Chirurgie


A book (1) to start: Johannes SCULTETUS

 

Johannes SCULTETUS alias Schultes resp. Schultheiss (*12.10.1595 in Ulm, gest. 1.12.1645 in Stuttgart). Der Vater, ein armer Schiffer, starb, als der Junge 5 Jahre alt war. In einer Herberge wurde das chirurgische Talent des Waisenknaben von dem durchziehenden Adriaan van den SPIEGHEL (1578-1625) entdeckt, der ihn umgehend nach Padua mitnahm.
In Padua war SCULTETUS Schüler von SPIEGHEL und Fabricio d'AQUAPENDENTE. Prosektor von 1616-1623, Promotion 1623. Praxis in Padua und Venedig, 1625 Rückkehr nach Ulm, wo er ab 1623 in Verhandlungen stand mit dem Stadtrat, um die Stelle eines "Stadtchirurgen" zugesprochen zu bekommen. Von 1625-45 Stadtphysikus daselbst. Er starb an einem Schlaganfall, der ihn bei Stuttgart überraschte - auf der Fahrt zu einem (adeligen) Patienten...

Er hinterliess ein einziges Manuskript (auf lateinisch) das 15 mal auf latein editiert, und mehrfach in lebendige Sprachen (englisch, holländisch, deutsch und französich) übersetzt wurde - insgesamt mehr als 18 Ausgaben:

  • 1653 lat. (folio) Erstausgabe seines "Armamentarium chirurgicum"; posthum bei Balthasar Kühnen in Ulm (nur 65 Seiten, 43 Tafeln) herausgegeben auf Betreiben seines Neffen.
  • 1655 lat. Ausgabe in Leiden.
  • 1656 lat. (octavo) Ausgabe; bei Adrian Vlacq in Den Haag (44 Tafeln). Seit dieser Ausgabe ein Titelblatt mit chirurgischer Szene.
  • 1662 lat. Ausgabe; bei Adrian Vlacq in Den Haag (328 Seiten).
  • 1666 deutsche Erstausgabe, übersetzt von Amadeus MEGERLIN, Stadtarzt in Haydenheim; bei (Daniel) Johann Gerlin’s Witwe in Frankfurt a.M. (263 Seiten, 56 Tafeln).
  • 1671 lat. Ausgabe; bei Johannes v. Someren in Amsterdam.
  • 1679 deutsche Ausgabe "Wund-Arzneyliches Zeughaus".
  • 1692/93 mit 288 Seiten und 86 Tafeln ausgestattete lat. Prachtausgabe; bei Boutestyn in Leiden.
  • 1741 holländische Ausgabe; bei J.C. de Sprögel in Amsterdam.
  • 1741 holländische Ausgabe "Het vermeerderde wapenhuis der heel-meesters" (in 't Neerduitsch vert. door Gerardus DICTEN) in Amsterdam bei Jansoons van Waesberge.

    Die französischen Ausgaben erschienen alle in Lyon:

  • 1672 bei Antoine Galien (48 Tafeln, zwei davon mit Monsterkind)
  • 1674 bei Antoine Cellier (385 Seiten, 48 Tafeln, zwei davon mit Monsterkind)
  • 1675
  • 1712 bei Léonard de la Roche (49 Tafeln - Exemplar des lux. Arztes COLLART in der luxemburger Nationalbibliothek).

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Aderlass-Schale (1)

 

Wieviel entnehmen?  Macht man einem sonst gesunden und kräftigen Menschen einen Aderlaß, so soll die Menge des gelassenen Blutes soviel betragen, wie ein kräftiger, durstiger Mann auf einen Zug Wasser trinken kann.
Wenn einer körperlich schwach ist, soll der Aderlaß soviel betragen, wie in ein Ei von gewöhnlicher Größe hineingeht. Denn ein Aderlaß, der über das Maß hinaus vorgenommen wird, schwächt den Körper gerade so wie ein Regenguß, der ohne Maße auf die Erde fällt, diese schädigt.

Die Aderlassbecken zum Auffangen des Blutes waren aus Zinn, oder Silber, sie hatten zunächst gerade Seiten, nahmen aber gegen Ende des 17. Jh. eine leicht konvexe Form an. Im Grunde konnte jede Schale als Aderlassbecher herhalten, einige Schalen aus dem 18. Jh. zeigen eine Eichung mit Unzenstrichen...

