Karikaturen


Aderlass in Algerien

 

Auf der Ansichtskarte, die in den 30er Jahren von der algerischen Regierung herausgegeben wurde, sieht man einen "hajam", d.h. Aderlasser, resp. "tahar", d.h. Beschneider und Barbier, der auf dem Dorfplatz den aus pharaonischen Zeiten datierenden "hijama", d.h. Aderlass praktiziert – eine Praxis, die der Prophet Mohammed lobend erwähnte: ein Mal im Jahr sollte der Eingriff am Punkt "el Kaliss" durchgeführt werden – vorbeugend im Frühjahr, therapeutisch konnte er über das ganze Jahr vorgenommen werden. Besonders günstig sind der 19., 17. und 21. Tag des Mondkalenders (Sunna).

Die Haut wird mittels Rasiermesser oberflächlich eingeschnitten, Dann wird mittels zweier "mghaïetehs" d.h. Saugtassen Blut aus der Nackenregion und zwischen den Schulterblättern abgesaugt:
"Un chirurgien, toujours présent sur le marché, soulageait ceux qui étaient affligés d'un excès de sang en leur appliquant sur la nuque, des ventouses scarifiées, confectionnées en fer blanc et munies d'un long tuyau; par ce tuyau, il aspirait le produit de la saignées. Pour démontrer l'efficacité de l'opération, il le recrachait à longs jets, à la vue des badauds ahuris!" (M. Ernst-Puech aus Monbrun, im internet 2011).

Der "Chirurg" saugte also das kranke Blut durch das Röhrchen an und spuckte es im hohen Bogen aus – welch wunderbare Kinoszene! Anlass für eine kurze Betrachtung zur frühen Heilkunde in Algerien.
Im 18. Jahrhundert praktizierte in Alger der grosse Abd Errazak Ibnou HAMADOUCHE el Dyazaïri, im 19. Jahrhundert verfügte Algerien immer noch über eine Reihe einheimischer Ärzte, die, ohne im Besitz universitärer Diplome zu sein, eine leistungsfähige Medizin anboten. Grosse Krankenhäuser, die ab 1830 in Alger, Oran und andern Städten des Landes entstanden, waren eher für die hier residierenden Ausländer gedacht - die Einheimischen wurden in kleinen "infirmeries" behandelt.
Ab 1867 bildete die junge, durch Dekret vom 3.4.1857 gegründete "Ecole de médecine" von Alger sogenannte "officiers de santé" aus – die beiden Ersten hiessen Ben Boulouk BACHI und Kaddour Ben AHMED.
1878 wird als Arzt am Militärhospital von Cherchell ein Dr. Mustapha Hadj MOUSSA genannt, der später in der Lokalpolitik von Constantine eine Rolle spielte und 1920 starb.
Der nächste in Europa graduierte algerische Arzt war der 1857 in Nedroma im Departement Oran geborene Mohammed NAKKACH, der am 16.6.1880 in Paris mit Erfolg eine Doktorthese verteidigte. Er starb in Tlemcen am 19.1.1942 und wurde in Nedroma beigesetzt.
Am 14.12.1881 verteidigte ein Taieb MORSLY vor der Medizinischen Fakultät Montpellier eine Doktorthese.
Der nächste an einer europäischen Universität promovierte Arzt algerischer Herkunft war Mohammed Ben Larbey SEGUIR. Im Dezember 1850 in Cherchell geboren, studierte er in Alger. 1874 kehrte er aus Paris mit dem Titel eines "officier de santé" zurück, ging aber 1882 nach Frankreich zurück, um weitere Diplôme zu erwerben: in Gegenwart seines Freundes Victor Hugo verteidigte er seine Doktorthese am 16.7.1884 in Paris. Ihr Thema: "La médecine Arabe en Algérie", in der er über die damals noch häufige Trepanation in der Provinz Constantine und andere spezifisch arabische Therapieformen berichtete. Er starb am 20.10.1939 und wurde auf dem Friedhof von El Kettar beigesetzt. Eine Strasse der Kasbah von Alger ist nach ihm benannt.
Der 1869 geborene Bechir DINGUEZLI promovierte als erster Tunesier an einer europäischen Fakultät, der 1882 geborene Hassen ELFITOURI als erster Lybier an der Universität von Istanbul.
Am 30.12.1909 wurde in Alger endlich die erste medizinische Fakultät des Landes gegründet …

Karikaturen


Aderlass in Marokko

 

Gleiche Szene in den Gassen einer marokkanischen Stadt - diesmal "in echt": der Chirurg saugt an den Schröpfköpfen, die er in den Nacken seines Patienten appliziert hat ...

