Pflegegerätschaften


Irrigator-Hahn

P1000424
 

 

 

Medizinisches Waarenhaus, um 1910 S. 220; Klistierröhre aus Hartgummi mit Hahn.

 

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Genau so einen Irrigator-Hahn haben wir hier vor uns – in Wirklichkeit ist er viel schöner als in dem s/w- Katalog. Man könnte den "Hahn" auch bezeichnen als "Verbinder mit Drehverschluß". Er war Teil eines Irrigatorsets: über das zur Olive aufgetriebene kürzere Ende wurde der Verbindungsschlauch zum Irrigator gestülpt, auf das dünn ausgezogene Ende wurde die Sonde gestülpt, die in die Scheide oder den After eingeführt wurde. War die Sonde eingeführt, öffnete der Patient den Hahn und gab der Flüssigkeit den Weg ins Körperinnere frei. Es handelt sich folglich um ein sehr triviales Utensil, das meist tiefschwarz und völlig phantasielos daherkommt. Unser Exemplar entbehrt nicht einer gewissen Ästhetik. Man beachte das tiefe Schwarz des Drehverschlusses mit seiner kleinen Fixierschraube auf der Unterseite, und dem eleganten Drehgriff, der an einen Parfumflaschenstöpsel erinnert und das einmalig ästhetische Holzbraun des Korpus ...

 

Alle Teile aus Bakelite. Länge 9.2 cm. Gefunden "Am Hafen" in Innsbruck 3/2017.

Einlaufgeräte


Klistiere (1)

Klistierspritzen, um 1850 

 

Die Sackspritzen

Im Mittelalter begannen Ärzte, die Pein der Verstopfung durch Einläufe in den After zu lindern. Vielleicht hat ihnen dabei die antike Legende des Vogels Ibis als Vorbild gedient, dem nachgesagt wurde, er könne sich mit seinem langen Schnabel Wasser in den After einflößen, um seine Verdauungsprobleme zu bekämpfen. Zum Ausspülen des Dickdarms bedienten sich die Ärzte damals einer Blase mit einer daran befestigten Röhre

 

Die Klistierspritzen

Im Barock wurde der Sack durch die Pumpspitze ersetzt - seit  etwa 1500 ist die Anwendung von Klistierspritzen bekannt, den Höhepunkt  erlebten die meist aus Zinn gegossenen, 10 bis 1000 ml  großen Spritzen in der Zeit von 1750 bis 1900.

 

Wer verpasste diese Einläufe?

Es waren vielfach die Apotheker, die sich ein Zugeld verdienten, indem sie ihren Kunden nicht nur die Einlaufmittel verkauften, sondern ihnen zudem diesen Einlauf gegen Bares verpassten. Der Apothekergeselle mit der geschulterten RiesenEinlaufspritze wurde zur Karikatur des ganzen Apothekerstandes. In Lyon schrieb man einem Apotheker auf die Grabplatte

          « Ci-gît qui, pour un quart d’écu,
             s’agenouillait devant un cul ».

 

Klistier und Schwangerschaft

Die Verwendung von Kolbenspritzen zur Säuberung des Enddarmes ist hinlänglich bekannt. Weniger publik ist deren Anwendung bei der Schwangerschaftsverhütung.
Nach den antikonzeptiven Räucherungen musste laut Papyrus "Ebers" die Scheide der Frau ausgespült werden. Dazu wurde eine "Dusche empfohlen (Tierblase, an die ein Ibisschnabel befestigt war) mit einem Gemisch aus Wein, Knoblauch und Fenchel. Auch im aegyptischen Papyrus "Petri" aus der Zeit um 1850 v.Chr. finden wir also Rezepte für eine lokale Kontrazeption bei der Frau (Rezepte no. 21, 22, 23).

