Pädiatrie


Kindermehl, Kärnten

OMA
 

 

Exponat

OMA, Kinderkraftnährstoff.

Erste Anzeige im Juni 1927 (Die Frau und Mutter, Heft 6 S.30).

 

"Groß ist die Zahl der Neuanfänger. Der Oma Nährstoffgesellschaft mit den Teilhabern Pippan, Knaus und Verdino OHG wurde der Gewerbeschein für das freie Gewerbe der Erzeugung von kosmetischen Artikeln, Nährmitteln und diätetischen Getränken mit dem Standort in der Friesacher Straße ausgestellt" (Varia aus St. Veit, 1929).

 

"Gemisch von dextrinisiertem Weizen- und Zwieback-Mehl"

(http://digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de/dfg-files/00041388/DWL/00000165.pdf, Ergänzung, S.163).

 

"Vollkommen fett- und milchfreies Kohlenhydratpräparat. Anwendung: Bei Magen-Darmstörungen und als Dauernahrung bzw. Zusatz zur Milch.Hersteller: Oma-Nährstoff-Gesellschaft, St. Veit a.d. Glan (Kärnten)" (Compass, Kommerzielles Jahrbuch Österreich 1937 S.134; 1938, S.138; 1940 S.133).

Paediatrie


Kindersanatorium Düdelingen

 

1884 war an der Ostsee Deutschlands Erstes Kindersanatorium erbaut worden. Luxemburg folgte dem Beispiel, wenn auch spät.

Am 1. Januar 1922 eröffneten ARBED und Terres Rouges ein Sanatorium für die tuberkulosekranken Kinder ihrer Belegschaft. Während im Hauptbau des ehemaligen Mayrisch-Schlosses auf dem Kreuberg bei Düdelingen (Oberes Bild) die "gefährdeten Kinder" untergebracht waren, kamen die echt tuberkulösen Kinder, die "bacillaires" in die Annexe des Schlosses (unteres Bild der Ansichtskarte), die speziell hergerichtet war:
- im linken Vorbau befanden sich im Erdgeschoss eine Toilette, die Küche und das Refektorium, im Obergeschoss Schlafräume für 4 Jungs und 3 Mädchen.
- im Mitteltrakt befanden sich im Erdgeschoss eine Sterisationsanlage für Wäsche sowie zwei Sprechzimmer, eines für Tuberkulöse, eines für Kinder der "Maison des Enfants". Im Obergeschoss logierten bis zu 8 Mädchen, 4 Hausangestellte und die "surveillante".
- im rechten Vorbau wohnte der Gärtner.

Das Haus wurde durch eine Liegehalle aus Holz ergänzt die mit dem linken Vorbau in Verbindung stand.

Das Sanatorium war eine sehr bescheidene Einrichtung für 13 Kinder, die vom Werksarzt der Düdelinger Eisenhütte (Dr. Léon PUNDEL) betreut wurden - 2 Mal pro Woche passierte er im Haus und erkundigte sich nach Gewicht und Befinden der Kleinen... Die Kinder bekamen die gleiche Kost wie diejenigen aus der "Maison des Enfants" - zusätzlich erhielt jedes Kind täglich einen Liter Milch und ein Ei. Das Haus war sowohl räumlich als auch personalmässig komplett vom Hauptbau mit den nur "gefährdeten Kindern" getrennt.

Vermutlich stellte das Kindersanatorium seinen Betrieb 1931/32 ein, als des Grosse Zentralsanatorium in Vianden seinen Betrieb aufnahm...




Pädiatrie


Impfbescheinigung 1804

P1050810
 

 

Früh aufstehen lohnt sich bislang. Heute konnte ich auf dem Innsbrucker Flohmarkt "Alter Hafen" eine alte, gerahmte Impfbescheinigung erwerben, signiert von einem berühmten Arzt ...

 

"Ich untergefertigter bezeuge hiermit daß Joseph

Legat, fünf Jahre alt, Sohn des H(och)L(öblichen) Joseph Legat,

K.K. Cassa-officier bey der niederländischen

Staatsschulden-Cassa, und seiner Gemahlin

Josephina, geborene Genotte, von mir vaccinirt

wurde, und daß er regelmäßige Kuhpocken

gehabt habe. Wienn den 22ten December 1808

de Carra M.D."