Ansichtskarte, gelaufen 1933.

In der praekolonialen Aera war die Heilkunde des Marokko vor allem eine Volksmedizin mit einer Mischung aus Magie und den kläglichen Überresten der grossen Medizinischen Tradition der arabischen Welt im Mittelalter. Astrologie, Exorzismus, daneben einige wenige pflanzliche Rezepturen... Die grossen "Maristane", arabische Hospitäler, befanden sich am Ende des 19. Jahrhunderts in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls und der Dekadenz und waren grösstenteils zu Armenhäusern verkommen.

Die 1906 einsetzende westliche Okkupierung des Landes unter dem Begriff der "pacification" schuf Abhilfe indem die Franzosen an der Küste mehrere "dispensaires" einrichteten, in denen französische Ärzte eine moderne Medizin praktizierten. Diese Tendenz verstärkte sich nach 1912 mit der Umformung des Landes zu einem französischen und spanischen Protektorat (1912-1956). Französische und spanische Ärzte halfen, die grossen Epidemien wie Grippe, Pest, Typhus und Pocken usw. zu bekämpfen und Massnahmen gegen die endemische Malaria in die Wege zu leiten.

Nach der politischen Unabhängigkeit des Landes wurden in Casablanca, Fès, Marrakech, Oujda und Rabat medizinische und pharmakologische Fakultäten gegründet, in Casablanca und in Rabat ausserdem zahnärztliche Fakultäten.


(siehe site
http://www.scribd.com/doc/20370119/le-millenaire-de-la-medecine-au-maroc)

Karikaturen


Amme (1)

 

Dem Säugling die Augen zu verbinden war keineswegs Sitte bei unsern Vorfahren. Offenbar soll die Augenbinde auf unserer Ansichtskarte verhindern, dass das Kind beim Anblick der hässlichen Amme erschrickt ...

Ansichtskarte, gestempelt am 21.10.1901

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Amme (2)

 

Diese Ansichtskarte versucht eine Antwort zu geben für die Augenbinde:
"Die Amme muss in Zukunft dem Säugling die Augen verbinden, damit der Be-Ammte nichts sieht"

- WAS soll er nicht sehen??

Man beachte die stilistische Nähe dieser Karikatur zur Vorhergehenden: der gleiche verstohlene Blick der Amme, die gleiche überlange Nase, selbst der Haarschmuck ähnelt dem Vorgängermodell: offenbar handelt es sich bei dieser Haube um ein typisches Kleidungstück der "Spreewald-Ammen", die in Berlin traditionell die Säuglingsernährung innehatten - siehe Gemälde von Heinrich Zille (1858-1929) aus dem Jahr 1911. Noch um 1880 waren im Stadtbild Berlins die mit ihren Pfleglingen ausgehenden Ammen aus der Niederlausitz in ihrer sorbischen Tracht auffällig.

Karikaturen


Amme (3)

 

Die klassische Pariser Amme stammte aus der Region Morvan und aus dem Nivernais...

BUREAU DE PLACEMENT
Nourrice moderne style (loin d'être
sèche). Lait garanti pur et stérilisé.
Demande un second nourrisson.
(Quand il y en a pour un, il y en a
pour deux).

Phototypie A. Bergeret et C°, Nancy [linker Rand der Karte].

