Pädiatrie


Impfbescheinigung 1804

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Früh aufstehen lohnt sich bislang. Heute konnte ich auf dem Innsbrucker Flohmarkt "Alter Hafen" eine alte, gerahmte Impfbescheinigung erwerben, signiert von einem berühmten Arzt ...

 

"Ich untergefertigter bezeuge hiermit daß Joseph

Legat, fünf Jahre alt, Sohn des H(och)L(öblichen) Joseph Legat,

K.K. Cassa-officier bey der niederländischen

Staatsschulden-Cassa, und seiner Gemahlin

Josephina, geborene Genotte, von mir vaccinirt

wurde, und daß er regelmäßige Kuhpocken

gehabt habe. Wienn den 22ten December 1808

de Carra M.D."

 

"Zeugniß

Daß Joseph Legat, Sohn des H(och)L(öblichen) Joseph

Legat Cassa-Officier bey der K.K. Einlösungschein

Haupt-Cassa, von mir Anno 1804 vaccinirt, regel-

mäßige Kuhpocken gehabt habe. Wien, d. 9ten Septr. 1818

de Carro MD"

 

Johann Legat heiratete die in Brüssel geborene Petronilla Legat (in unserm Dokument als Josephine bezeichnet) und starb 1829. Die Witwe starb 1855. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn Johann.

 

Von besonderem Interesse ist die Unterschrift mit Siegel: de Carro MD

***

 

Jean de CARRO

Johann Carro (* 8. August 1770 in Genf; † 12. März 1857 in Karlsbad, Böhmen) stammte aus einer alten, einflussreichen Genfer Familie. Als Kind Pockenimpfung. Im Alter von 20 Jahren verließ er seine Heimat, um an der University of Edinburgh ein Medizinstudium aufzunehmen, das er 1793 abschloss (Dr.med. 24.6.1793 mit einer These "De hydrocephalo acuto"). Bei seiner Heimkehr fand er seine Heimatstadt in einem "Zustand der Gärung" vor, die ihm den Aufenthalt unmöglich machte. So zog er nach 2 Monaten Genfaufenthalt 1794 nach Wien, wo er weiter an der Uni studierte, in der Hoffnung, bald nach Genf zurückkehren zu können. (Dr. med. 1796). Doch sollte ihn die Liebe an Wien binden:

1795 heiratete er in Wien Marie-Anne von Kurzbeck, die schon am 9.1.1800 an Lungenentzündung starb. Aus dieser Ehe stammen 2 Söhne:

- Carl

- Peter, der eine Zeitlang in Odessa lebte, später in Wien. Sie gehörten zu den ersten auf dem europäischen Kontinent gegen Kuhpocken geimpften Menschen!

In 2. Ehe heiratete er Theresia Stöckl von Gerburg aus altem tyroler Geschlecht, die 1812 an Typhus starb. Aus dieser Ehe 2 weitere Kinder:

- Eduard, benannt nach Edward Jenner

- Nathalie, heiratete den Polen Ziolecki und lebte später in Galizien.

In 3. Ehe heiratete er die Belgierin Alexandrine Breck, Tochter eines österreichischen Dragoners.

In Wien wurde Carro Mitglied der medizinischen Fakultät. Besondere Verdienste erwarb er sich um die Verbreitung der aus England (Alexander Jenner) stammenden Kuhpockenimpfung, die er 1799 als einer der Ersten auf dem Kontinent durchführte, nachdem er sie vorher an seinen eigenen Kindern erprobt hatte. Durch Carro fand diese neue Form der Pockenschutzimpfung auch in der Türkei, in Griechenland, Ostindien und Persien Eingang. Verpflanzung der Kuhpocken durch de Carro von Wien nach Constantinopel, Athen, Bassora usw.

 

Impfungen in Österreich

- 29. April 1799: erste private Vakzination in Österreich durch Dr. Pascal Joseph Ferro (1753-1809) an Ferro's 3 Kindern mit einem Impffaden, den Jenner an von Carro geschickt hatte.

- 10. Mai 1799: Impfung des 18 Monate alten Knaben de Carro's durch Ferro

- 20. Mai 1799: de Carro impft seinen 2. Sohn von 3 Jahren

- 10. Dezember 1800 in Brunn am Gebirge: erste öffentliche Impfaktion in Österreich am, durch de Carro.

- 31.8.1801: Impfungen im großen Kinderhospital in Wien durch Joseph Dehrott.

 

Jean de Carro: Observations et experiences sur l'inoculation de la vaccine. Wien: Kurtzbeck|Kurzböck 1801.

Jean de Carro, Expériences sur l'origine de la vaccine. Traduit de l'anglois par jean de Carro. Wien 1802.

 

Aufgrund seiner Errungenschaften auf diesem Gebiet wurde er 1820 von Kaiser Franz I. in den Ritterstand erhoben.

 

Ende de Carro's

1825 verbrachte Carro ein Jahr in Prag. 1826 mußte er sich aus gesundheitlichen Gründen von der ärztlichen Praxis in Wien zurückziehen. Da er an ständigen Gichtanfällen litt, begab er sich im gleichen Jahr ein erstes Mal zu einem Kuraufenthalt nach Karlsbad (heute Karlovy Vary in Tschechien). Nach erfolgreicher Kur verlegte er seine Praxis von Wien nach Karlsbad und betätigte sich dort während der Kursaison als Arzt. De Carro nahm während seines Wirkens in Karlsbad maßgeblichen Einfluss auf die kulturelle und medizinische Geschichte des Ortes. 1843 wurde er zum Ehrenbürger Karlsbads. Er publizierte weiterhin Schriften über Karlsbad, bevor er dort am 12. März 1857 verstarb und auf dem Andreasfriedhof (heute Mozartpark) begraben wurde.

In Wien wurde die Carrogasse (21, Großjedlersdorf I) am 23. Juli 1914 nach ihm benannt.

 

Lit.: Joseph Freiherr von Hormayr, Johann de Carro, in: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, Band 7 (Wien 1816) S.422-426.

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