 

"Zeugniß

Daß Joseph Legat, Sohn des H(och)L(öblichen) Joseph

Legat Cassa-Officier bey der K.K. Einlösungschein

Haupt-Cassa, von mir Anno 1804 vaccinirt, regel-

mäßige Kuhpocken gehabt habe. Wien, d. 9ten Septr. 1818

de Carro MD"

 

Johann Legat heiratete die in Brüssel geborene Petronilla Legat (in unserm Dokument als Josephine bezeichnet) und starb 1829. Die Witwe starb 1855. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn Johann.

 

Von besonderem Interesse ist die Unterschrift mit Siegel: de Carro MD

***

 

Jean de CARRO

Johann Carro (* 8. August 1770 in Genf; † 12. März 1857 in Karlsbad, Böhmen) stammte aus einer alten, einflussreichen Genfer Familie. Als Kind Pockenimpfung. Im Alter von 20 Jahren verließ er seine Heimat, um an der University of Edinburgh ein Medizinstudium aufzunehmen, das er 1793 abschloss (Dr.med. 24.6.1793 mit einer These "De hydrocephalo acuto"). Bei seiner Heimkehr fand er seine Heimatstadt in einem "Zustand der Gärung" vor, die ihm den Aufenthalt unmöglich machte. So zog er nach 2 Monaten Genfaufenthalt 1794 nach Wien, wo er weiter an der Uni studierte, in der Hoffnung, bald nach Genf zurückkehren zu können. (Dr. med. 1796). Doch sollte ihn die Liebe an Wien binden:

1795 heiratete er in Wien Marie-Anne von Kurzbeck, die schon am 9.1.1800 an Lungenentzündung starb. Aus dieser Ehe stammen 2 Söhne:

- Carl

- Peter, der eine Zeitlang in Odessa lebte, später in Wien. Sie gehörten zu den ersten auf dem europäischen Kontinent gegen Kuhpocken geimpften Menschen!

In 2. Ehe heiratete er Theresia Stöckl von Gerburg aus altem tyroler Geschlecht, die 1812 an Typhus starb. Aus dieser Ehe 2 weitere Kinder:

- Eduard, benannt nach Edward Jenner

- Nathalie, heiratete den Polen Ziolecki und lebte später in Galizien.

In 3. Ehe heiratete er die Belgierin Alexandrine Breck, Tochter eines österreichischen Dragoners.

In Wien wurde Carro Mitglied der medizinischen Fakultät. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Verbreitung der aus England (Alexander Jenner) stammenden Kuhpockenimpfung, die er 1799 als einer der Ersten auf dem Kontinent durchführte, nachdem er sie vorher an seinen eigenen Kindern erprobt hatte. Durch Carro fand diese neue Form der Pockenschutzimpfung auch in der Türkei, in Griechenland, Ostindien und Persien Eingang. Verpflanzung der Kuhpocken durch de Carro von Wien nach Constantinopel, Athen, Bassora usw.

 

Impfungen in Österreich

- 29. April 1799: erste private Vakzination in Österreich durch Dr. Pascal Joseph Ferro (1753-1809) an Ferro's 3 Kindern mit einem Impffaden, den Jenner an von Carro geschickt hatte.

- 10. Mai 1799: Impfung des 18 Monate alten Knaben de Carro's durch Ferro

- 20. Mai 1799: de Carro impft seinen 2. Sohn von 3 Jahren

- 10. Dezember 1800 in Brunn am Gebirge: erste öffentliche Impfaktion in Österreich am, durch de Carro.

- 31.8.1801: Impfungen im großen Kinderhospital in Wien durch Joseph Dehrott.

 

Jean de Carro: Observations et experiences sur l'inoculation de la vaccine. Wien: Kurtzbeck|Kurzböck 1801.

Jean de Carro, Expériences sur l'origine de la vaccine. Traduit de l'anglois par jean de Carro. Wien 1802.