Zur Person des Photographen BERGERET
"Albert Bergeret naquit à Gray en Haute-Saône le 8 décembre 1859 comme fils de libraire; il apprend le métier de typographe à Paris puis s'installe chez Royer é Nancy en 1886. Il quitte cette entreprise pour fonder, le 15 juin 1898, en association avec H. Oury, l'Imprimerie artistique de l'Est A. Bergeret et Cie (installée rue de la Pépinière avec 30 ouvriers).
L'entreprise produit des cartes postales d'une exceptionnelle qualité et réalise également de grands albums photographiques qui lui valent en 1900 une médaille d'or à l'Exposition universelle de Paris. De 1900 à 1901, la production passe de 25 à 50 millions de cartes par an. Les locaux de la Pépinière se révèlent rapidement insuffisants et aux mois de juillet et d'août 1901, Lucien Weissenburger dresse les plans d'une usine de 2000 m2 à établir rue Lionnois dans le quartier Saint-Pierre situé entre la porte Saint-Nicolas et l'église de Bonsecours.
L'installation se fait le 15 mars 1902 mais la demande est si importante que dès le mois d'août 1903, l'architecte établit un projet d'agrandissement qui double la surface des planchers. A cette date l'usine produit avec 27 machines, 75 millions de cartes postales. Les 150 ouvriers disposent d'un réfectoire et d'une bibliothèque de 2000 volumes où "les apprentis qui n'ont souvent chez eux ni feu ni lumière peuvent venir le soir de huit à dix heures ".
Lorsqu'en 1903 Bergeret fait appel une nouvelle fois à Weissenburger pour se faire construire sa propre demeure, l'entreprise est en pleine expansion. Mais le ralentissement des ventes, sensible dès 1904, oblige Bergeret à s'associer aux imprimeurs Humblot et Helminger. La nouvelle société des Imprimeries Réunies de Nancy devient la plus grande entreprise de lithographie et de phototypie de l'Est de la France. Albert Bergeret se retire des affaires en 1925 et l'entreprise cesse ses activités en 1936. L'usine sera profondément transformée pour accueillir la Faculté de Médecine, seule la façade sur rue est partiellement conservée. En revanche, la maison qui est actuellement le siège de la présidence de l'Université de Nancy I, malgré quelques amputations et restitutions hasardeuses, reste un témoin essentiel de l'Art Nouveau" (Internet).

L'ensemble de la production Bergeret tourne autour de 5 600 cartes répertoriées, de fin 1901 à 1908. Elles sont sorties régulièrement, mais l'année la plus riche a été 1905. BERGERET meurt le 20 juin 1932.

Karikaturen


Arzt als Verführer

"Ich habe Gefühle für Sie..." 

Der Eid des HIPPOKRATES spiegelt die hohe ethisch-moralische Haltung der Griechischen Ärzteschaft im 5. Jh. vor unserer Zeitzrechnung wieder. Er besagte, je nach Übersetzung:

  • In wieviele Häuser ich auch kommen werde, zum Nutzen der Kranken will ich eintreten und mich von jedem vorsätzlichen Unrecht und jeder anderen Sittenlosigkeit fernhalten, auch von sexuellen Handlungen mit Frauen und Männern, sowohl Freien als auch Sklaven.
  • Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
  • Wenn Ich des Kranken Haus betrete, so soll ihm dies nutzen und frommen. Keinem soll Unrecht geschehen, und niemandem will ich zu nahe treten, zumal nicht den Frauen.
  • In welches Haus ich auch immer eintrete, werde ich es tun zum Wohle der Kranken. Ich werde mich von jedem freiwilligen Akt der Bosheit oder der Bestechung enthalten und ebenso von jeder Verführung der Frauen oder Männer, seien sie freie Bürger oder Sklaven.

    Aber: Gesetze sind da, um gebrochen (ein Gruss nach Schrassig in die Strafanstalt) oder zumindest gebogen (ein Gruss an die Herren Anwälte) zu werden, so offenbar auch das Gesetz des HIPPOKRATES: der Hausarzt (auf der vorliegenden Ansichtskarte) bekennt, dass er seiner Patientin gegenüber Gefühle empfindet - ist das Bekennen schon Teil einer "Anmache", ist das Werben bereits sündhaftes Vergehen, schamloses Ausnutzen der besonderen Position, die der Arzt seiner Patientin gegenüber einnimmt ?...

Karikaturen


Arztkarikatur, um 1910

 

Die "singeries" waren im Flandern des 18. Jahrhunderts ebensowie in Frankreich bei beliebtes Thma der Maler. Denken Sie an den "Singe peintre" von Jean Siméon Chardin (1699-1779), der im Louvre hängt. Dummheit, die zum Nach"äffen" führte und Lügnereien, die zum rfolg im Beruf führen ...

 

Was für Maler recht war, schien für Ärzte nicht falsch zu sein.

