Pharmazie


Myosalvarsan

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   Schon 1863 hatte der französische Apotheker Antoine BÉCHAMP (1816-1906) eine organische Arsenverbindung (das "Atoxyl") zur Therapie der Syphilis entwickelt, die in der Praxis aber kaum anwendbar war, da in vielen Fällen (entgegen dem optimistischen Namen A-tox-yl) der Sehnerv irreversibel geschädigt wurde und die Patienten in großer Zahl erblindeten. Es galt also, diese Substanz abzuändern.

 

Dr. Sahachiro HATA (1873-1938) aus Tokio hatte sich schon in Japan mit der Syphilis-Forschung befaßt. Paul EHRLICH beauftragte ihn, die bekannten Arsenpräparate noch einmal auf ihre Wirksamkeit an großen Serien von Versuchstieren zu überprüfen. Beim 606ten Präparat wurde HATA fündig. Am 2. Juni 1909 hatte der Chemiker Bertheim das Präparat 606 synthetisiert. Es wurde die berühmteste Präparatnummer der Welt. Hata verabreichte die Substanz Hühnern, die mit Spirillose infiziert waren. Die Bakterien wurden sofort abgetötet.

 

Interesse auch in Luxemburg

"Neues Heilmittel Ehrlich-Hata 606, Herr Dr. Rud. Klees aus Luxemburg weilte kürzlich einige Tage im allstädtischen Krankenhaus zu Magdeburg, um sich dort mit dem Studium der Syphilis-Behandlung mit dem Ehrlich-Hata-schen Mittel 606 zu befassen. Da Hr. Klees als Gefängnisarzt in der Abteilung für Geschlechtskranke über zahlreiches Materiat verfügt, läßt sich das Interesse erklären, welches derselbe für moderne Syphilisbehandlung bekundet" (Luxemburger Bürgerzeitung vom 24.11.1910).

Erst Mitte Dezember 1910 kam das Präparat unter dem Namen Salvarsan in den Handel – KLEES hatte das Präparat also schon vorher in den Händen gehalten. Chemisch war es Arsphenamin, eine organische Arsenverbindung, mit der nun erstmals die Behandlung der Syphilis möglich wurde. Nach dem großen Erfolg forschte EHRLICHmit seinem Team weiter, um die Eigenschaften des Präparates zu verbessern. Das gelang 1911 bei der Prüfsubstanz 914, die einen geringeren Arsengehalt, aber eine doppelt so starke Wirkung wie Salvarsan hatte. Dadurch ließen sich auch die Nebenwirkungen reduzieren. Das neue Mittel hieß Neosalvarsan.

 

Todesfälle

"Deutschland. Salvarsan. Die Abgeordneten Dr. Becker-Hessen, Dr. Gerlach, Dr Schatz (Elsaß-Lothr) und Struve haben folgende kurze Anfrage eingebracht: Durch die politische Tages- und medizinische Fachpresse geht die Nachricht, daß durch die Behandlung Syphilitischer mit Salvarsan 606 bereits mehrere hundert Todesfälle vorgekommen seien, und daß diese Behandlungsweise schwere, teils dauernde, teils vorübergehende Gesundheitsschädigungen im Gefolge habe. Ist der Herr Reichskanzler in der Lage und bereit, darüber Auskunft zu geben: 1. Ob diese Nachrichten auf Wahrheit beruhen? 2. Ob das Salvarsan sich im freien Verkehr befindet? 3. Ob die im Salvarsan enthaltene Arsenmenge um das Mehrfache die Maximaldosis für Arsen, wie sie in der Pharmakopoe festgelegt ist, übersteigt? 4. Ob die Todesfälle und Gesundheitsschädigungen auf das im Salvarsan enthaltene Arsen zurückzuführen sind?" (Luxemburger Bürgerzeitung, 5.3.1914).

Was der deutsche Kanzler im Einzelnen antwortete, wissen wir nicht. Eines aber ist gewußt: Salvarsan hatte nicht nur Befürworter. "Der von dem Berliner Arzt Dr. Dreuw gegen die Salvarsanbehandlung geführte Kampf hat Ministerialdirektor Dr. Kirchner veranlaßt, im Staatshaushaltsausschuß des preußischen Abgeordnetenhauses einen Vergleich zwischen der Fall der Todesfälle, die durch die Salvarsan-Behandlung hervorgerufen wurden und den infolge Narkose mit Chloroform eingetretenen Todesfällen zu ziehen, wobei fich ergab, daß auf 100.000 mit Salvarsan Behandelte 16 Todesfälle, auf 100 000 mit Chloroform Narkotisierte aber 20 Todesfälle kommen" (Obermoselzeitung vom 22.3.1918).

