Pharmazie


Bueteburger Cholerapatrone

 

Zu den wenigen luxemburger Pharma- präparaten, die es zur Marktreife brachten, gehören die "Luxembur- ger Cholerapatronen", die bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts beworben wurden (Marienkalender 1941 S.151).

Der Überlieferung zufolge lebten gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jh. in "Bueteburg" (Boiten- burg), das damals eine Ortschaft für sich gewesen, heute aber nur mehr ein Stadtteil des inzwischen mächtig ausgedehnten Düdelingens geworden ist, ein Arzt und eine Hebamme, die dort ihren Beruf ausübten. Von diesem, infolge seiner Tüchtigkeit bis weit über seine engere Heimat und sogar über die Grenzen des Landes hinaus bekannten Arzt, stammt die Vorschrift der "Bueteburger Kraider". Nach seinem Tode ging die Vorschrift der "Bueteburger Kraider" in die Hände der Bueteburger Hebamme über, die Kräuter erhielten infolgedessen den Namen "Kraider vun der Bueteburger Hiewan". Wie aus der hier vorgestellten Werbung ersichtlich, hiess das Präparat zuletzt (vermutlich seit der Cholera-Epidemie von 1866) "Luxemburgerburger Cholerapatronen" mit den "echten Bettemburger Kräutern" - vermutlich kannte kein Luxemburger den Ortsteil Bueteburg und man assoziierte das Produkt mit der 3 km von Düdelingen entfernt legenden Ortschaft Bettemburg...

Der Name Patrone leitet sich nicht vom Begriff des SchutzPatrons ab, sondern von den Sprengkapseln, die ab 1870 in der Region Düdelingen beim Erzabbau benutzt wurden. In der Tat erinnert die Form des Präparates an eine Dynamitkapsel... (siehe Abbildung in: Sei sauber, eine Geschichte der Hygiene, herausgegeben vom Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg, Wienand 2004 S. 200).

Beachtenswert erscheint uns das Logo IHS am VerschlussSiegel. Das Logo fand sich auf dem Richtschwert, und drohte dem Fälscher mit der Hinrichtung. Seit dem 4. Jahrhundert existiert die Form ICH, die zu JHS latinisiert wurde. Volksetymologisch führt man das Monogramm auf J(esus) H(ominum) S(alvator), J(esus) H(omo) S(anctus), J(n) H(oc) S(igno) oder im Deutschen auf J(esus) H(eiland) S(eligmacher) zurück.

Dieses Kräutergemisch stellt eines der ältesten Haus- und Heilmittel unserer Heimat dar, ein Gemisch zahlreicher, die Verdauung und den Stoffwechsel in günstiger Weise beeinflussenden Pflanzenteile und Pflanzenextrakte. Im Laufe der Jahre hat sich das Mittel bei tausenden von Fällen bestens bewährt - bei:
"Magenweh, Magenkrampf, Verdauungsbeschwerden, Übelkeit, Aufstoss, Blähungen, Hartleibigkeit, Magensäure, Sodbrennen, Stuhlverstopfung usw." (siehe Anzeige). Die Beliebtheit des Präparates mag sich zum Teil erklären durch den Branntwein, den das Volk seit jeher als Allheilmittel bei Cholera ansah: endlich mal eine Medizin, die Rücksicht nahm auf die Volksseele und nicht gleich alles Volkstümliche verdammte!

Vorgestellt wird eine Anzeige aus dem "Luxemburger Landwirtschaftlichen Genossenschaftskalender" aus dem Jahr 1930 S.184. Ähnliche Anzeige in dem gleichen Kalender 1935 (S. 172). Aus den Anzeigen ist zu ersehen, dass das Kraut mit Branntwein angesetzt wurde und mindestens 8 Tage ziehen musste bevor es schlückchenweise getrungen werden konnte - wahrlich keine Medizin für den Notfall....

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Chevrette

um 1850 

Die sog. „chevrette“ oder "caprette" entwickelte sich im 16. Jahrhundert vom mittelalterlichen Oelkrug der Hausfrau zum Standardgefäss des Apothekers – nur er durfte schliesslich diese Art von Gefässen in seinem Schaufenster aufstellen. Gewürzhändler oder Chirurgen, die die „chevrette“ benutzten, erwartete in Frankreich eine saftige Geldbusse.