Ein 1689 in Norwich für John WORRELL angefertigtes Becken, der 1693 Obermeister der Innung der Baderchirurgen von Norwich war, scheint das einzige Verbindungsglied zu sein, das zwischen dieser Art Becken und der Aderlasspraxis besteht: es ergibt sich nämlich die merkwürdige Tatsache, dass wir keine Beweise dafür besitzen, welche der auf uns gekommenen Instrumente nun wirklich als Aderlassbecken verwendet wurden. Auch dieses eine Instrument kann sogar die Ursache eines jahrhundertelangen Missverständnisses gewesen sein. Von Michael CLAYTON stammt die etwas ärgerliche Feststellung, dass wohl jedes beliebige Instrument diesem Zweck gedient haben könnte; da die meisten vermeintlichen Aderlassbecken aus der Zeit zwischen 1625 und 1730 stammen, fragt man sich, welche denn nach dieser Zeit bis zum Ende des 19. Jh. verwendet worden sind.


Ein empfehlenswerter Link:
www.members.aol.com/dfrobenius/medizin/medizin.html

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Aderlass-Schale (2)

 

 

Zum Vergleich wollen wir ein um die Jahrhundertwende in den Niederlanden gefertigte Schale zeigen, die ihrerseits eindeutig als Rasierschüssel zu identifizieren ist mit der seitlichen Ablagefläche für den Rasierpinsel (gestempelt: Société Céramique Maestricht; Made in Holland)

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Aderlass-Schale (3)

 

 

Kleine Schale (14.5x11 cm) mit floralem Muster am Rand. Rechts im Bild der ZinnStempel der Rückseite: der englischen Tudor-Rose.

 

Ähnliches Objekt: Aderlass-schale aus Zinn, um 1745, (Durchmesser 10 cm) bei: Division of Medical Sciences, National Museum of History and Technology, Smithsonian Institution, Washington DC).

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Aderlass-Schale (4)

 

 

Bis zur Renaissance hin glaubte man, dass die Gesundheit auf dem Gleichgewicht von vier Körpersäften basiert: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle - ein System, das Hippokrates bereits 400 v.Chr. entwickelt hatte. Jemanden heilen bedeutete demnach, seine Säfte wieder ins Gleichgewicht bringen. Dafür mussten schädliche Säfte abgeleitet werden. Dazu wurde das GefässSystem entleert mittels Schröpfen und Aderlass; der Darm wurde entleert mittels Klistier und Erbrechen, der gesamte Körper entwässert mittels Schwitzen.

 

Der Aderlass war vorbeugend und therapeutisch:
- für die Prophylaxe galt eine Schröpfung pro Jahr als sinnvoll.
- für die Therapie galten strengere Vorschriften: alle 14 Tage gab man den Kranken im Strassburger Hospiz ein Abführmittel, einmal im Monat liess ein Scherer die Siechen zur Ader und versorgte ihre Wunden.

 

Der französische Kliniker und Pathologe Pierre Charles Alexandre LOUIS (1787-1872) vertrat eine naturwissenschaftlich orientierte Medizin, in der sich ein Arzt nicht ausschließlich auf seine Intuition verlassen sollte. Er setzte sich vehement für die Einführung statistischer Methoden ein und gilt als der Begründer der klinischen Statistik. Bekannt wurde er durch seine Ablehnung des Aderlasses. Nachdem er zahlreiche Krankengeschichten auswertet hatte, konnte er nachweisen, dass diese Methode nutzlos und teilweise sogar schädlich bei der Behandlung der damals sehr häufig anzutreffenden Lungenentzündung war. 1835 erschien sein Buch "Recherches sur les effets de la saigneé dans quelques maladies inflammatoires".

 

Aus dem Raume Freiburg stammt die hier vorgestellte, 550 g schwere Schale aus Kupferblech. Der umgekrempelte Rand verhinderte das Überschwappen des Blutes beim Transport, der lang ausgezogene Hals diente zum Anpressen an die blutende Stelle und als Tragegriff beim Abtransport des gelassenen Blutes.