 

"Monsieur le Docteur" - der Arzt als dressierter Affe: mit dem Zylinderhut und den braunen Lederhandschuhen, der Goldrandbrille und dem Gehstock sieht der Medicus gar gescheit aus. Das graue Haar zeugt von Weisheit - wenn da nicht das Affengesicht wäre, und das vermutlich entsprechende Affenhirn...

 

Die Anfänge der Porträtmalerei liegen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die Entwicklung ging tastend und zögernd voran. Kunden waren zunächst das Bürgertum der Reichsstädte: Bürgermeister, Richter, Angehöriger des Lehrkörpers der Universitäten. Eines der ersten Porträts von Ärzten zeigt den Schweinfurter Arzt und Humanisten Johann SPIESSHEIMER genannt CUSPINIAN - ein Bild das anlässlich seiner Eheschliessung entstand. Cranach d.Ä hat es 1503 gemalt: jugendlich, forsch stellt sich der Arzt vor und beruft sich auf ein gewaltiges Buch - vermutlich HIPPOKRATES oder GALEN...

Seither haben hunderte von Kollegen Malern unterschiedlichster Dignität Modell gestanden und so mehr oder weniger erfolgreich für ihre Unsterblichkeit gesorgt. Dabei wurden sie zumeist im höheren Alter abgebildet, als das Einkommen reichte, um den Maler zu bezahlen und der Ruhm - und sei es auch nur der angestrebte - die ganze Prozedur in etwa rechtfertigte.

Anders die Karikatur. Die gab der Arzt nicht in Auftrag, die fällt ihm sozusagen ins Haus! Nicht sein Können soll hier verewigt werden, sondern eine seiner Marotten, eine seiner Unarten...

 

So auch bei unserm "Affenarzt": gescheit ausschauen will er, aber affig bleibt er dennoch - eine Mahnung an die Herren Doktores...

 

Nicolas Larmessin (1638-1694) hat den Arztstand Frankreichs - und nicht nur ihn - mit seinen Bildern verhöhnt: der Arzt trägt ein Kleid aus Büchern ("Habit de Médecin"), der Chirurg ist über und über mit Instrumenten behangen: passende Karikaturen, die im Zeitalter von Molière mit den manierierten, perrückentragenden Ärzten durchaus angebracht waren.

Der englische Karikaturist William Hogarth (1694-1764) spottete 1750/51 der aufgeblasenen Universitätsdoktoren, die "ex cathedra" einer Sektion beiwohnten, gefühllos, überheblich.

James WEST karikierte 1803 die raffgierigen Ärzte, wie sie sich bei Frau "Cholera" dafür bedanken, dass sie ihr Land besucht und ihnen die zahlreichen Patienten beschert hatte.

Beliebte Motive späterer Karikaturisten waren eher die Aussenseiter der medizinischen Szene. So karikierte Honoré Daumier (1808-1879) im Jahre 1837 zwei streitende Homöopathen; beliebtes Spottmotiv war im 19. Jahrhundert auch Dr. Franz-Joseph GALL (1758-1828), der Erfinder der Kraniologie.

Otto Dix (1891-1969) hat den Düsseldorfer Urologen Dr. Hans KOCH so porträtiert, dass man die Kombination von Mensch und Arbeitsgeschirr durchaus als "karikierend" bezeichnen kann - die Übergänge zwischen realistischer Darstellung und Karikatur sind manchmal fliessend - am Gemütszustand des Zuschauers liegt es, wie er das Bild aufnimmt.

So überlasse ich auch Dir, werter Besucher, die endgültige Bewertung des Bildes mit dem Affen, der Arzt sein wollte - oder dem Arzt, der sich zum Affen machte...

 

Lit.:
G.H. KLÖVEKORN, Das Portrait des Arztes, Leverkusen 1956.
Piero LERCHER, Medizin in der Karikatur, Wien 2001.
Cornelis VETH, Der Arzt in der Karikatur, Amsterdam und Berlin, 1927.
Helmut VOGT, Medizinische Karikatur von 1800 bis zur Gegenwart, München 1960. 

 

Karikaturen


Frau, den Puls tastend

 

Da auf Karikaturen immer wieder der Zylinder als standesgemässe Kopfbedeckung auftaucht, wollen wir in ein paar Zeilen die Geschichte dieses Hutes skizzieren.