Die ersten „ApothekenChevretten“ entstanden in Italien, sie hatten ein Fassungsvermögen von 1 bis dreieinhalb Liter. Der obere Rand zeigte stets einen Hals, um das Gefäss abschnüren zu können: verschlossen wurde sie in der Tat nicht mit einem Deckel, sondern mit Papier, Stoff, Leder oder Pergament. Auch die Tülle wurde mit einem Stück Kork oder Holz abgedichtet, um das Aroma des Sirops, Öles oder Honigs zu konservieren. Diese vorstehende Tülle – ihre Form erinnert ein klein wenig an das Horn eines Zickleins - gab dem Gefäss im Übrigen seinen Namen, der soviel bedeutet wie „kleine Ziege“.

Wollte man den zähfliessenden Inhalt ausschenken, tat man gut daran, die „chevrette“ zuerst in warmem Wasser zu erhitzen – daher die gelegentlich anzutreffenden zusätzlichen Ringe, durch die eine Kordel gezogen wurde, um das Gefäss aus dem Bad zu heben...

Als den Apothekern dieses Hin und Her zu kompliziert wurde, ersetzten sie die "Chevrettes" durch abgeflachte Flaschen, die einfacher zu verschliessen waren. Dafür wanderten die "Chevretten" – die Deutschen bezeichnen sie etwas plump als „Sirup-Standgefäss“ - nun in die Ausstellungsvitrinen, pardon, in die „Repositorien“, wo sie in langen Reihen als dekorative „Vorzeigeobjekte“ fungierten ...


Zum Inhalt des Kruges
Unter dem Begriff „Laurus“ versteht der Botaniker vier völlig unterschiedliche Gewächse:

  • Laurus nobilis L., im französischen « Laure d’Apollon » oder « Laure royal »:

    1) das schön grüne Öl der Früchte (bacae lauri) ist ein schön grünes, salbenartiges Gemenge von fettem und etwas ätherischem Öl, das insbesondere am Gardasee zubereitet wird. Bei normaler Temperatur hat das Lorbeeröl (Lohröl, oleum laurium) schmalzartige Konsistenz, es schmilzt bei 36°C. Man benutzt es für Einreibungen bei Muskelschmerzen und Verstauchungen. In wärmeren Gegenden wird es zum Anstreichen der Fleischerläden benutzt, da es, bei angenehmem Geruch, die Fliegen vertreibt!

    2) die Blätter enthalten ätherische Öle und Bitterstoffe. Äusserlich angewandt wirken die Öle hautreizend und sind stark allergisierend. Die ätherischen Öle haben eine deutlich psychotrope Wirkung…

  • Laurus persea, der Avokatbaum.
  • Laurus oleander, nerium oleander L., hochgiftig.
  • Laurus officinalis, Prunus laurocerasus, im französischen „Laurier-cerise“. Der kleine Kirschlorbeerbaum ist seit 1576 in Europa bekannt…
    100 Kilo Beeren liefern 1 kg Öl, 100 kg. Blätter 2,4 kg Öl : „huile de laurier“. In einer Dosierung von 1-2 Tropfen ist es leicht schmerzstillend, hustenstillend, sedierend und beruhigend.

    Beschriftung
    U[nguentum] e[x] b[accis] Laury: Schmalz aus Lorbeer-beeren.

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CONTERGAN (1)

Problem-Präparat 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thalidomid, von der chemischen Struktur ein Phthalimidoglutarimid, wurde 1956 von dem Chemiker Dr. Heinrich Mückler und der Firma Grünenthal in Stolberg bei Aachen entwickelt. Eigentlich war man auf der Suche nach einem Antibiotikum. Thalidomid aber erwies sich als ein Beruhigungsmittel. Der Pharmakologe Herbert Keller (*1925) befand die Substanz für nicht giftig und konstatierte, dass sie einen gesunden und erholsamen Schlaf förderte. Nach Patentierung und Testung wurde der Wirkstoff unter dem Handelsnamen Contergan am 1. Oktober 1957 als Schlaf- und Beruhigungsmittel in den Handel gebracht. Es wurde rezeptfrei verkauft, zunächst in Tablettenform, später auch als Tropfen und Zäpfchen.