Masse 28.5 x 12.5 x 4.5 cm

Erstanden im August 2004 auf dem internationalen Flohmarkt in Echternach.

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Aderlass, weisser (1)

 

 

   Zu den Ableitenden Verfahren gehört, neben dem unblutigen und dem blutigen Aderlass, bei dem Blut "verschoben" wird, auch die Reiztherapie mit Kantharidenpflaster.

Die Kantharide, "mouche d'Espagne" oder "mouche de Milan" [dtsch. „spanische Fliege“] ist eine in Mitteleuropa und in den Ländern des Mahgreb heimische Käferart. Aus ihr wird ein Pulver erzeugt, das bei Anwendung auf der menschlichen Haut eine Entzündung hervorruft, die einer Brandblase vergleichbar ist. Bei diesem schon in der Antike bekannten Verfahren wird eine reizende Salbe auf die Haut aufgetragen, worauf sich eine Blase bildet, wie bei einer Verbrennung 2. Grades. Der Arzt sticht diese Blase (möglichst steril) an, und benutzt dabei entweder ein Messer oder eine Spritze. Dann wird die Haut mit einem sterilen Verband abgedeckt - wie bei einer Verbrennung.

Es werden Ansammlungen "ungesunder Körperflüssigkeiten" aus dem Körperinneren lokal an die Oberfläche geleitet und dort entsorgt. Bei diesem Verfahren wird also helles SERUM entzogen, daher die Bezeichnung "weisser Aderlass".

Kantharidenpflaster (Blasenpflaster, Spanischfliegenpflaster, Emplastrum cantharidum [vesicatorium] ordinarium), eine Mischung aus 2 Teilen grob gepulverten Spanischen Fliegen (Kanthariden), 1 Teil Olivenöl, 4 Teilen gelbem Wachs und 1 Teil Terpentin; ist weich, wird zum Gebrauch messerrückendick auf Leinwand gestrichen und mit Heftpflaster auf der Haut befestigt; es zieht in 6-12 Stunden eine Blase. Der Lymphfluß wird angeregt, es werden gute Ergebnisse erzielt bei vielen chronischen Beschwerden der Gelenke – Kniearthrose, Hüftarthrose, Blockaden der Hals- und Lendenwirbelsäule. Cave: bei Nierenkranken!!

 

Geschichtliches zur Methode
Belegt ist die äussere Ableitung schon bei Ärzten im alten Indien. Hier wurde der Blasenzug (Vesikation) absichtlich herbeigeführt, in dem man Asche mit ätzender Lauge vermischte und auf die Haut aufbrachte. Auch im römischen Reich und in der arabischen Medizin arbeitete man mit dieser Therapie. Die äusserliche Anwendung der Kanthariden als Vesikans war allerdings vor Beginn des Mittelalters kaum in Gebrauch, von da an wurde es immer häufiger gegen eine grosse Anzahl schmerzhafter und entzündlicher Zustände eingesetzt. Paracelsus rühmte es als Heilmittel bei der Gicht: "Wo die Natur einen Schmerz erzeugt dort will sie schädliche Stoffe anhäufen und ausleeren. Wo sie dies nicht selbst fertigbringt dort mache eine Loch in die Haut und lasse dies heraus” (Paracelsus).

Die innere Anwendung als Aphrodisiakum war ebenfalls bereits den alten Griechen bekannt. Der "Canossa-Gänger" König Heinrich IV. (1050-1106) soll Kantharidenpulver konsumiert haben gegen seine Potenzprobleme. Der Marquis de Sade belohnte seine Nutten mit anishaltigen Perlen, in denen auch Kantharidenpulver enthalten war. Als eine dieser Damen an einer Kantharidin-Vergiftung starb, musste der geile Marquis die Flucht ergreifen, wurde aufgegabelt und in Haft genommen...

 

Hier das Rezept des Apothekers GAROSTE aus Fos:

Poix noire purifiée............... 125 grammes
Cire blanche........................ 30 grammes
Cantharides en poudre fine ... 60 grammes
Essence de Térébenthine ...... 15 grammes
Huile d'Olives ....................... 8 grammes

 

Exponat

Vorgestellt wird ein Pflaster-Briefchen, erworben am 22.4.2007 in Steinfort.