Bei AVICENNA (42, I, S. 923) finden wir folgende Beschreibung einer intrauterinen Dusche:
"Il convient que l'instrument, au moyen duquel on fait l'injection, ait une extrémité triangulaire (spitz?) et un long col, à mesure de la longueur du col de la matrice de la femme que l'on soigne. De telle manière qu'il pénètre dans l'orifice de la matrice, et que la femme sente qu'il est parvenu dans l'espace intérieur de la matrice. On injecte grâce à lui ce qui tue, ce qui lubrifie et ce qui extrait" .

Auch in den Schriften des ABULCASIS (um 1000 n.Chr.) werden mehrfach Spritzen angegeben "sacs à douche", lange Rohre mit seitlichen Perforationen, aus denen die Flüssigkeit in die Scheide austreten konnte. Im Prinzip kannte man demnach schon lange vor der offizielle Erfindung der "seringue" Spritzen, mit denen man abortive und andere Lösungen in die Gebärmutter einführen konnte, indem man am äusseren Ende eines Rohres Heilmittel über eine Blase (Tierharnblase) oder Trichter einlaufen liess.

Im 18. Jh. empfahl der Arzt Du FOT den Hebammen eine Ausspülung der Gebärmutter mit kaltem Wasser vorzunehmen, um Nachblutungen zu stoppen:
"... on applique sur le ventre des compresses trempées à froid dans l'eau & le vinaigre, on fait avev le même mélange des injections dans la matrice au moyen d'une seringue à lavement".

Einlaufgeräte


Klistiere (2): "Soi-même"

 

 

"lavement" oder "clystère"?
"Lavement dit aussi Clystère: injection d'un liquide dans le gros intestin au moyen de la seringue Su clysoir-irrigateur ou du clysopompe. Le liquide ainsi injecté pénètre jusqu'à la valvule iléo-cécale, il lubrifie la muqueuse intestinale et est absorbé en plus ou moins grande quantité et produit des effets qui varient selon la nature du fluide ou des substances employées à sa préparation et selon leur quantité. C'est sous le règne de Louis XIV que le mot clystère seul usité jusque-là fut remplacé par celui de lavement toutefois ce ne fut pas sans difficulté que ce dernier fut adopté certains rigoristes se scandalisèrent parce que le mot lavement est employé dans les cérémonies de l'Église. Lavement des pieds. C'était chez les Juifs une civilité ordinaire qu'ils faisaient à leurs hôtes au mode leur arrivée Jésus-Christ suivant cet usage lava les pieds aux Apôtres le jour de la Cène d'où la cérémonie qui s'accomplit à l'Église le Jeudi saint. Sous l'ancienne monarchie le Jeudi saint le roi lavait les pieds à des petits garçons ou à des pauvres en commémoration de cet acte de la sainte Cène"
www.divirama.com/dico/dictionnaire-10216.php

 

Der Irrigator ist eines von mehreren Instrumenten für Einläufe. Früher war der Einlauf ein höchst beliebter Fetisch, vermutlich weil er mittels Gummirohr in den Körper des "sub" hinein verabreicht wurde - zu erzieherischen Zwecken oder auch nur als Akt der Unterwerfung. Er diente aber auch der Darmreinigung im Haushalt und im Spital. Er war unverdächtig, weil er ja der Gesundheit diente. Ähnlich wie Rute und Rohrstock, die der Disziplin dienten.

 

Die Anwendung kann auf verschiedene Weise erfolgen.
- beim hohen Einlauf läuft die Flüssigkeit aus einem Beutel (Irrigator) über einen Schlauch und ein in den Anus eingeführtes Darmrohr in den Darm. Dabei wird die Schwerkraftwirkung ausgenutzt. Je höher der Beutel hängt, mit desto mehr Druck fließt die Flüssigkeit ein - ist der Druck zu stark, so kann der Beutel niedriger gehängt werden, ohne den Einlauf abbrechen zu müssen. Beim Klistier wird die Flüssigkeit von Hand eingespritzt. Hierfür wurden früher Klistierspritzen verwendet; das heute übliche Gerät ist eine Art kleiner Gummibalg.