 

Aufgrund seiner Errungenschaften auf diesem Gebiet wurde er 1820 von Kaiser Franz I. in den Ritterstand erhoben.

 

Ende de Carro's

1825 verbrachte Carro ein Jahr in Prag. 1826 mußte er sich aus gesundheitlichen Gründen von der ärztlichen Praxis in Wien zurückziehen. Da er an ständigen Gichtanfällen litt, begab er sich im gleichen Jahr ein erstes Mal zu einem Kuraufenthalt nach Karlsbad (heute Karlovy Vary in Tschechien). Nach erfolgreicher Kur verlegte er seine Praxis von Wien nach Karlsbad und betätigte sich dort während der Kursaison als Arzt. De Carro nahm während seines Wirkens in Karlsbad maßgeblichen Einfluss auf die kulturelle und medizinische Geschichte des Ortes. 1843 wurde er zum Ehrenbürger Karlsbads. Er publizierte weiterhin Schriften über Karlsbad, bevor er dort am 12. März 1857 verstarb und auf dem Andreasfriedhof (heute Mozartpark) begraben wurde.

In Wien wurde die Carrogasse (21, Großjedlersdorf I) am 23. Juli 1914 nach ihm benannt.

 

Lit.: Joseph Freiherr von Hormayr, Johann de Carro, in: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, Band 7 (Wien 1816) S.422-426.

https://archive.org/stream/b28035173/b28035173_djvu.txt

Paediatrie


Pocken-Impfschein

 

 

Luxemburg erhielt 1906 – eine unmittelbare Folge der herrschenden Epidemie – ein modernes Impfgesetz:
“In der Luxemburger Kammer ist endlich der famose Impfparagraph des tüchtigen Seuchengesetzes in erster Lesung mit 25 gegen 14 Stimmen angenommen worden. Der Artikel lautet: Die Impfung ist obligatorisch im Laufe des ersten, die Nachimpfung im Laufe des elften Lebensjahres. Da die Pocken meistens durch Ausländer eingeschleppt werden, so stellte Herr X. Brasseur den Antrag, dass alle Ausländer, die im Lande Aufenthalt nehmen, von der Regierung zu einer Nachimpfung gezwungen werden. Die Redaktion dieses Zusatzes wird noch etwas Schwierigkeiten bieten, da schon jetzt manche befürchten, es möchten dadurch auch sogar die Touristen einem unliebsamen Zwange unterworfen werden“ (Echternacher Anzeiger vom 13.5.1906).

 

Ausländer und Touristen als Problemgruppen ! Auch in Bezug auf die Inländern war die Impferei alles andere als unumstritten. Ein Vater aus Rodange klagte den Staat 1906 an, weil sein 12jähriger Sohn im Vorjahr ohne sein Wissen und gegen seinen Willen geimpft worden sei und seither kränklich sei (L.W. vom 9.5.1906). Zweideutige Artikel im L.W. (17. und 24.2.1906) verglichen das Impfserum mit Alkohol, der sowohl nützen, als auch schaden könne. Offenbar hatte die Methode ihre Gegner - in höherer Position, sonst wären sie im L.W. nicht zu Wort gekommen. Die Impfwilligkeit liess zu wünschen übrig.

 

So beklagte sich die Redaktion des "Ardenner Bauer" in der Ausgabe vom 13.6.1906:
"Zur Impffrage. Trotzdem in der Stadt und Umgegend sich zahlreiche Pockenfälle ereignet haben, gibt es dennoch Leute, die sich der Impfung gänzlich widersetzen. So hat ein Schneidermeister aus der Louvignystrasse, der in einem Haus wohnt, wo die Pockenkrankheit amtlich festgestellt wurde, sich hartnäckich geweigert, eine Nachimpfung an sich vornehmen zu lassen. Allerdings tritt das neue Gesetz, das den Impfzwang vorschreibt, erst 6 Monate nach dem Votum in Kraft".

 

Das Impfgesetz wurde am 27.6.1906 votiert...