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Aderlass, weisser (2)

 

1891 führte Luxemburg 62 kg Spanische Fliegen AUS (!) (Memorial n°71 vom 30.12.1892). Wo diese Viecher herkamen, ist mir allerdings schleierhaft.

 

Früher wurden Zugsalben relativ häufig eingesetzt zum Ableiten von Kankheiten über die Haut. Hier ein Bericht über den Einsatz der Zugpflaster zu Beginn des 20. Jahrhunderts:

"Le médicament miracle qui se trouvait dans toutes les maisons c’était bien la toile souveraine, appelée aussi toile vésicante et topique dans une autre variété. Au village on l’appelait toile de curé parce que c’est un prêtre des environs qui l’avait inventée, mise en fabrication et en vente. Les médecins connaissaient cette toile, mais ils fermaient les yeux devant certains résultats probants. L’application était simple : après avoir légèrement chauffé le côté enduit d’une matière dont je ne connais plus la composition, pour la faire adhérer, on l’appliquait sur l’endroit douloureux ou infecté. Souvent épaisse et jaunâtre, parfois purulente, la sérosité expulsée entraînait les toxines de l’organisme qui était ainsi d’autant mieux désintoxiqué que l’élimination avait été plus abondante, le soulagement obtenu étant lui-même d’autant plus grand. Personnellement, au cours de mon adolescence j’ai obtenu la guérison d’une grosse infection par staphylocoque. Notre inventeur n’était pas apprécié des pharmaciens et la production dut être légalement suspendue. La composition du médicament était bien connue, mais il fallait le mettre en œuvre de bonne façon. Je crois savoir qu’une certaine personne a appliqué cette toile sur un sein gercé alors qu’elle allaitait encore son enfant …d’où complications bien prévisibles. Toile souveraine oui mais pas universelle et bonne à tout. En attendant, comme on dit, elle a été souvent efficace, d’un prix très abordable en ces temps sans sécurité sociale ni assurance"
(http://pagesperso-orange.fr/mdca/martin/chronique.htm).

 

 

Ein beliebtes Produkt im 19. Jahrhundert: das sog. Drouot'sche Pflaster, ein mit Kanthariden bereitetes, mild wirkendes Blasenpflaster, 1818 von dem Apotheker Théophile DROUOT aus Nancy angegeben:
"En 1818 , M. Drouot a publié une autre formule plus satisfaisante; elle se compose d'un mélange de teinture de garou et de teinture de cantharides, faites toutes deux avec l'éther acétique ; on fait dissoudre dans le mélange un peu de colophane , et on l'applique avec un pinceau sur un taffetas gommé. La bonté de la formule a été constatée par les rédacteurs du Journal de pharmacie; on aurait à lui reprocher seulement l'emploi de l'éther acétique , qui ne donne pas des résultats plus avantageux que l'éther sulfurique, et qui coûte beaucoup plus cher. J'en dirai autant de la formule qui consiste à dissoudre de la colophane dans l'éther acétique , et à mélanger de la poudre fine à cette teinture ; en outre, ce taffetas a un coup d'œil désagréable, qu'il doit à la poudre de cantharides qui est disséminée sur sa surface. La formule proposée par M. Deschamps est la suivante :

  • Cantharides en poudre........10 onces.
  • Euphorbe en poudre ............ 1 once.
  • Alcool à 35 .............................. 2 livres.
    Introduisez les matières dans un ballon, chauffez au bain-marie de manière à faire bouillir l'alcool , laissez refroidir ; décantez , filtrez , - ajoutez sur le marc ..."

    (http://books.google.de/books?id=NJt1NMg87zAC&pg=PA322&lpg=PA322&dq=drouot+cantharides&source=web&ots= b9crJfBCzt&sig=jjNhtk0gqWpCzGbPS3BqhQZXaHM&hl=de#PPA323,M1)


    Vorgestellt wird eine Originalpackung " Toile vésicante" des Apothekers Charles BUCHET & Cie. 7 rue de Jouy Paris. Zylinderförmige Kartondose mit Blechdeckel und -boden, Höhe 210 mm, Durchmesser 55 mm. Herkunft des Objektes: Chatel sur Moselle in Frankreich.