- der niedrige Einlauf wird für kleine Flüssigkeitsmengen (z.B. 100-200 ml) verwendet, der hohe Einlauf findet bei größeren Mengen (z.B. 1 Liter) Anwendung.
Es ist wichtig, dass die einlaufende Flüssigkeit Körpertemperatur hat. Ist sie zu kalt, reagiert der Körper mit schmerzhaften Unterleibskrämpfen (Hyperperistaltik). Die ideale Lage des Patienten während des Einlaufs ist die linke Seitenlage bei leicht angewinkelten Beinen, denn so kann die Flüssigkeit am besten in den absteigenden Dickdarm einfließen. Es ist beim hohen Einlauf darauf zu achten, dass der Schlauch vor Beginn mit Flüssigkeit gefüllt und dadurch luftentleert ist.
Nachdem der Einlauf eingeflossen ist, sollte der Patient versuchen, ihn so lange wie möglich (im Idealfall einige Minuten) im Körper zu behalten, bevor eine Leibschüssel verwendet bzw. ein Leibstuhl oder die Toilette aufgesucht und der Darm entleert wird.

 

Die Hauptanwendungsgebiete für Einläufe sind:

- als "mechanisches" Abführmittel, z.B. bei Obstipation. Einläufe, die zu diesem Zweck gegeben werden, bestehen meist aus einfachem warmen Wasser oder Seifenwasser. Der Patient entleert zusammen mit der eingebrachten Flüssigkeit auch den Stuhl, der sich im unteren Dickdarm befindet. Bis ins 19. Jahrhundert waren Klistiere das gängigste Mittel gegen Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme.

- zur Reinigung (Spülung) der Abschnitte Grimmdarm (Colon) und Mastdarm (Rectum) des Dickdarms. Einläufe werden z.B. zur Vorbereitung auf medizinische Untersuchungen (Darmspiegelung, siehe Koloskopie/Rektoskopie) oder chirurgische Operationen in diesem Bereich eingesetzt. Früher wurden Einläufe auch häufig bei schwangeren Frauen zur Vorbereitung auf die Geburt gegeben. In der alternativen Medizin erlebt der Einlauf unter dem Namen Colon Hydrotherapy eine Renaissance. Hier wird dem Einlauf mit Seifenwasser oder anderen Flüssigkeiten (z.B. Honigmilch oder Kräutertee) eine wohltuende, entschlackende, heilende und gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Auch zur Vorbereitung auf sexuellen Analverkehr werden Einläufe zur Reinigung des unteren Darmabschnitts verwendet.

- zur Anregung der Darmtätigkeit z.B. bei Darmatonie

- zur Verabreichung in Wasser gelöster Medikamente in den Blutkreislauf, ähnlich wie Zäpfchen.

- zur medizinischen Hydration.

- zur Einbringung eines Kontrastmittels in den Darm für eine Röntgen-Untersuchung. Hierfür werden so genannte Barium-Einläufe verwendet.

- als sexuelle Praktik, siehe Klysmaphilie.

- zur Einbringung belebender oder narkotisierender Substanzen über den Darm in den Blutkreislauf. Es ist überliefert, dass im 19. Jahrhundert z.B. Kaffee-Einläufe von Personen genommen wurden, die den Geschmack von Kaffee nicht mochten, aber die belebende Wirkung des Koffeins schätzten. Im Prinzip kann jedes Getränk, auf Körpertemperatur erwärmt, als Einlauf genommen werden. Bei alkoholischen Getränken ist jedoch große Vorsicht geboten, weil im Darm die Absorption in den Blutkreislauf wesentlich schneller erfolgt als bei oraler Einnahme. Hochprozentige Getränke können rektal eingenommen schon in geringen Dosen tödlich sein.

 

Warnung

Einläufe sollten wegen der medizinischen Risiken nur von Ärzten oder geschulten Personen gegeben werden. Auch die zu häufige Anwendung von Einläufen (z.B. jeden Tag) kann die Darmfunktion stören.

