Einlaufgeräte



Klistiere (3): "Soi-même"

 

 

Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert gibt es Geräte zum Selbstklistieren, die auf dem Kolbenprinzip beruhten. Die Entwicklung entsprang dem Wunsch vieler Patienten, ihren Intimbereich nicht vor einem Fremden entblössen zu müssen. Ambroise PARE (1510-1590) machte den Vorschlag, ein gebogenes Metallrohr an eine Spritze anzufügen, um dem Patienten das Einführen der Klistierspritze zu ermöglichen - ohne Beistand durch einen Chirurgen, Arzt oder Apotheker.

 

Ludwig XIV litt, wie einige seiner Vorgänger, heftig am „verschlossenen Leib“; 212 reinigende Spülungen während eines frühen Regentschaftsjahres setzten eine Vorgabe, der Adel und wohlhabende Bürger nacheiferten. Den Rekord in puncto Frequenz soll ein Notar aus der französischen Provinz aufgestellt haben: Innerhalb von 24 Monaten brachte er es auf nicht weniger als 2.190 Anwendungen – das sind umgerechnet 100 im Monat oder rund drei pro Tag …

 

Das Soi-même

Teilweise mitschuldig an dieser Klistiermanie war der französische Königschirurg Ambroise PARÉ. Da die prophylaktische oder therapeutische Spülung in der Frühen Neuzeit keine Aufgabe eines Arztes oder Chirurgen, sondern des Apothekers war, weigerten sich schamhafte Damen, sich einen Einlauf verabreichen zu lassen. Paré sorgte für eine technische Innovation mit weit reichenden sozialen Folgen: er bog den zuvor geraden Griff altmodischer Klistierapparaturen einfach um und ermöglichte damit die nahezu uneinge-schränkte Selbstmedikation. In Parés Fußstapfen trat Wilhelm FABRY, als er einen Abschnitt in seiner „Wundarztney“ betitelte: „Abbildung und Beschreibung deß Instruments mit welchem der Krancke ihm selbsten mit geringer Mühe ein Clystier beybringen kann" (Axel Karenberg, Wilhelm Fabry und die Geschichte der Verstopfung, in: Dominik Groß, Axel Karenberg, Stephanie Kaiser und Wolfgang Antweiler (Hrsg.) Medizingeschichte in Schlaglichtern, Beiträge des „Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker“, Kassel University Press 2011 S.73-89).

 

Die Idee wurde 2 Jahrhunderte später in grossem Massstabe von der Industrie übernommen: das "soi-même" diente nun routinemässig dem Einbringen eines Einlaufes ohne Hilfestellung einer Drittperson. Man setzte sich auf den Einlaufstutzen, und presste sich die Flüssigkeit in den Darm – die Ausspülung der Scheide mit inbegriffen im Indikationsspektrum.

 

Das Tabakklistier zur Wiederbelebung
Die Empfehlung zur Reanimation rektal Tabakrauch zu applizieren stammt aus dem 18. Jahrhundert, von der holländischen "Matchapie to Redding van Drenkeling" (Gesellschaft zu Rettung von Ertrinkenden), eine der ersten Gesellschaften die sich mit Notfallmedizin beschäftigte. Der beißende Tabakrauch im Anus soll einen (Sympathikus)-Reiz auslösen worüber verstärkt Adrenalin ausgeschüttet wird. Das Adrenalin (von dem man damals freilich nichts wusste) sollte das Herz zum Schlagen bringen ... Offenbar bewährte sich die Methode, wurde sie doch an der Seine ebenso wie an der Donau systematisch propagiert.

 

Das Nährklistier

"Bereits vor Jahrtausenden wurden Patienten, die nicht essen konnten oder wollten, Nahrung über einen Darmeinlauf, einem Nährklistier, in den Enddarm verabreicht. Detaillierte Beschreibungen hierüber liegen beispielsweise von ca. 3400 v.Chr. vor. Dabei wurden beispielsweise Schafsmilch, Honig, Schmalz, Muttermilch oder Wein verwendet. Es wurde betont, daß die Nährstoffe über mehrere Stunden im Enddarm verbleiben mußten. Erst viel später wurde erkannt, daß die rektal zugeführte Nahrung nur dann in nennenswertem Maße aufgenommen werden konnte, wenn sie die anatomische Schranke zwischen Dickdarm und Dünndarm überwinden könnte. Es klingt zwar verwunderlich, aber diese Art der Nahrungszufuhr wurde – zusätzlich zu anderen Zufuhrwegen - noch bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts praktiziert" (Uni Heidelberg, Internet).

Die Kirche befasste sich mit dem Klistierinhalt und legte fest, dass Nährklistiere auch in der Fastenzeit erlaubt waren… So konnte sich ein Pfarrer, der am Verhungern war, während der Fastenzeit mit einem lauwarmen rectalen Süppchen „über Wasser“ halten.

 

Exponat

Man beachte bei dem vorgestellten Modell das verdickte Endstück (manchmal wurde zusätzlich noch eine Scheibe aus Holz oder Elfenbein daraufgelegt), die ein zu tiefes Einführen des Röhrchens verhinderte und damit das Verletzungsrisiko reduzierte.

 


Link
www.amber-ambre-inclusions.info/nuova%20irrigatori.htm
www.ma.uni-heidelberg.de/inst/chir/ernaehrungsamb_geschichte.html