 

Als besonderer Vorzug wurde die nicht-toxische Wirkung des Schlafmittels gepriesen: es war nicht möglich, sich mit einer Überdosis Contergan das Leben zu nehmen. Schon 1958 wurde Contergan besonders werdenden Müttern empfohlen, weil es in der Schwangerschaft und während der Stillzeit weder Mutter noch Kind schädigen würde.

 

1960 wurde über eine auffallend häufige Korrelation zwischen missgebildeten inneren Organen und missgebildeten Gliedmaßen bei Neugeborenen berichtet. Die Zusammenhänge zwischen der Einnahme des Medikaments "Contergan" in der Frühschwangerschaft und charakteristischen Missbildungen bei Neugeborenen wurden 1961 nachgewiesen - im November 1961 wurde das Präparat vom Markt genommen.

 

Vorgestellt wird eine CONTERGAN-Schachtel mit Schiebedeckel, die im Raum Hamburg benutzt worden ist, gottlob NICHT von einer Schwangeren...

 

Als 1964 in Jerusalem ein Patient mit einem schmerzhaften Lepraknoten stationär aufgenommen wurde und nicht schlafen konnte, verabreichte ihm der Arzt Jacob SHESKIN 2 Tabletten CONTERGAN. Der Patient nahm zwei weitere Tabletten am darauffolgenden Tag und schlief wie ein Murmeltier. Zum Erstaunen des Arztes verschwanden binnen eines Tages die Schmerzen im Lepraknoten. Seither ist Thalidomid ein Lepramittel. Da in den von der Lepra besonders betroffenen Entwicklungsländern viele Schwangere Analphabetinnen sind, droht damit eine neue Welle von Missbildungen...

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CONTERGAN (2)

 

Als Reaktion auf die Contergan-Affäre richtete der Gesundheitsminister Anfang November 1962 durch Presse und Rundfunk einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung. 1963 gab das Luxemburger Rote Kreuz dieses 15 x 11 cm grosse, 16 Seiten starke Heftchen heraus und warnte das breite Publikum vor unkontrollierter Einnahme von Medikamenten. Autor war Dr. Emile DUHR (1920-1990) "médecin-inspecteur" am Gesundheitsministerium.

Angesichts eines seit 1945 sprunghaft angestiegenen Arzneimittelverbrauches, dessen Ursachen kurz besprochen werden, warnte Dr.DUHR
- einerseits vor der Verabreichung von bestimmten Medikamenten an Kinder ( antiseptischen Wundpulvern, die Borsäure enthielten, Mercurochrom, Antibiotika),
- andererseits vor dem Unfug mit Weckaminen, Schlafmitteln, Schmerzmitteln und Rheumamitteln, die allesamt euphorisierend wirken (Gefahr der Euphomanie). Von diesen "euphorisierenden" Tabletten seien 6.000 verschiedene Sorten im Welthandel.

DUHR's Schrift endete mit dem leicht pathetischen Aufruf:
"Wäre es nur möglich, diese durch ihren Materialismus, durch die zu schnelle Technisierung und neuerdings durch die Automation entwurzelte, rastlose und ratlose Menschheit in ein ruhiges, entspanntes, naturverbundenes Dasein zurückzuführen, dann wäre sehr viel getan, aber das ist wohl eine unlösbare Aufgabe".

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CORAMIN-Fläschchen

CORAMIN
 

 

Coramin / CIBA ist eine gelbliche, fast geruchslose und geschmackslose Flüssigkeit, die sich in jedem Verhältnis mit Wasser mischen läßt. Es kann intravenös, intramuskulär und subcutan ohne Reizwirkung injiziert werden. Die Vergiftung durch Chloralhydrat wird durch Coramin behoben. Auch Chloroform-Cholin- und Morphinvergiftungen des Herzens mit Stillstand werden durch Coramin aufgehoben.