    Charles BUCHET (1843-1933).
    "Charles Buchet, pharmacist, worked nearly fifty years in " the Pharmacie centrale de France", of which he endly was Director and President during 35 years. In 1913, he conceived the project of a french society of history of pharmacy, which was achieved with the help of E.-H. Guitard and P. Dorveauz. He was the President of this Society from 1920 to 1928. He really was the "father of the SHP".

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Mouches de Milan (2)

Mouches de Milan 2
 

 

"Die Fliege ist eigentlich ein geflügelter Käfer mit grün-metallischer Färbung. Seine potenzsteigernde Wirkung ist lange bekannt. Schon in der Antike zerstampfte man die Käfer zu einem Pulver, das man einnahm oder einem Mann ins Essen mischte. So soll die Frau des späteren römischen Kaisers Nero die Droge ins Essen der (damals aktuellen) Kaiserfamilie gemischt haben, um die dermaßen entzündeten Orgien später gegen deren Teilnehmer verwenden zu können.

Tatsächlich ist das Cantharidin, ein Inhaltsstoff der Spanischen Fliege, ein starkes Gift. Unter anderem reizt es die Harnwege, was eine Erektion hervorrufen kann. Das sexuelle Verlangen steigert es indes nicht. Aber wenn die Libido da ist, kann sie Männern ein ausgedehntes Liebesspiel bescheren. Oder eine schmerzhafte Dauererektion, Lebervergiftung, Kreislaufkollaps und Nierenversagen. Denn dummerweise wird die Spanische Fliege leicht überdosiert. Schon 30 Milligramm sind tödlich. Dem „kleinen Tod“ Orgasmus folgt durch Cantharidin also leicht der große Tod.

Jedenfalls war die Wirkung des Insekts gut bekannt, als der Apotheker Pierre Jean Robiquet (1780–1840) aus Paris den Stoff Cantharidin vor genau 200 Jahren aus dem Tier isolierte und untersuchte. Robiquets Ehrgeiz wurde von dem Malheur entfacht, das die napoleonischen Truppen in Ägypten ereilte. Die ernährten sich von bestimmten Fröschen, die ihrerseits ohne Nebenwirkungen Spanische Fliegen verspeisten und deren Gift speicherten. Eigentlich dient Cantharidin dem Insekt gerade als Schutz vor Fressfeinden. Doch wie es im evolutionären Wettrüsten oft geschieht, passen sich einige Räuber an die Waffen ihrer Beute an" (Wolfgang W. Merkel, in: Welt, vom 13.8.2010 |.

 

Exponat

Briefchen erstanden 2/2017 in Bellevesvre /Frankreich, offenbar ein Bestbestand der Apotheke Gauthier (jetzt Mercier)

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Aderlassgerät n. UNGER

 

 

    Aderlassgerät (Handsaugpumpe und Blutbehälter) n. Ernst UNGER (1875-1938), wie es von 1930 bis 1950 in unseren Kliniken im Gebrauch war.

  

Exponat:
Die hier gezeigten Gerätschaften stammen aus der Rumpelkammer der 1936 eröffneten Gebäranstalt des Luxemburger Roten Kreuzes, jetzt "Maternité Charlotte" in Luxemburg...

Wurde dieses Blut im Anschluss einem Patienten infundiert? Dafür spricht die 1936 von Prof. DENECKE angegebene Transfusionstechnik: "man entnimmt dem Spender 500 ml Blut, fängt es steril auf und defibriniert es schon während der Entnahme durch Schlagen mit dem sterilen Glasstab. Das Blut wird dann durch sterile Gaze geseiht und zur Vernichtung des Spätgiftes (Freund) 5 Stunden im Eisschrank stehen gelassen. Die Übertragung erfolgt mit Glasirrigator mit Gummischlauch und Glasansatz; Kanüle mit Schlauchstück. Der Irrigator wird zu einem Viertel mit phys. NaCl- oder Traubenlösung gefüllt. Die Kanüle wird in die Vene des Empfängers eingeführt und das abgeklemmte Schlauchstück mit dem Glasansatz verbunden. Dann lässt man zuerst etwas NaCl-Lösung allein in die Vene fliessen und fügt das Blut zu".