 

Exponat

Vorgestellt wird ein Pockenimpfschein, ausgestellt im Mai 1911 in der Gemeinde Roeser, unterschrieben vom Bettemburger Arzt Jean-Pierre ENGLING (1868-1933) und vom Bürgermeister der Gemeinde Roeser Hirt. Derartige Scheine sind häufig auf Flohmärkten anzutreffen - was ihren Reiz nicht schmälert.

 

Der letzte tödliche Fall von Pocken hierzulande ereignete sich 1932 (Statistiques Historiques, 1990). Am 22. Oktober 1977 erkrankte der somalische Koch Ali MAON MAALIN an den Pocken. Ende November wurde er für geheilt erklärt: er war der letzte an Pocken erkrankte Mensch auf der Erde ("Journal" Nr. 228 vom 29.11.2001). In Luxemburg wie in den meisten Ländern der Welt wurde die obligatorische Impfung abgeschafft (arrêté ministériel vom 14.2.1977).




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Schnuller Lutschbeutel

 

Die Probleme des Beruhigungssaugers finden immer wieder das Interesse der Pädiater, aber auch der Kieferorthopäden.

In der Antike lutschte das Kind an tönernen Tierchen, die manchmal mit Honig gefüllt waren. Im Mittelalter wurden Lutschbeutel verwendet, Stofflappen, die zu einem Säckchen gefaltet und mit einem Mus aus Mehl, Brot und Honig gefüllt wurden - gelegentlich mit einem Zusatz von Alkohol. Angeblich sollen die früher relativ häufigen sogenannten "Dorfidioten" eine Folge dieser Unsitte des "Schnapsbeutels" gewesen sein. Böse Zungen behaupten, manche Leute hätten ihren unruhigen Kindern auch mal Magsamen (Mohn) in den Lutschbeutel getan, dann seien sie eingeschlafen und manchmal nicht mehr aufgewacht...

Optisch kann der Lutschbeutel stärker noch als der Schnuller seine Verwandtschaft zum Knebel (!) in Form und Funktion nicht verbergen. In den Zeichnungen von Wilhelm Busch (1832-1908) findet man öfter die Darstellung von Babies, die einen solchen Knebel im Mund haben. Diesen "Schlotzer" behielten die Kleinen bis zur Zahnung oft Tag und Nacht in ihrem Mund - eine der häufigen Komplikationen war Soor im Mund der Kinder. Dieser wurde dann von der Mutter mit Milch, Zuckerwasser oder Honig behandelt...
Es gab sogar Erstickungsfälle, wenn Kinder den Lutschbeutel in die Luftröhre aspirierten und dann elends erstickten.

Ansichtskarte "Serie 393" gestempelt am 9.10.1908 in Lüttich/Belgien: ein Dackel zerrt den Lutschbeutel aus dem Mund des Säuglings...




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Schnuller mit Ring

 

Schnuller aus Metall (?), der um die Jahrhundertwende in einer luxemburger Familie im Einsatz war. Der Saugteil ist kugelig-rund, nicht gaumengerecht. Die modernen Schnuller haben fast immer eine deutlich abgeflachte Form und drücken den Gaumen nicht so in die Höhe...


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Schnuller ohne Ring

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schnuller (auch Beruhigungssauger, umgangssprachlich Nuckel), schweizerisch Nuggi, österreichisch Fopper, luxemburgisch Suckel (Diminutivum Sickelchen) dient dazu, das Saugbedürfnis von Säuglingen und Kleinkindern zu befriedigen. Die ersten „Schnuller“ gab es im alten Ägypten: Mit Honig gefüllte kleine Tiere aus Ton. Der moderne Schnuller besteht im wesentlichen aus einem Mundteil, welches aus Latex oder Silikon hergestellt ist und einem Schild, welcher das Verschlucken des Mundteils verhindert.

 

Die hier vorgestellte Ansichtskarte zeigt ein Kleinkind mit einem Schnuller "der ersten Generation", der dadurch auffällt, dass er nicht "schlucksicher" ist - das Kind kann ihn aspirieren und dann elendiglich daran ersticken...




