiner „Piper Stinson" Keuchhustenflüge an. Von dem Flughafen Findel in Luxemburg starteten noch in den 80er Jahren "Vols coqueluche" ... Für die Fluglotsen bedeuten diese Sonderflüge insofern eine besondere Herausforderung, als der Luftraum besonders weiträumig abgesichert werden muss, da die Flüge deutlich höher in den Luftraum hinein reichen als übliche Flüge mit kleinen Privatmaschinen - Flugbahnen müssen bis in Höhen von 3.500 MüM freigehalten werden …

Eine bessernde Wirkung ist oftmals sofort, spätestens aber nach 4 - 6 Tagen zu verspüren. Viele schwören auf die positive Wirkung dieser Höhenflügen und manche Krankenkassen übernehmen sogar die Kosten. Höhenflüge können die Krankheit zwar nicht heilen, aber den schweren krampfartigen Husten oft sehr stark lindern.

Alternative : wohl werden auch die Keuchhusten-Patienten des französischen Arztes Dr. Max Richou "unter Druck" resp. Unterdruck gesetzt. Richou greift also auf die bewährte Idee zurück, Keuchhusten durch "Höhenflüge" zu behandeln, allerdings tut er dies mit einem beträchtlichen Unterschied: er veranstaltet Keuchhustenkuren in 4000 Meter Höhe zu ebener Erde. Er schickt seine Patienten jedoch nicht in die Luft, sondern in die Höhendruckkammer - 70 Prozent Erfolg verzeichnet Richou mit seinem Verfahren. Er will es durch weitere Forschungen noch verbessern und dann die Höhendruckkammer auch gegen Asthma einsetzen. Glaubt man den Franzosen, so sind sie die Erfinder der Methode:
"Le « vol de coqueluche » ou « méthode strasbourgeoise » a été inventé dans la première moitié du XXe siècle par le Docteur W. Matter (Aéro-Club d’Alsace) pour soigner la coqueluche". In der Tat arbeitete MATTER mit einer 90x90x200 cm grossen Unterdruckkammer, die heute ehrfurchtsvoll im Depot der AMUSS aufbewahrt wird .

Lit. :
- Friedrich Pflug, Hildegard Jungheim, Über die Beeinflussung des Keuchhustens durch Höhenflüge, in : Journal of Molecular Medicine, Volume 18, Number 37, September 1939.
- Flammer R. Gaswerktherapie und Schneckensirup gegen Keuchhusten, in: Schweiz Ärztezeitung. 2006; 87(42):1808.




Pädiatrie


Kinderarbeit in Luxemburg

Ansichtskarte, um 1910

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Die Industrialisierung Europas hatte menschenunwürdige Arbeitsbedingungen entstehen lassen, unter denen vor allem Frauen und Kinder zu leiden hatten. Lungenkrankheiten wurden hervorgerufen durch Staub und Flusen, Ekzeme traten gehäuft auf als Folge des ungeschützten Umganges mit ätzenden Lösungen und Dreck. Die zumeist monotone und geisttötende Tätigkeit verhinderte eine normale Entwicklung der Kinder. Die Überbeanspruchung von Muskulatur und Knochenbau rief schwere körperliche Schäden hervor, insbesondere Rückgradverkrümmungen durch zu schweres Heben und gebücktes Sitzen.

In Kopstal, wo seit dem 29.9.1895 Weiden angepflanzt wurden, arbeiteten Kinder und Jugendliche: die ganz Kleinen halfen der Mutter zu Hause, hier griff kein Gesetz, niemand konnte einer Mutter verbieten, ihre Kinder mit flechten zu lassen.

"La vannerie de l'établissement, installée à Kopstal, la vannerie des établissements pénitentiaires ainsi que quelques vanneries privées dans le rayon de la commune, auxquelles l'établissement fournit les outils et les matières nécessaires, ont réussi à fabriquer un chiffre rond de 35.000 paniers, dont près de 10.000 ont été expédiés à la maison-mère d'Epernay, qui, malgré les frais de transport de Luxembourg à Epernay et les droits d'entrée, arrive encore à réaliser un petit bénéfice" (Memorial 42/1907).