 

 

Lit.
- H. Kramer (Innere Abteilung des Stadt-Krankenhauses Osnabrück, Deutschland), Erfahrungen mit dem Aderlassgerät Hirudo, in: Journal of Molecular Medicine, Springer Berlin / Heidelberg Volume 13, Number 8 / February, 1934.

"THERAPEUTISCHE NOTIZ. ERFAHRUNGEN MIT DEM ADERLASSGERAT HIRUDO. Von Dr. H. KRAMER. Aus der Inneren Abteilung des Stadt-Krankenhauses Osnabrück (Direktor: Prof. Dr. BOGENDORFER) u. Firma Kirchner & Wilhelm wird seit einiger Zeit ein von Dr. UNGER angegebenes Aderlaßgerät in den Handel gebracht. Das Prinzip der Apparatur besteht darin, daß sich an eine Venenpunktionsnadel mit Hilfe eines Druckschlauches ein graduierter Glasbehälter anschließen läßt, den man mit Hilfe einer angeschlossenen Saugpumpe evakuieren kann, ähnlich wie beim Potainschen Punktionsapparat. Bei dem Aderlaßgerät kann allerdings, ohne daß ein Hebel betätigt zu werden braucht, während auf der einen Seite die zu punktierende Flüssigkeit in den Glasbehälter strömt, durch eine zweite Öffnung vermittels der Pumpe Luft aus dem Behälter gesaugt werden und so dauernd ein gewisser Unterdruck erhalten werden. Der Glasbehälter ist in eine schützende Metallhülle eingeschlossen. Durch ein Glasstück in dem zuführenden Schlauch läßt sich der Flüssigkeitsstrom überwachen und durch einen Schlitz in der Metallhülle die Menge der abgelassenen Punktionsflüssigkeit ablesen. Die Apparatur wurde zu Venenpunktionen und Pleurapunktionen verwandt. Angenehm wurde empfunden, daß die Flüssigkeit in kontinuierlichem Strom abfloß und daß dem Patienten die gewonnene Flüssigkeitsmenge unsichtbar blieb. Gerade diese Eigensehaft der unsichtbaren Punktionsflüssigkeit ist bei Aderlässen usw. von besonderem Vorteil bei empfindlichen Patienten. Ein weiterer Vorteil ist der, daß ein Aderlaß ohne jegliches Beschmutzen der Wäsche, Unterlagen usw. vorgenommen werden kann. Bei unseren ambulant durchgeführten Aderlässen konnte spielend leicht von einer Person der Eingriff vorgenommen werden, wenn zur Stauung die Manschette des Blutdruckapparates angelegt wurde. Gerade deswegen ist das Aderlaßgerät unseres Erachtens besonders für den Praktiker geeignet, dem nicht immer die genügenden Hilfskräfte zur Seite stehen. Die Reinigung der Apparatur geschieht durch Durchsaugen von kaltem Wasser, hinterher läßt sich die ganze Apparatur mit Ausnahme der abschließbaren Pumpe auskochen. Von verschiedenen Seiten wird als unangenehm und nachteilig angegeben, daß nach der Punktion beim ersten Pumpenschlag in dem System ein gewisser Überdruck entstünde, der unter Umständen einen Austritt von Luft in die Vene bedingen könnte. Wir haben uns durch Untersuchungen und auch durch Rückfragen mit der Herstellerfirma und Herrn Dr. UNGER davon überzeugen können, daß eine Gefahr niemals vorliegt. Hat man die Kanüle angeschlossen an den Apparat unter Wasser, so gelingt es niemals eine Luftblase aus der Kanüle herauszudrücken, evtl. Überdruck im System wird also praktisch nicht sichtbar. Zudem wird auch noch in die gestaute Vene, die einen hydrostatischen Druck von mindestens 20-30 cm hat, hinein punktiert, es müsste also dann schon ein erheblieher Überdruck im Apparat herrschen, um Luft in eine gestaute Vene hineintreten zu lassen. Die Apparatur ist eine tatsächliche Bereicherung des Instrumentenschatzes des Arztes und die Anschaffung kann bestens empfohlen werden".