 

1925 erschien das Präparat auf dem deutschen Markt. "Coramin scheint berufen zu sein, bei Status epilepticus an die Stelle des bisher verwendeten Atropins oder Koffeins oder Kampfers zu treten, vor allem wegen seiner geringen Toxizität und der beim Menschenbei den anzuwendenden Dosen fehlenden psychomotorisch erregenden Wirkung. WUTH empfielt bei Vergiftungen mit Morphium, Kohlenoxyd, Veronal, Luminal und anderen Narkotika Coramin" (O. Wuth, Über Coramin-beta-Karbonsäure-Diäthilamid, ein neues Analeptikum, in: WMW 1926, zit. Münchner mediz. Wochenschrift 1925 Nr.45).

Otto WUTH (1885-1946) war Psychiater, im 2. WK Militärpsychiater der Wehrmacht

 

Coramin verkaufte sich gut - sogar Hitlers Leibarzt Theodor Morell verschriebt es seinem illustren Klienten. 1938 versuchte Albert Hofmann das Ciba-Erfolgsprodukt für seinen Arbeitgeber Sandoz nachzubauen - unter Verwendung von Lysergsäure, und stieß dabei auf das Lysergsäurediäthylamid, besser bekannt als LSD. 

 

Gute 6 Jahrzehnte später ist Coramin, a.k.a. Nikethamid, immer noch in Gebrauch: 125 mg davon sind in Glycoramin zu finden …

 

Lit.:

- S.J. Thannhauser und W. Fritzel: Über Pyridin-3-Carbonsäurediäthylamid (Coramin Ciba) und eine neue Gruppe analeptisch wirkender Substanzen, in: Schweiz.med.Wocchenschr. 1924 nr.10.

- K. Guth, Über Coramin, in: Münch. med. Wschr. 1925, Nr 14

- Fr. Uhlmann, Eine neue campherähnlich wirkende Substanz, in: Zeitschr. f.d.ges.exp.Med. Bd.43 S.556, 1924.

 

Exponat

CORAMINE-Fläschchen aus den frühen 40er Jahren. "tonique cardio-vasculaire & respiratoire, Laboratoires Denoyel 100-107 bd. Part-Dieu (jetzt rue de la Part-Dieu), Lyon. "Les laboratoires de produits pharmaceutiques sous licence CIBA ont appartenu à trois pharmaciens successifs. Après avoir racheté le fonds en 1913 au prix de 40 000 F, Jules Oscar Rolland l’a revendu, à l’âge de 74 ans, en 1941, à son jeune confrère Paul Denoyel, 36 ans, pour plus de 13 millions de francs" (internet)

"Le laboratoire CIBA existe depuis 1919 sous la raison sociale de Ciba et Rolland Pharmaciens, localisé 1, place Morand à Lyon. Ce laboratoire déménagera en 1930 pour aller s'installer dans les locaux actuels. Dans les années 1940, la société change de raison sociale et prend le nom de Laboratoires Ciba, professeur P. Denoyel, pharmacien, puis deviendra après la Seconde Guerre mondiale Laboratoire Ciba SARL. Ils produisent des produits pharmaceutiques spécialisés comme la phytine, ferrophitine, phytinate de quininefortossan, péristaltine, lipoiodine, digifoline, elbon, saline, salénal, vioforme, vioformol, coagulène, dial" (Internet). Les bâtiments sont désaffectés depuis 10 ans.

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Fläschchen mit DIGITALIN

Digitaline cristalline NATIVELLE, um 1911

 

 

 La digitoxine ou digitaline ou digitoxoside est un glycoside cardiotonique extrait de la digitale pourpre (Digitalis purpurea) et de la digitale laineuse (Digitalis lanata). Elle a été découverte par William Withering, un médecin et botaniste britannique. L'utilisation thérapeutique moderne de cette molécule sera rendue possible grâce aux travaux du pharmacien et chimiste français Claude-Adolphe Nativelle (1812-1889). Comme tous les glycosides cardiotoniques, elle est toxique. On l'utilise dans le traitement de diverses affections du cœur comme l'insuffisance cardiaque.