Dieser Text spricht von "privaten Flechtereien", eine elegante Umschreibung für die Heimarbeit - für die kein Arbeitsschutzgesetz anwendbar war. Anders in dem Flechthaus, der "vannerie", das als "Industriebetrieb" galt. Hier konnten Kinder erst ab dem vollendeten 12. Lebensjahr angestellt werden ...

Auf dem Bild - wohl um 1910 in der Korbflechterei von Kopstal entstanden - erkennt man deutlich mehrere kleinen Jungen, die, vornübergebeugt, ihrer mühseligen Arbeit nachgehen. Einziger Lichtblick: ein einsichtiger Vorarbeiter hatte ihnen einen Arbeitsplatz in der Nähe der Fenster zugewiesen ...

Auch im 1900 geschaffenen Blindenheim von Berburg wurden Kinder an die Kunst des Flechtens herangeführt. Der Staat stellte sogar die Schaffung einer eigenen Plantage in Aussicht, um die Flechterei mit besonders frischen Weidenruten beliefern zu können. Auch wenn später viele erwachsene Blinde hier betreut wurden, so darf man nicht vergessen, dass ursprünglich Kinder hier Aufnahme finden sollten und sich das Arbeitsprogramm speziell an sie richtete:

"In Ausführung des Gesetzes vom 14. Februar letzthin gedenkt die Regierung für künftigen Herbst eine Unterrichts- und Erziehungs-Anstalt für Blinde eröffnen zu können. Dieselbe soll zu Berburg errichtet und von Schwestern des Elisabetherinnen-Ordens geleitet werden. Diejenigen Personen und Anstalten, welche für diese Schule bestimmte Kinder in Pflege haben, sind gebeten den Unterzeichneten in Bälde hiervon in Kenntnis zu setzen.
Luxemburg, den 26. April 1900"
(Memorial 23/1900).

Was den Unterrichtsstoff im Blindenheim anbelangt, lesen wir im Reglement von 1906 (Memorial 52/1906):

"Art. 4. Der Fachunterricht erstreckt sich auf folgende Lehrgegenstände:

  • 1° Instrumentalmusik, besonders das Piano-, Harmonium- und Geigenspiel;
  • 2° Anfertigen von Bürsten und Matten;
  • Korbflechten;
  • 4° Stuhlflechten;
  • 5° für die Mädchen, Handarbeitsunterricht".

Während in Kopstal bezahlte A R B E I T im Vordergrund stand, stand in Berburg L E R N E N im Vordergrund ...

"L'institut a pour but de donner aux jeunes aveugles du pays l'éducation et l'instruction que les enfants normalement constitués acquièrent dans les écoles primaires, et de les initier aux métiers ou industries au moyen desquels ils pourront gagner leur vie" (Rapport général sur la situation de l'instruction primaire dans le Gr.-D. de Luxembourg pendant l'année scolaire 1911/12)

Zurück nach Kopstal, wo die 1912 eingeführte allgemeine Schulpflicht die Berufstätigkeit vieler Kinder einschränkte. Allerdings konnte Kindern unter 14 Jahren (nach Schulschluss) durchaus 6 Arbeitsstunden täglich zugemutet werden - Hauptsache sie hatten tagsüber die Schule besucht. Das heisst, dass Kinder erst zur Schule gingen, und anschliessend in die Arbeitsstuben mussten ... Ausnahmeregelungen im Gesetz öffneten viel krasseren Exzessen Tür und Tor: den Eltern blieb es auch nach 1912 möglich, ihre Kinder ab dem 11. Lebensjahr "zeitweise" vom Schulunterricht freistellen zu lassen - Gott weiss zu welchem Zweck ...

 

Ende der Kopstaler Korbflechterei
1895 hatte die am Hauptbahnhof Luxemburg ansässige Champagnerfabrik Mercier aus Epernay die auf Kehlener Bann gelegene "Altenmühle" gekauft und dort eine Korb- und Kistenfabrik eingerichtet. Umliegendes Land wurde in grösserem Stile hinzugekauft, (insgeamt 39 ha) und zum Teil als Weidenplantage angelegt - weswegen die Mühle von nun an "Weidenmühle" hiess. Mit dem 1. Weltkrieg zogen düstere Wolken über den Betrieb. Besorgt schrieb ein anonymer Dichter (Escher Tageblatt vom 9.6.1917):

"Nun scheint der Zauber vorüber.
Wie Kräuselt so stürmisch der Wein
Das Heute wird trüb und trüber:
wie mag das Morgen sein?"