UNGER lebte also 1934 noch, es kann sich folglich nicht um Franz UNGER (1800-1870) handeln, sondern nur um Ernst UNGER, der 1939 durch einen Unfall zu Tode kam ...

 

- Ernst Unger, Unterschiede in der Ausscheidung der Gruppenmerkmale. Indikationen und Technik der Bluttransfusion.

- Ernst Unger, Fehler und Gefahren bei der Bluttransfusion. Med. Welt 1933, Nr 17.

Aderlass
Aderlass
Aderlass

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Aderlasslanzette (1)

Lanzette 1
Lanzetten, um 1740            .   

 Zu den Lanzetten

Erste Lanzetten sind um das 15. Jahrhundert belegt (C.Keith Wilbur, Antique medical instruments, 2003 S.116).

Lanzetten bestanden aus einem vorne spitz zulaufenden, doppelseitig symetrisch angeschliffenen Messerchen welches zwischen 2 Schutzblättern versteckt war. Diese Blätter bestanden vornehmlich aus Schildpatt oder Horn, konnten aber auch aus edlem Perlmutt sein. Form und Grösse der Lanzetten scheinen sich mit der Zeit kaum geändert zu haben.

 

Zu den Etuis

Oft waren die Lanzetten zu mehreren in einem Etui (frz. chasse) aus Karton, Leder oder (ziseliertem) Silbermetall zusammengepackt, der  mit einem Steck- oder einem Klappdeckel mit Scharnier versehen war (frz. lacet(t)ier).

Warum sind Etuis aus Holz, Karton und Leder oft dermassen in Mitleidenschaft gezogen? Die Erklärung ist erstaunlich einfach: der Patient hielt sie in der Hand, als Ersatz für den oft nicht vorhandenen Aderlass-Stab – in der Rechten, wenn ihm Blut in der echten Ellenbeuge entnommen wurde und umgekehrt:

"Pour faciliter la sortie (du sang), on donne à tenir le lancettier au malade, afin qu'en le tournant dans sa main, le sang passe plus vite, par le mouvement des muscles, des veines intérieures dans les extrémités" (Sue le jeune, Dictionnaire portatif de chirurgie, ou Tome IIIe du Dictionnaire de santé, Paris 1771, S. 669). Diese Anwendung der Schachtel hatte er textuell von François Moysan übernommen "On recommande au malade de tourner le lancettier dans sa main, afin que le mouvement des muscles fasse passer plus vite le sang des veines internes dans les externes" (Dictionnaire de chirurgie contenant la description anatomique des parties du corps humain, Paris 1767, S.456).

 

Zum Hersteller

Die Instrumente der Chirurgen wurden durch die Bank von Messerherstellern fabriziert - die berühmtesten Ateliers befanden sich in Paris und in Langres. Der Reiz des hier vorgestellten Ensembles liegt in der Signatur eines der Messer: einem Kleeblatt. Damit steht der Hersteller fest: Pierre, Sohn von Guillaume VIGNERON. (La Coutellerie depuis l'origine jusqu'à nos jours, 1896). "Les manuscrits de Delamarre donnent la liste des maîtres couteliers (87) établis à Paris en 1680". Unter ihnen finden wir den Vater "unseres" Pierre VIGNERON, rue de la Coutellerie, au Trèfle, dessen  Laden am Pont Saint-Michel lag. Verheiratet war der Vater mit Cathérine Trifain. "Guillaume Vigneron, coutelier installé rue de la Coutellerie à Paris, à l’enseigne de l’as de trèfle. Il marquait ses outils d’un trèfle".

 

Eines der bekanntesten Produkte des VIGNERON'schen Ateliers ist der auf das Jahr 1748 datierte "Exfoliatif dit d'Ambroise Paré" oder "élévatoire tripode" in der Sammlung des Musée Descartes in Paris.

 

Herkunft: Talence bei Bordeaux, 2015

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Aderlasslanzette (2), Perlmutt

 

 

Hoher Blutdruck (erkennbar an der warmen, feuchten Haut und dem gerötetem Gesicht), Schlaganfall, Gicht - es gab eine ganze Reihe z.T. sehr sinnvoller Indikationen für den Aderlass.