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Tragen der Kinder (1)

 

"Gruss aus Thüringen" Ansichtskarte gestempelt am 1.3.1914, von Jena nach Posen gelaufen.

"Me bruchen kenn
grussoartigen Köngerwoagen,
Bi ons wärn de Köng'
em Moantel getroagen"

Das Tragen der Kinder in einem grossen "Tragetuch" ist also keine "afrikanische" Erfindung - das Tragen im "Mantel" gehörte in Thüringen zur Volkstradition. Auf der Ansichtskarte fällt auf, dass nicht die jungen Mutter sondern die Oma das Kind trägt - etwa eine Senkungsprophylaxe im Wochenbett?

Erst mit den befestigten Strassen und den Bürgersteigen in den modernen Städten begann sich der Kinderwagen durchzusetzen...



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Tragen der Kinder (2), Steckkissen

 

Kinder, an einem Nagel an der Wand aufgehängt? Früher ein alltägliches Bild! Da auf kleinen Bauernhöfen Schweine bis in die Küche vordringen konnten - alle Türen standen offen - wäre es für die Kleinen lebens- gefährlich gewesen, in einer niedrigen Wiege oder gar auf dem Boden zu liegen. Da hängte man doch lieber das gepuckte Kind an einem Nagel hoch oben an der Wand auf und war sicher, dass es nicht von einem Schwein angebissen wurde...

dtsch. "Taufkissen",
new territories (Indianer) "papoose",
frz. "coussin de baptême".

"Die Kinder in den Zimmern
aufhängen wie Medaillons.
Gürtel unter dem Arm
und ein Steigriemen"
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Er begründete die Tradition des deutschen Aphorismus. Drei Beispiele von bekannten Aphorismen:
- Die gefährlichen Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt.
- Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.
- Was die Kirche nicht verhindern kann, das segnet sie.




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Tragen der Kinder (3), Steckkissen

 

Der historische Vorläufer des heutigen Pucksacks ist das so genannte Steckkissen, ein gepolsterter Sack mit Kissen als Kopfauflage, bei dem die Arme frei blieben. Einer französischen Überlieferung zufolge wurde das Steckkissen im frühen 17. Jahrhundert in Frankreich erfunden:
„Lange bevor die ersten Kindergefährte die Straßen bevölkerten, sorgte ein Zufall dafür, dass ein Steckkissen erfunden wurde, das heute noch in abgewandelter Form als Fell- oder Fußsack für den Kinderwagen bekannt ist. Im Jahre 1602 begab es sich, dass König Henri IV. nach der Amme rief, damit sie ihm seinen Sohn brächte. Die Kinderfrau erschien mit dem kleinen Louis XIII., der auf ein reich verziertes Kissen gebettet war. In dem Moment, als der König sich hinunterbeugte, um seinen Sohn zu küssen, rutschte der kleine Nachwuchs von dem Kissen und plumpste unsanft auf den Boden. Zutiefst erschrocken ordnete Henri IV. daraufhin an, einen Streifen Samt, ähnlich einer Tasche, am Kissen festzunähen. Dort wurde der Kleine von nun an hineingesteckt und war nun vor Abstürzen besser geschützt. Die praktische Idee des Herrschers verbreitete sich schnell und war bald schon in bürgerlichen Haushalten zu finden.“
(http://www.schlawiner.biz/downloads/leipzig_2006_10_20_40.pdf).

Am preussischen Hofe finden wir das Steckkissen 1712 wieder:
„Das Kind in seinem Steckkissen trug er [Friedrich der Grosse] an seiner Seite, schon den schwarzen Adlerorden und ein Krönlein auf dem Haupte. Man erzählt, daß sechs Gräfinnen die schwere Schleppe seines Taufkleides trugen, eines Kleides von reichem Silberbrokat, mit Diamanten besetzt. Der königliche Großvater selbst hielt den kleinen Prinzen über die Taufe.“
(http://www.jadu.de/berlin/fdg/)

Im Frühbarock feierten Steckkissen Hochkonjunktur.
„Säuglinge wurden zur damaligen Zeit in viel zu enge Steckkissen gepresst, denn es wurde auch bei Säuglingen nicht vor dem Grundsatz Halt gemacht, dass die Menschen in jeder Lage Haltung zu bewahren hatte. Die Entwicklung des Knochengerüsts wurde dadurch stark beeinträchtigt, wenn nicht sogar fehlgelenkt“
(http://www.g-stein.com/allgemein/Barock-Referate/maennermode-ruester.htm).