Als sich die wirtschaftlichen Verhältnisse 1918 mit Aufkündigung der Zollunion mit Deutschland drastisch änderten, wurde der Betrieb Mercier unrentabel. 1928 wurde die "Weidenmühle" mitsamt 12 ha. Land an den Industriellen und spanischen Vizekonsul Nic. Zimmer-Maroldt (1873-1941) verkauft, der hier einen Herrensitz einrichtete, den er später zum Altenheim umbauen liess.




Paediatrie


Kinderklinik Eich / Luxemburg

1928 

Als erste Klinik des Landes richtete die Eicher Klinik ein paar Zimmer her, und nahm Kinderärzte unter Vertrag, um diese Kinderstation zu betreiben ...


Pädiatrie


Kindermehl, Echternach

 

 

1852 Gründung der Patisserie-Confiserie Antoine Wagener-Van Hecke in Echternach, 1 rue de la Montagne. Umzug nach Haus 6 rue de la Gare in Echternach. (1. Generation: Anton Wagener sen. 1828-1914).

 


1893 Gründete sein Sohn Anton Wagener jun. (1855-1928) (2. Generation) eine Fabrik für Kindermehl. Am 17.4.1893 liess dieser Anton Wagener-Weber, Zuckerbäcker in Echternach, ein Markenschild patentieren (Memorial 1893) darstellend
1° ein Wickelkind auf Kissen liegend, trinkend aus einer Saugflasche, welche es mit beiden Händen festhält, unter selbem die Inschrift "Schutzmarke";
2° eine runde Etiquette, in deren Mitte ein Storch mit ausge- spannten Flügeln eine Saugflasche im Schnabel haltend, zu seinen Füssen zwei Wickelkinder im Schilf liegend, umgeben von der Inschrift "Kindermehl A. Wagener-Weber, Echternach Grossh. Luxemburg".



"Wagener-Weber’s Kindermehl übertrifft alle andern Nahrungsmittel der Neuzeit und ist allgemein als das beste und vorzüglichste Nährmittel für Kinder bekannt. Dasselbe enthält die edelsten Nàhrstoffe um alle Kinder vom ersten Tage ihrer Geburt ohne mütterliche Nahrung mit grösstem Erfolg aufziehen zu können. Wagener-Weber’s Kindermehl bildet Knochen, erleichtert das Zahnen, verhütet Brechdurchfall, setzt gesundes Fleisch an und wirkt ernährend in höchstem Grade. Alleiniger Fabrikant und Erfinder A. Wagener-Weber, Echternach (Luxemburg) Bahnhofstrasse. 1 Mark per Büchse. Zu haben in den meisten Apotheken und bessern Geschäften" (Anzeige in: Luxemburger Volkszeitung vom 17.1.1894).

 

Am 20.4.1894 hiess es:
„Chemisch analysirt und approbirt. Aerztlich empfohlen“
Diese Marke wurde in verschiedenen Formaten auf Blechdosen und Tüten, enthaltend Kindermehl, sowie auf Prospekten und Plakaten angebracht.

 


Am 25.5.1894 liessen zwei Söhne  von Anton Wagener-Weber, die Gebrüder Franz und Joseph WAGENER (3. Generation) als Nachfolger von Anton Wagener, Vater" ein Kindermehl patentieren:


"Im Schilf ein stehender Storch mit Kind auf dem Rücken und Saugflasche im Schnabel. Daneben im Schilf sitzend ein Kind mit Saugflasche. Unten das Wort "Déposée". Storch und Kind der Gebrüder Fr. und J. Wagener trugen eine moderne Stand-Flasche. Im Handelsadressbuch von 1900 priesen die Gebrüder ihr Kindermehl an:
"von ersten Autoritäten und Müttern als vorzügliches Kindernährmittel anerkannt. Prämiert mit 15 Ehrendiplomen, Ehrenpreis und goldenen Medaillen zu Paris, Amsterdam, München, Brüssel, Genf, London, Gent u.s.w. Grand prix Luxemburg 1898 Empfohlen u.A. von Dr. BISCHOF in Berlin; Dr. HELD, Universität Nancy; Dr. ASCHMANN in Ettelbrück".