 

Ein neues Produkt

1927 kam Myo-Salvarsan in den Handel, chemisch das Na-Salz der Dioxydiaminoarsenobenzol-dimethansulfosäure, während Salvarsan die Dinatriumverbindung des Diaminodioxyarsenobenzols und Neosalvarsan Diaminodioxyarsenobenzol-monomethansulfinsaures Natrium war. Die Fachpresse schrieb zu dem "neuen" Salvarsan: "Das Myo-Salvarsan ist als dioxydiaminoarsenobenzol-dimethansulfonsaures Natrium chemisch dem Neosalvarsan außerordentlich ähnlich, jedoch ist es weniger oxydabel und kann gelöst ohne Zersetzung zu erleiden oder an Toxyzität zuzunehmen, mehrere Stunden an der luft stehen. Die klinischen Erfahrungen mit Myo-Salvarsan, die in der Herxheimer-schen Klinik in Frankfurt a.M. gesammelt worden sind, zeigen, daß das Myo-Salvarsan Hoechst in der Tat ohne Nebenerscheinungen vertragen wird, was sich von ähnlichen ausländischen Präparaten nicht sagen läßt, innerhalb ein bis 2 Tagen ohne Infiltratbildung resorbiert wird und daß auch seine Wirkung, was das Verschwinden der Spirochäten anbetrifft, eine gute ist. (..) Die intramuskuläre und subcutane Injektion von Myo-Salvarsan soll die intravenöse Injektion von Neosalvarsan mit ihren guten Erfolgen nicht verdrängen. Myo-Salvarsan ist also nur für die Fälle bestimmt, in denen eine intravenöse Injektion undurchführbar ist" (Wiener med. Wochenschrift 1927 S.1326).

Frage eines Lesers: "In neuester Zeit wurde statt des nur interavenös anwendbaren Neosalvarsans ein intramuskulär zu injizierendes Myosalvarsan empfohlen; kann dieses Myosalvarsan das Neosalvarsan ersetzen und wie ist die Dosierung?" Antwort der Experten: hinsichtlich der Beeinflussung luetischer Symptome ist das Myosalvarsan, wenn auch in seiner Wirkung etwas weniger rasch, der des Neosalvarsans annähernd gleich. Ob es sich auch für die Abortivbehandlung ebensogut eignet wie das Neosalvarsan, ist noch nicht entschieden – schrieb die Fachwelt 1928 (Medizinisches Seminar: Neue Folge, herausgegeben vom Wissenschaftlichen Ausschuss des Wiener medizinischen Doktorenkollegiums, Wien 1928). 

 

Exponat

Ausgestellt ist ein Ärztemuster mit 0,3 g Wirksubstanz "Staatlch geprüft im Institut für experimentelle Therapie Frankfurt a.M. am 25.4.1929. Import aus Bulgarien (!). Dosierung: Amp. zu 0,10-0,6 intramusculär, 2 Injektionen pro Woche, steigend (im ganzen 3-4 g).

 

Epilog

Da Myosalvarsan, trotz anfänglicher Euphorie, ausländischen Präparaten nicht ganz ebenbürtig war, gab die I.G.-Farbenindustrie 1933 Solu-Salvarsan heraus. Auf dem Markt aber konnte sich nur Neosalvarsan behaupten, das wir 1948 in der Versteigerungsmasse des luxemburger Zolls antreffen (!): "Articles pour médecins, dentistes, pharmaciens et droguistes. 533 thermomètres médicaux, 1 lot important de spécialités pharmaceutiques Aspirin, Endojodin, Omnadin, Padutin, Sympatol, Cybazol, Neosalvarsan. 1 auriscope et ophtalmoscope combiné, 50 posemètres électriques, 241 dz. succions dentaires, 8056 rondelles pour prothèses dentaires" (Escher Tageblatt, 10.7.1948).

 

Lit.:

Wilhelm Kolle (1868-1935), Über Myosalvarsan, ein schmerzlos intramuskulär und subcutan injizierbares Salvarsanpräparat, in: Dtsch.med.Wochenschr. 1927 S.475.

Bernhard de Rudder (1894-1962), Erfahrungen mit Myosalvarsan, in: Münch.med. Wochenschr. 1927 Nr.50 S.2143.