 

La digitaline cristallisée aurait pu figurer dans la pharmacopée de Hahnemann. Qui a découvert la digitaline cristallisée? NATIVELLE, pensons-nous. Nous connaissons tous la DIGITALINE NATIVELLE. Consultons le "DICTIONNAIRE UNIVERSEL DE MATIERE MEDICALE" de F.V Mérat et F.J. de Lens, daté de 1829. A la rubrique Digitaline, nous apprenons que cet alcaloïde a été découvert en 1824  par M. A. Leroyer, pharmacien à Genève et à la même époque par un monsieur Dulong d'Astafort, mais que c'est un certain monsieur Pauquy qui a la priorité de la découverte de la préparation de la digitaline cristallisée (thèse de Nicolle, 1824). De Nativelle, il n'est pas question à cette époque.

  

"Nativelle prepared digitaline cristallisée, which at last was believed to be pure. Meanwhile a commercial distinction had been established between German digitalin (originating from Walz's preparation), an amorphous powder easily soluble in water and alcohol, less soluble in chloroform, and very little soluble in ether; and French crystalline digitalin (that of Homolle and Quevenne, and Nativelle), easily soluble in chloroform and alcohol, but hardly soluble in water and ether. In this connection it may be stated that the French Codex gives detailed directions for the preparation of both digitaline amorphe and digitaline cristallisée, the yield of the latter being 1 gram from each kilogram of leaves. To Schmiedeberg (1874) we are indebted for a critical study of the more important digitalins of commerce. He arrived at the conclusion that these preparations were composed mainly of the following principles: Digitonin, digitoxin, digitalin, and digitalein. The first is an inactive glucosid, while the three others have the property of acting upon the heart, digitoxin possessing this power in a most pronounced degree. The more recent researches of Kiliani have materially extended our knowledge of the chemical nature of these substances.


Digitoxin. This forms the main constituent of Nativelle's digitalin. It is insoluble in water, although the presence of other digitalis glucosids or extractive matters may render it more soluble. It dissolves freely in alcohol and chloroform, slightly in ether, but is insoluble in petroleum ether (Keller, 1897). It yields a precipitate with tannic acid, but not with basic acetate of lead. Schmiedeberg could not establish the presence of sugar as a constituent of  digitoxin, although he obtained toxiresin by the action of acids. Recently Kiliani succeeded in resolving digitoxin (C31H50O10), into digitoxigenin and a substance, digitoxose (C9H18O6), resembling sugar (Archiv. der Pharm., 1896, p. 481).

Zur Person von Claude-Adolphe NATIVELLE (1812-1889) siehe auf Wikipedia: https://fr.wikipedia.org/wiki/Claude-Adolphe_Nativelle

 

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Diuretin

DIURETIN
 

 

 

   Im 19. Jahrhundert begann der Siegeszug der synthetischen Arzneimittel.

- 1875 das Pilocarpin aus dem Jaborandiblättern,

- 1891 das Digitonin aus dem Fingerhutblättern

- 1899 das Digitoxin.

Praktisch jede Pflanze, deren pharmakologische Wirkung z.T. schon Jahrhunderte lang bekannt war, wurde auf ihre Inhaltsstoffe untersucht.

 

Der nächste Schritt wurde gemacht, als vorhandene pflanzliche Inhaltsstoffe "verbessert" wurden, etwa indem die Löslichkeit oder auch ihre "Giftigkeit" verändert wurden. So konnte das schwer lösliche Theobromin als Natriumsalz mit salicylsaurem Natrium als "Diuretin" der Fa. Knoll 1895 und mit essigsaurem Natrium als "Agurin" 1901 von der Fa. Bayer in den Handel gebracht werden.

 

Zum Diuretin

1887 gelang Hans Christian Joachim GRAM (1853-1938), bekannt wegen der von ihm angegebenen bakteriologischen Färbung, in Kopenhagen die Synthese des Doppelsalzes. Das Theobromin löst sich mit großer Leichtigkeit in Alkalien unter Bildung von Alkalisalzen auf; das durch Lösen von Theobromin in Natronlauge entstehende Theobromin-Natrium vereinigt sich mit Natriumzitrat zu einem Doppelsalz, dem Theobromin-Natrium-Natriumsalicylat, welches unter dem Namen Diuretin in den Handel kam.