"Farine lactée F.&J. Wagener Frères à Echternach. Approuvée par de hautes autorités. Aliment complet pour les enfants en bas âge" (Anzeige L’Indépendance Luxembourgeoise vom 2.9.1895).


1910 bestand die Firma aus den Gesellschaftern Franz Wagener-Namur und Joseph Wagener-Campill, beide "Kaufmann und Konditor". 1914 endete ihre Produktion.

Die "Luxemburger Kleine Presse" schrieb am 24.6.1897:


"Die Vorzüge ungekochter Ziegenmilch als Nahrungsmitel für Säuglinge. Da unter den Kühen die Tuberculose ausserordentlich stark verbreitet ist, und durch die Milch tuberculöser Kühe diese Krankheit auf den Menschen leicht übertragen werden kann, so empfahl Prof. SOXHLET, die zur Ernährung von Säuglingen dienende Milch zu kochen. Es ist aber neuerdings nachgewiesen, dass durch das Kochen die Milch derart verändert wird, dass sie den Verdauungsorganen des Säuglings unzuträglich wird, und dass sich nach dem anhaltenden Genuss derartiger Milch bei den Kindern schwere krankhafte Zustände ausbilden (Rachitis, Blutarmuth, Barlow'sche Krankheit usw.). Um diesen beiden Übelständen zu entgehen ist vor allem der Gebrauch von ungekochter Ziegenmilch zu empfehlen, da diese Tiere nur sehr selten von Tuberculose befallen werden, viel sauberer sind als Kühe und auch in den Stallungen viel reinlicher gehalten werden können. Ausserdem ist die Ziegenmilch in der Zusammensetzung von der Frauen- und Kuhmilch nicht wesentlich verschieden. Daher stammt auch die Sitte in Italien, die Ziegenherden, die dort im Freien geweidet werden, Morgens und Abends in die Städte und Dörfer zu treiben und an geeigneten Stellen zu melken, wobei die frisch gemolkene Milch unmittelbar an die Konsumenten verkauft wird".
Der Schreiber empfahl den luxemburger Müttern die nicht stillen können, Milch von einheimischen Ziegen zu verfüttern, und gab den Behörden den Rat, insbesondere beim Bau von Arbeiterwohnungen Ställe für Ziegen vorzusehen...

 

Unter der Leitung von Anton Wagener-Tibesart (1891-1952) gen. "Zocker-Toni" (4. Generation) widerstand die "WAGENER-WEBER's Mehlfabrik" dem Druck der internationalen Konkurrenz und der lieben Ziegen.
- 1945-46: da Echternach ausgebombt und evakuiert war, erfolgte die Produktion von Kindermilchmehl und Lebkuchen nach dem 2. Weltkrieg vorübergehend in Luxemburg, 10 rue Beck.
- 1946/47: Rückkehr nach Echternach, nachdem das durch Bomben schwer beschädigte Werk wiederaufgebaut worden war. Produktion an der alten Adresse 6 rue de la Gare.
"Mitteilung. Unserer werten Kundschaft zur gefl. Mitteilung, dass wir unseren Betrieb wieder nach Echternach verlegt haben und danken wir derselben für das uns während der Evakuierungszeit bewiesene Entgegenkommen
A. WAGENER-WEBER 6, Bahnhofstr. Echternach, tel. 111" (Anzeige L.W. vom 29.10.1949).

 

In 5. Generation wurde der Betrieb nach dem 2. Weltkrieg von Antoine Wagener-Schuler (1933-2011) weitergeführt - 1963 kam sein Kindermehl in bedruckten Blechdosen in den Handel (Bild rechts)

- Ehrentitel in Paris 1900, Liège 1930, Luxembourg, Gand, Genève, Bruxelles, Amsterdam, London, Thionville und München. Im Winter 1929/30 wurde der Firma WAGENER-WEBER aus Echternach der Titel „Grossherzogl. luxemb. Hoflieferant“ verliehen (Echternacher Anzeiger vom 15.2.1930). Mehrere weitere Prämierungen:

- Luxembourg 1932: Prix d'excellence avec féliciations du jury

- Thionville 1932: Diplôme hors concours


Die Kindermehlproduktion wurde 1990 eingestellt, die Bäckerei schloss ihre Tore 1997.