 

Der Aderlass diente aber auch zum Ausleiten von vermeintlichen Giften aus dem Körper, so bei der Pest. In den Klöstern diente er dazu, den Körper soweit abzuschwächen, dass unkeusche Triebe vergingen.

"Konzil von Chelchitas, 816.— Die Mönche sollen nicht mehr an den festgesetzten Tagen zur Ader gelassen werden. (Die Mönche u. Klosterfrauen wurden jeden Monat, an einem dazu bestimmten Tage zu Ader gelassen, behufs Abtödtung des Fleisches. Dieser Tag war im Kalender als "dies aeger" oder "dies minutionis" bezeichnet" (D'Wäschfra vom 5.10.1878).

 

In der Renaissance mussten zahlreiche Faktoren beachtet werden. Es kam auf die Stellung der Gestirne und Tierkreiszeichen an. Als gefährlich galt der Mondaufgang in dem entsprechenden Tierkreis. Aber auch Alter, Geschlecht, Klima, Jahreszeit, Windrichtung und das Stadium der Krankheit spielten eine Rolle. Für jede Krankheit, für jedes Organ stand eine spezielle Vene zur Verfügung. Aus der antike stammte das Dogma, das Schlahen an einer Stelle durchzuführen, die von dem erkrankten Organ möglichst weit entfernt und auf der anderen Körperhälfte gelegen war. Dann gab es im 16 Jahrhundert den berühmten Aderlassstreit: der französische Arzt Pierre BRISSOT (1478-1522) forderte das Gegenteil und wollte den Aderlass möglichst in die Nähe der Krankheit setzen.

 

Vorgestellt wird eine Lanzette mit Originalschatulle, hergestellt von der Firma Reay & Robinson aus Liverpool, 17 Churchstreet. Dieser Betrieb bestand von 1837-1851.

  • 1829 Thomas Reay
  • 1837 Reay & Robinson
  • 1851 Partnerschaft beendet, danach Thos. Reay


Griff aus Perlmutt (frz. nacre, engl. mother of pearl). Den Herstellern ging es nicht etwa darum, ein Produkt aus Biomaterial herzustellen. Es galt ein Modeobjekt zu fabrizieren, um die Eitelkeit zu bedienen – in unserm Fall die Eitelkeit der Ärzte und Chirurgen. Manche Objekte waren so überfrachtet mit Verschnörkelungen und Inkrustationen, dass es fraglich ist, ob sie überhaupt zum praktischen Einsatz kommen konnten. Manche chirurgische Schatulle, teuer und hübsch anzusehen, war eher ein Ausstellungsstück als ein Operationsbesteck. Protz pur! So auch das hier vorgestellte kleine Impfmesserchen, bzw. Lanzette, aus Perlmutt, entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Einen nicht unerheblichen Nachteil hat Perlmutt: es ist hydrophil, zieht Wasser an - führt also auf Dauer zum Rostansatz am Gelenk!

 

Herkunft: Snowdonia, UK, 2013. Nördliches Wales, nahe Liverpool, der Stadt der Beatles …

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Aderlasslanzette (3), Näherinnenmesser

Näherinnenmesser
 

 

   Chirurgen kauften ihre Instrumente früher bei Messerherstellern, frz. "coutelliers". Ich halte es daher fürvöllig normal, wenn sie hie und da, auf der Suche nach einem besonders feinen Instrument, das Nähkästchen ihrer Gattin durchstöberten.

 

   Edle Patienten behandelte man zweifelsohne mit besonders edlen Instrumenten - kaum vorstellnar, dass man die Frau Marquise mit dem gleichen Messer zur Ader ließ wie den Müllersknecht.

 

   Auch bei der Präparation von Leichen dürfte die gleiche Sorgfalt obwaltet haben: je näher einem der zu präparierende Körper zeitlebens gestanden war, umso ehrfurchtsvoller rückte man ihm nach seinem Tode zu Leibe. Letzte Ehrerbietung für einen Adligen, einen Logenbruder: bei ihrer Einbalsamierung benutzte der Präparator ein Instrument, das er sonst nie benutzte ...