"Der heute als Zylinder bezeichnete Hut entwickelte sich entweder aus einem um 1780 getragenen hohen Hut aus Wollfilz oder aus dem so genannten Biberhut des englischen Landedelmannes. Dieser galt bis 1850 als unelegant und wurde von den höheren Ständen allenfalls als Reithut getragen. Der hohe Hut war die Kopfbedeckung der französischen Revolutionäre.
Im Januar 1797 wurde erstmals ein Seiden-Zylinder von dem englischen Hutmacher John Hetherington öffentlich getragen, wofür er wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bestraft wurde. Populär wurde er erst in den 1820ern, als er zum Hut des Bürgers avancierte, ja zum Symbol des Bürgertums schlechthin: so weigerte sich Adolph von Menzel bei der Verleihung des preußischen Adlerordens - umgeben vom uniformierten Hochadel - aus Bürgerstolz, seinen Zylinder abzunehmen.
Die frühen Zylinder wurden noch aus hellgrauem oder hellbeigem Filz hergestellt, seltener aus schwarzem, und mit einem schmalen Band versehen. Nach 1830 kam der Chapeau Claque auf; in dieser Zeit wurde der Zylinder auch zum Reithut der Frau. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt diese Kopfbedeckung vor allem als eleganter Abendhut in schwarzer glänzender Seide und mit farbigem, meist rotem Futter. Der graue Zylinder war ein Tageshut für festliche Anlässe.
Schon im 19. Jahrhundert wurde der Hut Bestandteil bestimmter Berufstrachten, zum Beispiel der Schornsteinfeger und Kutscher" (cit. Wikipedia).

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts trugen die luxemburger Ärzte Frack und Zylinder. In seinen Memoiren (T'ass en alen Dokter, den elei schwätzt, in: Bull.Soc.sc.méd.Lux. 1948, S. 87-102) beschreibt der Arzt François DELVAUX (1872-1964), wie er 1902, mit Zylinder und Handschuhen ausgestattet, seinen Kollegen einen Antrittsbesuch abstattete. Es gehörte damals zum guten Ton, daß der Arzt auch bei Hausbesuchen einen Zylinder und eine weisse Kravatte trug.
Der Zylinder ist auch heute noch die klassische Kopfbedeckung des Bräutigams und wird, bei der Hochzeitsfeier, zum Frack oder Cut getragen, zum Stresemann dagegen trägt man eine Melone. Entsprechend der Etikette wird der Hut oder Zylinder nur außerhalb des Hauses getragen.

Karikaturen


Frauenarzt

 

  JOSEF, Carl (1877-1937) . "Frauenarzt" - "Komm' den Frauen zart entgegen." Künstlerpostkarte, Serien Nr. 898-4. Wien. Von dem gleichen österreichischen Maler gibt es eine Unsummen banaler "fast" witziger Ansichtskarrten:

  • Genralstäbler
  • Der Buchhalter am Stehpult,
  • Diesen Schluck der ganzen Welt
  • Barùann mixt Getränk
  • Betrunkene Gentlemen
  • Con Amore, der Könner am Klavier
  • Der Österreicher am Telefon
  • Der Herr Greissler
  • Der Kleinbauer
  • Der vornehme Reisende
  • Fechter beim Kampf
  • Feiner Herr beauftragt geduldigen Diener
  • Frau beim Stricken
  • Frau in blauem Kleid führt Buch
  • Freundlicher Passant grüsst Polizisten
  • Grossagrarier
  • Grosser dünner und kleiner dicker Mann, Pfeife
  • Grosser und kleiner Mann betend
  • Halbstarke, was willst du?
  • Heereslieferanten
  • Im Wirtshaus
  • Vornehmes Paar, ins Alter gekommen
  • Junge auf der Schlitterbahn
  • Junger Mann beim Vorstellungsgespräch
  • Kapitän raucht Pfeife
  • Beim Chef, der Neue stellt sich vor
  • Polizist , Strafzettel für Tierquäler
  • Wiener Typen
  • Kommis usw. 