 

 

Pädiatrie


Kindermehl, Hamburg

Kufeke

Blechdose, Durchmesser 7.5 cm, Höhe 5.3 cm

 

 

1886 führte Johann-Rudolf Kufeke sein hochdextriniertes Kindermehl in die Therapie ein, ein feines, bräunlichggelbes Pulver mit schwach süsslichem, an Malz erinnernden Geschmack und angenehmem Geruch, das sich durch grosse Haltbarkeit und stabile Zusamensetzung auszeichnete. Der Verdauung der Säuglinge wurde dadurch vorgearbeitet, dass die unlösliche Stärke des Weizenmehls durch Diastase vollständig in ihre löslichen Modifikationen, Dextrin und Traubenzucker überführt war. Der Zuckergehalt war gegenüber ähnlichen Präparaten sehr gering (nach: A. Skutetzky, E. Starkenstein, Die neueren Arzneimittel und die pharmakologischen Grundlagen ihrer Anwendung in der ärztlichen Praxis, 2. Aufll. Verlag Julius Springer Berlin 1914 S.206).

 

Der Erfolg liess nicht auf sich warten. Bald konnte ein grösseres Werk gebaut werden: "1899 erbaute R. Kufeke in Bergedorf/Hamburg seine Fabrik für diätsche Nährmittel, 1908 errichtete er westlich daneben einen Verwaltungsbau. In Bergedorf war die Fabrik stadtbekannt, vor allem den Kindern, die oft diese so gesunden Nahrungsmittel mit sehr langen Zähnen geniessen mussten" (Eckhard Freiwald, ‎Gabriele Freiwald-Korth, Hamburgs alte Fabriken - einst und jetzt, Sutton-Verlag Erfurt 2013 S.148).

 

Charakterisierung des Produktes

Milchfreies, zum Teil dextrinisiertes Mehl, ohne Zusatz von Eiweiß, Fett und Gemüse. Hergestellt, aus deutschem Qualitätsweizen. Zusammensetzung: Eiweiß 13,1 %, Fett 06 %, lösliche Kohlehydrate 47,6%, unlösliche Kohlehydrate 20,1%, Stärke und andere Kohlehydrate 11,9% (aus: Erich Rominger, Richtlinien für die Kinderkost: Zum Gebrauch in Säuglings-Milchküchen, Kinderheimen und im Hause, 3. Aufl. Springer-Verlag 1947).

 

Aggressive Produktwerbung

Das dextrinisierte Kindermehl von Kufeke erfreute sich aus Medizinerkreisen einer wohlwollenden Kritik:

"Herr Dr. Löwe, Angermünde, schreibt: R. Kufekes Kindermehl ist nach dem massgebenden Urteil von Autoritäten in der Kinderpraxis das Beste, was von derartigen Präparaten erzeugt wird und kann ich dieses auch aus meiner Praxis vollauf bestätigen. Dieses Kindermehl wird gut vertragen und leicht verdaut, ist ein vortreffliches, diätetisches Mittel bei acuten und chronischen Gastro-Intestinal-Katarrhen der Kinder und wirkt noch dadurch oft lebensrettend, dass es mit Wasserzusatz (ohne Milch) den Brechdurchfall beseitigt".messer, cm Höhe 

Max Klotz, Arzt am Kinderheim Lewenberg und Spezialarzt für Kinderkrankheiten in Schwerin (Die Bedeutung der Getreidemehle für die Ernährung, Springerverlag 1912) bemängelt die oft schreierische Werbung:

"Wer das Gruseln lernen will, der werfe einen Blick in die Literatur jener Zeit: "Escherich verwendete dasselbe (Kufekemehl) bei seinem eigenen Jungen und versuchte auch mehrere andere Proben von Kindermehlen, aber keines hatte eine so günstige Wirkung auf das Körpergewicht und die Beschaffenheit des Stuhlganges, wie das Kufeke-Kindermehl". Ja, schon in der Belle Epoque wurden Produkte mit bandagierten Fäusten beworben!