Im 19. Jahrhundert fand man das Abstützen der Kinder in diesen Tragekissen immer noch für hilfreich:
„Sogenannte Steckkissen oder Tragekissen sind vollkommen ausreichend, das Kind zu stützen; darauf soll das Kind 3 – 4 Monate meist horizontal getragen werden“
(Journal für Kinderkrankheiten, Bd. VI, Berlin 1846 S.277 ).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Steckkissen immer noch geläufig. Eines der 1937 als „entartet“ beschlagnahmten Gemälde von Otto Dix (1891-1969) „Kind im Steckkissen“ aus dem Jahr 1932 kann nun als Leihgabe aus der Nationalgalerie Berlin für die Dauer der Ausstellung erstmals in Dresden gezeigt werden....

Psychologen und Orthopäden waren später ganz und gar nicht begeistert über das Einzwängen der Kinder in diese Kissen:
„Der Vergangenheit gehören zum Glück die so genannten Steckkissen an, in denen die Kinder kaum Bewegungsfreiheit hatten“
(http://www.fuldaerzeitung.de/newsroom/kinzigtal/dezentral/kinzigtal/art14187,561982).

Heutzutage sind Taufkissen daher aus der Mode gekommen. Hier der Bericht einer jungen Mutter, die sich mit den antiquierten Vorstellungen ihrer Schwiegermutter herumschlägt:
„Johanna hatte an ihrer Taufe ein süßes weißes Kleidchen an mit einer Pumphose und eine tolle Mütze. meine Schiwegermutter wollte sie in so ein Taufkissen stecken... das hätte sie wohl gern gehabt und ich das Geschrei meiner Tochter“. (http://www.leben-und-erziehen.de/beitrag/Taufkleid-ja-oder-nein/23120/1);

Österreichisch : Wickelpolster
Deutsch : Steckkissen, Bindsack, Tragbettchen.

Vorgestellt werden zwei Steckkissen (linkes Bild) aus Ostdeutschland, die um 1936 bei Kindstaufen benutzt wurden. Eines der Kissen wurde geknöpft, das andere mit Schleifchen verschlossen. Das rechte Bild zeigt das auseinandergefaltete Kissen.
Mein Dank geht an die Familie S.Fritz in Chemnitz, die mir diese Kissen für die Ausstellung (Musée Sybodo) im Hôpital Kirchberg/ Luxemburg geschenkt hat.




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Höhensonne (1)

 

Die Puppenmutter weiss, dass die kleinen Kinder viel Licht brauchen, um ausreichend Vitamin D zu produzieren. Ohne dieses Vitamin laufen sie Gefahr, an Skorbut zu erkranken...

Ansichtskarte WBSS 7309/2, gestempelt um 1930. Künstlersignatur John Wills.



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UV Höhensonne

Ansichtskarte Legendre, um 1920 

1904 entdeckte der Chemiker und Physiker Richard Küch (1860-1915) in den Laboratorien der Firma Heraeus in Hanau bei Frankfurt, dass Quecksilberdampf ein grünliches Licht abstrahlte, wenn er in einem Quartzglasrohr elektrisch angeregt wurde (der in einem Kolben aus reinem Quarzglas eingeschlossene Quecksilberdampf strahlt neben sichtbarem Licht auch UV-Licht ab, das von normalem Glas weitgehend absorbiert würde, Quarzglas aber ohne Problem überwindet) - ein UV-reiches Licht mit hohem wirtschaftlichem Potential. Küch wandte sich 1906 an die AEG und gründete mit dieser zusammen, die sog. Quarzlampengesellschaft GmbH. Allerdings scheiterte die Massen-Produktion von Strassenlampen ..
>br>Doch fand sich bald ein anderes Anwendungsgebiet. 1903 hatte der dänische Arzt Nils Ryberg FINSEN (1860-1904) mit UV-Licht experimentiert und dessen Nutzen bei der Behandlung der Hauttuberkulose dargelegt - die bekannte FINSENTHERAPIE. Des weiteren konnte das UV-Licht eingesetzt werden zur Entkeimung von Wunden und ... zur Behandlung des Bluthochdruckes. Hier tat sich für Küch also ein riesiges Feld der praktischen Nutzung seiner UV-Lampen auf.