Karikaturen


Hebamme

 

Man beachte die Züge einer Hexe, die der Maler dieser Stadthebamme (auf dem Dorf gab es keine Klingeln an den Türen) angedreht hat: ein Warze auf der Nase! Warum verunglimpft dieser Mann eine Hebamme, die ihn vermutlich selber vor Jahren auf die Welt befördert hat? Eine Reminiszenz aus den Tagen der Hexenverfolgung. Die Verfolgten waren hauptsächlich Frauen, Frauen, die Hebammen, weise oder heilkundig waren. Hebammen wurden als Hexen verfolgt, weil sie angeblich die Schuld an einer Totgeburt oder an Mißbildungen von Neugeborenen trugen. Besonders verdächtig waren nämlich Hebammen - der Hexenhammer widmet dem Problem der Hexen-Hebammen ein ganzes Kapitel:
"Wenn nämlich ein Kind geboren ist, trägt es die Hebamme, falls die Wöchnerin nicht selber schon Hexe ist, gleichsam, als wolle sie eine Arbeit zur Erwärmung des Kindes vollbringen, aus der Kammer heraus und weiht es, indem sie es in die Höhe hebt, dem Fürsten der Dämonen, d.h. Luzifer und allen Dämonen" (Malleus, alias Hexenhammer, 1487).

In Thann im Elsass wurde nachweislich eine Hebamme als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt (Malleus, fol. 69va.)
wurzelwerk.at/thema/eswareinmal14.php

Drei Säuglinge stecken im Tragekorb, auf dem Buckel - diese Art des Transportes wurde schon in der Antike gepflegt. Noch im 19. Jahrhundert wurden Kinder in solchen Körben über Land transportiert. Dabei wurde der Riemen des Korbes manchmal um die Stirm des Erwachsenen gelegt.

In dem auf den Boden gestellten Korb fallen zwei Gegenstände auf, die von dem Maler als typisch für den Hebammenberuf angesehen wurden:
- der Schwamm, mit dem Mutter und Kind gewaschen wurden
- die Einlaufspritze, mit der manche Geburt vorangetrieben wurde...

Warum der Herr, wo die Hebamme klingelt, wohl "Binder" heisst? Möglicherweise, weil die Hebamme die ENT-Binder-in ist!

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Hebamme, früher und jetzt

 

Bei einer Taufe waren die Eltern verpflichtet, die Verwandten und die Hebamme zum Trinken einzuladen, dem Kindelbier. Alkohol war mit dem Begiff Hebamme eng gekoppelt - leider nicht nur bei den Taufen. Vielen Dorfhebammen wurde regelrechte Trunksucht nachgesagt ...

Die Versuchung war gross, führte eine ordentliche Hebamme doch stets hochprozentigen Alkohol mit sich - nicht primär zum Trinken gedacht, sondern zum Einreiben unruhiger Neugeborener! Bekannt ist das leinene Lutschbeutelchen mit Mohn, das die Babys in eine Dauerschläfrigkeit versetzte. Sobald dieser allgebräuchliche "Zulp" oder "Nutschbeutel", "Sauglappen" nicht mehr genügte, die Kleinen zur Ruhe zu bringen, wurde das unruhige Kind entweder mit Branntwein eingerieben oder mit einer Abkochung von Mohnköpfen getränkt. Diese Praxis geht auf die Auffassung der Ärzte zurück, die die Ansicht vertraten, daß Säuglinge nicht zu lange schreien sollten und verschiedene Vorschläge dazu gestalteten, sie zu beruhigen.

Auf der Ansichtskarte glaubt man im Mund des Kindes links im Bild einen solchen Zulp su sehen - und dahinter die Karaffe und das Schnapsglas. Der etwas wirre Blick der Hebamme soll vermutlich an den chronischen Alkoholmissbrauch anspielen.

Ganz anders die moderne Hebamme rechts im Bild: sauber, mit schmalen, eleganten Händen, wissenschaftlich geschultem, seriösen Blick. Zudem gestattet sie dem Kind, sich frei zu bewegen, während die altmodische Dorfhebamme ihr Neugeborenes gepuckt hat.

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Hundedoktor

 

Die Situation ist perfekt nachgestellt:
- ein Patient, der krank in der Wiege liegt
- ein Medikament in der etikettierten Flasche, die auf dem Stuhl steht
- eine treu sorgende "Mutter"
- ein Klugscheisser als Arzt. Der Zylinder ist wieder das wichtigste Attribut des Akademikers "l'habit fait le moine". Dazu der passende Spruch:

Decken Sie zu ihn bis ans Ohr
Ich spreche morgen wieder vor
.


Ansichtskarte gelaufen 18.7.1913.