Paediatrie


Diphtherie (1) Besteck n. O'DWYER

um 1910 

Die Tracheotomie war die erste der Notmassnahmen, die gegen das Ersticken bei Diphtherie erfunden wurde – schon in der Antike wurde über den Halsschnitt berichtet. Der Eingriff war nicht ungefährlich:
- Überdehnung des Stimmbandnerves > Aphonie
- starke Blutung aus Gefässen, die zum unteren Pol der Schilddrüse ziehen
- Luftembolie
- Wunddiphtherie bei Vorliegen dieser Grunderkrankung.

Ein ungefährlicherer Zugang zur Luftröhre musste gefunden werden. Ab 1848 intubierten BOUCHUT in Frankreich und John SNOW (1813-1858) in den USA Kinder mit Diphtherie. In Österreich veröffentlichte der Kinderchirurg Joseph WEINLECHNER (1829-1909) 1872 eine Arbeit über den „Katheterismus des Larynx“, in der er die damals neue Technik der Intubation und ihren Einsatz bei Diphtherie genau beschrieb. In Frankreich aber hinderte der leidenschaftliche Widerspruch TROUSSEAU's die weitere Entwicklung der Intubation, und nur den beharrlichen Versuchen O'Dwyer's verdankte Frankreich die spätere Akzeptanz des Verfahren.

Henry DEVILLE (Médecine pratique et populaire, ~1890) erwähnt die Tubage mit keinem Wort, wohl aber die Tracheotomie.

Mehrere Prominente starben überdies an Diphtherie:
- die zweite Tochter von Queen Victoria, Prinzessin Alice von Hessen, die sich 1878 bei ihren Kindern ansteckte, starb am 16. Dezember 1878 in Darmstadt.
- Prinzessin Maria-Viktoria, Tochter der vorgenannten Prinzessin Alice, war bereits am 14. November 1878 im Alter von 4 Jahren gestorben.

Nach 12 Jahren Tüftelei erfand der aus Cleveland stammende und in New York praktizierende Kinderarzt und Geburtshelfer Joseph P. O`DWYER (1841-1898) 1882 einen geeigneten Tubus. In jahrelangen Studien an Kinderleichen des New Yorker Findelhauses – er war ab 1872 Mitglied des Ärztekollegs dieses Hauses - hatte er nicht nur einen Tubus entwickelt, der längere Zeit in situ bleiben konnte, sondern auch ein Gerät zum Intubieren sowie ein zweites zum Extubieren...

Publikation 1885 im „New York Medical Journal“ 42 (1885), S. 145–147 unter dem Titel “Laryngeal Intubation” – im Gegensatz zu den bisherigen Intubierungen, die alle bis in die Trachea hinunterreichten, begnügte sich O`DWYER mit der Intubation des Larynx. Die Kanülen wurden mit einer Greifzange in die Stimmritzen eingeführt. Schwieriger war die Entfernung der Kanülen. Deshalb wurden die Kanülen teilweise mit Bindfäden versehen. Der O`DWYER-Gerätschaften waren alles andere als leicht zu handhaben. Dennoch griffen die Ärzte diesen Strohhalm auf, um tausende von Kindern vor dem Erstickungstod zu bewahren. Ab 1891 ersetzte die „Tubage“ in den USA die wesentlich gefährlichere Tracheotomie.

Der O`DWYER-Tubus wurde später von einem Chirurgen aus New Orleans Rudolph MATAS (1860-1957) verbessert und an den individuellen anatomischen Besonderheiten einzelner Personen angepasst. Die Tuben wurden allmählich überflüssig, als das BEHRING’sche Serum Mitte der 90er Jahre seinen Siegesmarsch antrat. Dennoch war das O`DWYER-Besteck bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Arsenal aller Kliniken anzutreffen, insbesondere in Regionen mit mangelhafter Versorgung mit Serum und lückenhaften Impfprogrammen...

Ein O`DWYER-Tubus stand Pate für den Tubus, mit dem Prof. Gherardo FERRERI (1856-1929) 1922 Radium in den Kehlkopf einführte zur lokalen Therapie eines Karzinomes...

Vorgestellt wird ein Besteck, importiert aus Bristol im August 2007:

  • sieben Tuben aus vergoldetem Zinn, mit einer Bohrung, durch die ein Seidenfaden geführt wurde, der den Verlust des Tubus während der Einführung verhindern sollte (z.B. Abrutschen in den Oesophagus) und die spätere Entfernung möglich machte (s.o.). Der verbreiterte Kopf des Tubus kommt auf die Glottis zu liegen, der leicht verdickte Tubenbauch soll eng in den Ringknorpel passen.
  • sieben Neusilber-stifte unterschiedlicher Länge.
  • "Pince à ressort" als Einführungsgerät (rechts neben dem Kasten), in das ein Stift aus Neusilber ("maillechort") gesteckt ist mit Tubus n°1 (Arrêtierung mittels Schraube),
  • Extraktor (im Deckel des Kastens).
  • Messplättchen (rechts oben im Kasten).
  • Es fehlt nur der Mundsperrer, wozu ein beliebiger Spreizer benutzt werden konnte...

    Hersteller: "HASLAM Made in USA". Fred Haslam & Co, Pulaskistreet 8, Brooklyn, NY (Katalog 1920)