Die Quartzlampengesellschaft entwickelte daraufhin eine ringförmige Lampe, die "Hanau-Höhensonne", die ähnlich belebende Wirkungen erbrachte, wie eine Sonnenbestrahlung im Gebirge (daher der Name "Höhensonne). Mit dieser künstlichen Sonne konnte der Organismus an Vitamin D ohne allzu hohe Kosten (eine Lampe kostete an die 500 RM) angereichert werden. Die Sonne war - ohne dass man von einem "Schuldigen" reden könnte, Teil einer schleichenden Technisierung der ärztlichen Praxis. Als erster luxemburger Ärzte warb Dr. Theodor KIRPACH 1919 mit der neuen Methode:
"Künstliche Höhensonne. Ersatz für Höhenkuren. Grossartige Heilerfolge bei Lungenleiden, Herzleiden, Rheumatismus, Gicht, Ischias, Blutarmut, Bleichsucht. Nervosität, Stoffwechselkrankheiten, Skrophulose, Frauenleiden, usw. Besonders zu empfehlen in der Genesung nach Rippenfell-, Lungenentzündung, Bronchitis, Influenza u.s.w. Lokale Bestrahlung bei schlecht heilenden Wunden, Geschwüren (Beingeschwüren), Fisteln, Hautausschlägen, Haarausfall" (Luxemburger Wort vom 11.10.1916). Aus dem Spital der ARBED in Esch wurden 1919 Erfolge gemeldet "mit den ultravioletten Strahlen der Höhensonne bei Flechten, Ausschlag, Wucherungen skrofulöser und tuberkulöser Wunden" (Luxemburger Wort vom 8.11.1919).

Die Therapie mit Höhensonnen und UV-Strahlen eröffnete um 1918 neue Perspektiven in der medizinischen Behandlung, Prophylaxe und Kurierung der "Armutskrankheit" Rachitis. Anfang der 20er Jahre war die Höhensonne "der Schrei", der "clou" - ganze Schulklassen wurden kollektiv mit ultraviolettem Licht bestrahlt, im Krankenhaus wurden schon Säuglinge unter Höhensonne-Lampen gelegt. Die Alters- und Invalidenversicherung in Luxemburg meldete in ihrem Bericht für das Geschäftsjahr 1915 "wurde den Kranken auch das modernste Hilfsmittel, die Bestrahlung mit künstlicher Höhensonne, zugänglich gemacht" (Escher Tageblatt vom 7.8.1916). In der Hauptstadt richtete der Schularzt ein Höhensonnen-Zimmer in der städtischen Badeanstalt ein:
"Mit kommendem Januar empfangen kranke Schulkinder auch Höhensonne und Salzbäder. Zu diesem Zwecke ist ein Extrazimmer in der Badeanstalt hergerichtet worden" (E.T. vom 23.12.1925). Auch die Kinder der ARBED-Angestellten profitierten im Genesungsheim auf dem Kreuzberg in Düdelingen von dieser Errungenschaften der Medizintechnik. Natürlich gab es auch in dem 1930 eröffneten Sanatorium der Sozialversicherungen in Vianden Räume für Heliotherapie (Escher Tageblatt vom 24.4.1930).

Doch erzeugt dieses ultraviolettes Licht nicht nur Vitamin D. Es kann auch zu Sonnenbrand führen - und erhöht damit das Hautkrebsrisiko. Als in den 80er-Jahren die Gefahren künstlicher Bestrahlung bekannt werden, gerieten die Höhensonnen außer Mode. Ausserdem gab es für wenig Geld Vitamin-D in der Apotheke ...