1889 empfahl er auf Grund der Arbeiten von v. SCHROEDER dessen Anwendung zur medizinischen Behandlung.

"The experiments of Schroeder reported in 1889, and confirmed by clinical observations made at Schroeder's suggestion, the same year by Gram, of Copenhagen, established the value of the alkaloid theobromine, a product of the seeds of Theobroma cacao, as a diuretic of great power, acting by direct stimulation of the renal epithelium and lacking in the unpleasant effects upon the nervous system, tinnitus, restlessness, insomnia and delirium, attributed to its homologue caffeine. Gram, after trial of many compounds, overcame the disadvantage of the insolubility of the alkaloid by forming, by combination with salicylate of sodium, a double salt, sodium-theobromine-salicylate, which should contain at least 46.5 per cent of the theobromine (Knoll's is said to contain 48 per cent.) and to which the name diuretin has been given. The therapeutic as well as commercial value depends upon its richness in theobromine. The compound occurs in the form of a white powder".

 

1891 begann mit der Markteinführung des „Diuretin-Knoll“ der Siegeszug einer in der modernen Medizin unentbehrlichen Medikamentenklasse, der Diuretika. Das weiße, amorphe, kristallinische Pulver - als Theobrominnatriosalizylat offizinell – war ein harntreibendes Mittel bei Wassersucht, Nieren und Herzkrankheiten. Während das im „Diuretin“ enthaltene Theobromin (Hauptalkaloid der Kakaobohne) heute keine therapeutische Bedeutung mehr besitzt, sind Substanzen wie Hydrochlorothiazid, Spironolacton und der Klassiker Lasix®.

 

Diuretin wurde vor allem als Diuretikum eingesetzt, aber auch bei Herzinsuffizzienz und bei Asthma. Vom Standpunkt der Urinausscheidung betrug die beste Dosis 50mg/kg KG, sollte möglichst viel Harnsäure ausgeschieden werden, so wurde 100mg/kg KG empfohlen. "Das Diuretin war sehr verbreitet, von 1895 bis 1932 war es das am meisten verwandte Theobrominderivat in Amerika, wohl auch in Europa. Insgesamt war es fast 70 Jahre lang auf dem Markt" (Cordula Schaarschmidt,  Theobromin zur Geschichte  und Gegenwart eines Wirkstoffs, These München 2008 S.61).

 

Exponat

Fläschchen mit Inhalt, in den USA vertrieben von der Importfirma des Chemikers Dr. Ernst August BILHUBER (1891-1973). Nach 3 Jahren Chemiestudium in Deutschland war der Princeton-Abgänger 1916 in die USA zurückgekehrt.

 

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Dosierlöffel (1)

 

 

In Luxemburg stösst man natürlich sowohl auf
- französisch (oben im Bild), als auch
- deutsch (unten im Bild) beschriftete Löffelchen.

"bedside medicine spoon" - Graduated Medicine Spoon
Once medicines were no longer ordered in single doses, medicine spoons such as this graduated one became necessary. This is made of porcelain and is marked with the measurements tea, dessert and table spoon. They were available for sale as well as used by the chemist himself.

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Dosierlöffel (2)


Schüsselchen im "Art-Nouveau"-stil... 

 

Bertogne
Bertogne
Bertogne

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Droguerie BERTOGNE, Mückencreme

Bertogne 2
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Tube mit der "Schnaken-Schutz-Krem" stammt aus einem deutschen Militaria-online-Laden. Laut Beschriftung stammt sie aus Luxemburg und wurde in der Droguerie des Apothekers Pierre BERTOGNE verkauft (hergestellt?).

 

Die Bezeichnung "KREM" für das französisch klingende "crème" liess mich an eine Herstellung während des 2. Weltkrieges denken, als BERTOGNE möglicherweise deutsche Wörter benutzen musste. Dem widerspricht aber das französische Etikett ...

 

Als sich BERTOGNE 1922 etablierte, gab er als Adresse "Krautmarkt n°5" an, erst 1929 finden wir als Adresse "Grand'rue 2" - lediglich eine Umbenennung der Häuser (?). Auf der Tube heisst es "Marché aux herbes" - Datierung der Tube daher eher in die mittleren 20er Jahre ...

