Naturmedizin


Mäuseorakel-Kasten

Orakeltopf von der Elfenbeinküste, 20. Jh. 

Der Mauskasten gehört noch heute zu den typischen Requisiten des afrikanischen Medizinmannes in der Sahelzone (*). Ihrer Tradition entsprechend fertigt das Volk der BAULE die für diese ethnische Gruppe typischen "mbekre-" oder "gbéklé sè-"Kästen aus Bronze oder Terracotta, zumeist aber aus Holz.

Konsultationsgrund beim Schamanen sind im allgemeinen die Feststellung von Krankheitsursachen, ein Rat vor dem Antritt einer gefahrvollen Reise, vor einer Jagd, vor einem Kriegszug, oder aber ein auffälliger Traum. Auch bei der Namensgebung wird das Orakel befragt, damit der Name zum Neugeborenen passt.

Der Klient entnimmt einer bereitstehenden Kalebassenhälfte eine kleine Menge Reisstreu oder Hirse und streut sie auf die sauber parallel angeordneten Knochen in der Schale, stellt diese anschliessend in den Mäusetopf und verschliesst den Topf - gespanntes Warten während einer Minute... Die Maus steigt währenddessen in die Schale, um ihr Futter zu holen, und bringt dabei die Knochen in Unordnung. Nach etwa einer Minute hebt der Klient den Deckel hoch, entnimmt die Schale mit den "verrückten Knochen" und reicht sie dem Wahrsager zwecks Interpretation der Verschiebungen (**)... Jeder Hühnerknochen steht für ein spezielles Element (1-5 steht für Lebende, 6-10 für Tote, resp. für abstrakte Begriffe).

Nach der Konsultations opfert der Klient den Geistern (Yo's).

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Das Vordringen des Islam in die afrikanischen Dörfer entzieht vielen Heilern das Klientel. So gelangen manche bis dahin wohl gehütete kultische Gegenstände auf den Antikenmarkt, die zuvor als Kultobjekte eher Tabu waren und in europäischen Privatsammlungen entsprechend selten zu finden sind.

 

Der hier vorgestellte hölzerne Mäuseorakel-Topf wurde mir im März 2002 in La Somone im Senegal angeboten - er soll aus einem Dorf Njoch im östlichen Teil des Landes (Grenzgebiet zum Mali) stammen

Der Boden des Untergeschosses besteht aus geflochtenem Seil, nicht aus Eisenblech, wie im Falle des Topfes, den Homberger beschrieb. Das Flechtwerk ist mit einem scharf riechenden schwarzen Saft imprägniert, der den Appetit der Maus vermutlich in Schach hielt.

 

(*) A. DELUZ, Organisation sociale et tradition orale: Les Gouro de Côte d'Ivoire, Paris-La Haye 1970.
(**) L. TAUXIER, Nègres Gouro et Gagou, Librairie Orientaliste Paul Geuthner, Paris 1924.

Eine ähnliche Praxis existiert bei dem Volke der Kirdi in Nordcameroun. Dort agieren nicht Mäuse, sondern Krabben, die in einer Schale eine Reihe von Stäbchen in Unordnung bringen.