 

Kufeke's Kindermehl in Luxemburg

Ab 1888 war das Produkt in Luxemburg zu haben:

"Apotheke zum Schwan, 4, Fleischerstrasse, Luxemburg FISCHER-WURTH Natürliches Mineralwasser in frischer Füllung Specialitäten Echte Brandt’s Schweizerpillen; Condensirte Milch; Thé Chambard; Tamar Indien; Nestlé’s und Kufeke’s Kindermehl; Feinstes Eau de Cologne; Hühneraugen-Collodium; Eau de Mélisse des Carmes; Emser Pastillen; Pastilles Géraudel. Alcool de Menthe de Ricqulès; Liqueur et Capsules de Goudront de Guyot; Papier Fayard; Chinawein; Dr. Liebreich’s Pepsinessenz; Medizinische Seifen; Anilinfarben in Päckchen; Verbandstoffe: Binden, Watten, Gazen etc.etc." (Anzeige im Marienkalender von 1888).

Ab 1906 finden wir Werbeanzeigen in luxemburger Zeitungen:

"Kufeke's Kindermehl ohne Zusatz von Milch empfiehlt sich für Säuglinge mit Erkrankungen des Magen-Darmkanals, mit akuten und chronischen Magen-Darmkatarrhen, Darmentzündungen, Brechdurchfall, etc., wo es darauf ankommt, ein leicht verbauliches und doch kräftiges Nahrungsmittel zu geben, welches nicht wie die Kuhmilch die Krankheit noch verschlimmert. Es gibt aber auch gesunde Kinder, welche gar keine Kuhmilch, ja oft nicht einmal die Milch der eigenen Mutter vertragen, sondern stets erbrechen, und bei denen kann man durch Verabreichung von Kufeke's Kindermehl ohne Milch eine rationelle Ernährung erzielen. Da Kufeke's Kindermehl die in der Muttermilch vorhandenen Nährstoffe im richtigen Verhältnisse enthält und durch seine ausreichenden Mengen von Eiweiß- und Mineralstoffen eine kräftige Nahrung darstellt, kann es sehr gut zur ausschließlichen Ernährung der Säuglinge dienen" (Luxemburger Wort vom 2.7.1906). "Alles, was Gewürz heisst, soll von der Ernährung Leber-, Nieren- und Herzleidender ausgeschlossen sein. Um in die dadurch recht einförmig gewordene Kost wieder einige Abwechslung zu bringen, setze man „Kufeke" auf den Speisezettel. ,.Kufeke" erfüllt alle Bedingungen, die an ein vollkommenes Nährmittel gestellt werden müssen: es reizt die kranken Organe nicht, ist sehr nahrhaft, leicht verdaulich und von angenehmem Geschmack, es kann mit Wasser oder Milch als einfache Suppe oder auch zusammen mit anderen Speisen bereitet werden, stets wird es gern genommen und bestens vertragen. Man fordere in Apotheken und Drogerien die „104 „Kufeke"-Kochrezepte", die kostenlos jedem Interessenten verabfolgt werden" (Luxemburger Wort vom 27.6.1914).

 

Letzte Inhaber des Werkes waren Frau Maria Kufeke und ein F.A. Kufeke in Bergedorf, Neuerwall 52. 1952 machte Kufeke Pleite, ein gewisser Körber kaufte das Werk auf …

 

Lit.:

- Friedrich Kufeke, R. Kufeke, "Kufeke", Nahrung für Erwachsene und Kind. Ein Beitrag zur diätetischen Therapie unter Anwendung von "Kufeke" verbunden mit anderen der Krankenernährung angepaßten Nahrungsmitteln in 104 Original-Koch-Rezepten für Kranke und Gesunde) 2. Auflage. Bergedorf-Hamburg, um 1920. 64 S. kl. 8°. 1919 - 1933., Fabrik diät. Nährmittel, Bergedorf/Hamburg. Dose erstanden 8/2016 auf dem Flohmarkt von Völz/Innsbruck. Dass sie ausgerechnet in Österreich auftaucht hat einen simplen Grund: Die Firma Kufeke hatte eine Zweigniederlassung in Wien, die für den Vertrieb in der Alpenrepublik zuständig war.

- R. Kufeke: Ihr Säugling. Führer für jede Mutter. Hamburg 1940