 

Bertogne war von 1929 bis 1990 in Haus 2 der grand-rue etabliert, heute logiert im "Hause Bertogne" das Herrenbekleidungsgeschäft ALAZIO. Krautmarkt 5 aber ist der Sitz der Fa. "Vinolux and more".

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Droguerie CARBON, Diekirch

 

In Luxemburg ist die Zahl der öffentlichen Apotheken begrenzt (Prinzip der Konzessionierung). Gelingt es einem Apotheker nicht, die Konzession für eine Apotheke zu erwerben, so begnügt er sich entweder mit dem Posten des Provisors in einer fremden Apotheke, oder aber er ... eröffnet eine Droguerie. Hier kann er zwar nicht sein gesamtes Wissen an den Mann bringen, dennoch gestattet ihm die Droguerie in beschränktem Umfang den Handel mit Arzneistoffen - nämlich den NICHT APOTHEKENPFLICHTIGEN Medikamenten sowie Hilfsmitteln des alltäglichen Lebens.

Über alledem darf man nicht vergessen, dass der Beruf des Drogisten/ der Drogistin ein nach dem Berufsbildungsgesetz anerkannter Ausbildungsberuf ist.

In Deutschland dominieren einige wenige grosse Droguerie-Ketten den Handel: Schlecker, Dm und Rossmann.

Auf dem Bild, das bei Anlass der Pflanzung des Freiheitsbaumes am 5.3.1939 in der Grossgasse von Diekirch aufgenommen wurde, erkennt man die Droguerie von Georges CARBON (1901-1958). Klassisches Nischengeschäft der Droguerien: der Verkauf von Foto-Zubehör und das Entwickeln von Filmen. Siehe dazu die Lettern FOTO-HALL im Schaufenster und die Leuchtreklame über dem Eingang "Gevaert Films, Papiers, Plaques".

CARBON war Nachfolger von Jacques GROSS (1894-1924), der im Alter von 29 Jahren verschieden war.

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Brand-Binde aus der Droguerie HOFFELD, Luxemburg

 

Albert HOFFELD (1895-1976) aus Berburg wurde 1918 als Apotheker zugelassen. Da keine Apotheke frei war, übernahm er die Droguerie von Grégoire KETTENMEYER und verkaufte weiter dessen patentierten veterinärmedizinischen Präpa- rate.

Aus der Droguerie Hoffeld, 2 r. de l'Athénée in Luxemburg stammt die hier vorgestellte Wismuth- Binde (4m x 12 cm), mit der frische Verbrennungen abge- deckt wurden.

 

Bestäubte mein Grossvater Brandwunden noch bis 1950 mit frischem Mehl, so benutzten wirkliche Mediziner schon vor 1900 Wismut (Bismut). Die chemische Verbindung Bismuttellurid wird in medizinischen Präparaten zur Blutstillung und zur Desinfektion benutzt. Das basisch gallussaure Metall Wismuth findet sich wieder in der
- Wisbola-Brandbinde,
- Hartmann-Brandbinde, allesamt Nachfolgepräparate der
- BARDELEBEN'schen Brandbinde = "Bardella": Bismuthoxyd (bismutum subnitricum) und Stärke.

 

Heinrich Adolf von BARDELEBEN (1861-1914), der sich bei LISTER über aseptische Wundbehandlung kundig gemacht hatte, wurde königlich preußischer Geheimer Obermedizinalrat (1882), Generalarzt 1. Klasse à la suite des Sanitätskorps, Professor an der Universität Berlin und an der medizinisch-chirurgischen Akademie für das Militär in Berlin. Bekannt wurde er durch die Erfindung 1892 der „Bardelebenschen Brandbinde“, die der Behandlung von Verbrennungen und Erfrierungen diente.
Lit.:
de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Adolf_von_Bardeleben

Die moderne Therapie benutzt diese Brandbinden höchstens im Spätstadium der Verbrennung, niemals im akuten Zustand.
Lit.:
www.medizin.de/gesundheit/deutsch/2223.htm