Einlaufgeräte



Klistiere (3): "Soi-même"

 

 

Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert gibt es Geräte zum Selbstklistieren, die auf dem Kolbenprinzip beruhten. Die Entwicklung entsprang dem Wunsch vieler Patienten, ihren Intimbereich nicht vor einem Fremden entblössen zu müssen. Ambroise PARE (1510-1590) machte den Vorschlag, ein gebogenes Metallrohr an eine Spritze anzufügen, um dem Patienten das Einführen der Klistierspritze zu ermöglichen - ohne Beistand durch einen Chirurgen, Arzt oder Apotheker.

 

Ludwig XIV litt, wie einige seiner Vorgänger, heftig am „verschlossenen Leib“; 212 reinigende Spülungen während eines frühen Regentschaftsjahres setzten eine Vorgabe, der Adel und wohlhabende Bürger nacheiferten. Den Rekord in puncto Frequenz soll ein Notar aus der französischen Provinz aufgestellt haben: Innerhalb von 24 Monaten brachte er es auf nicht weniger als 2.190 Anwendungen – das sind umgerechnet 100 im Monat oder rund drei pro Tag …

 

Das Soi-même

Teilweise mitschuldig an dieser Klistiermanie war der französische Königschirurg Ambroise PARÉ. Da die prophylaktische oder therapeutische Spülung in der Frühen Neuzeit keine Aufgabe eines Arztes oder Chirurgen, sondern des Apothekers war, weigerten sich schamhafte Damen, sich einen Einlauf verabreichen zu lassen. Paré sorgte für eine technische Innovation mit weit reichenden sozialen Folgen: er bog den zuvor geraden Griff altmodischer Klistierapparaturen einfach um und ermöglichte damit die nahezu uneinge-schränkte Selbstmedikation. In Parés Fußstapfen trat Wilhelm FABRY, als er einen Abschnitt in seiner „Wundarztney“ betitelte: „Abbildung und Beschreibung deß Instruments mit welchem der Krancke ihm selbsten mit geringer Mühe ein Clystier beybringen kann" (Axel Karenberg, Wilhelm Fabry und die Geschichte der Verstopfung, in: Dominik Groß, Axel Karenberg, Stephanie Kaiser und Wolfgang Antweiler (Hrsg.) Medizingeschichte in Schlaglichtern, Beiträge des „Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker“, Kassel University Press 2011 S.73-89).

 

Die Idee wurde 2 Jahrhunderte später in grossem Massstabe von der Industrie übernommen: das "soi-même" diente nun routinemässig dem Einbringen eines Einlaufes ohne Hilfestellung einer Drittperson. Man setzte sich auf den Einlaufstutzen, und presste sich die Flüssigkeit in den Darm – die Ausspülung der Scheide mit inbegriffen im Indikationsspektrum.

 

Das Tabakklistier zur Wiederbelebung
Die Empfehlung zur Reanimation rektal Tabakrauch zu applizieren stammt aus dem 18. Jahrhundert, von der holländischen "Matchapie to Redding van Drenkeling" (Gesellschaft zu Rettung von Ertrinkenden), eine der ersten Gesellschaften die sich mit Notfallmedizin beschäftigte. Der beißende Tabakrauch im Anus soll einen (Sympathikus)-Reiz auslösen worüber verstärkt Adrenalin ausgeschüttet wird. Das Adrenalin (von dem man damals freilich nichts wusste) sollte das Herz zum Schlagen bringen ... Offenbar bewährte sich die Methode, wurde sie doch an der Seine ebenso wie an der Donau systematisch propagiert.

 

Das Nährklistier

"Bereits vor Jahrtausenden wurden Patienten, die nicht essen konnten oder wollten, Nahrung über einen Darmeinlauf, einem Nährklistier, in den Enddarm verabreicht. Detaillierte Beschreibungen hierüber liegen beispielsweise von ca. 3400 v.Chr. vor. Dabei wurden beispielsweise Schafsmilch, Honig, Schmalz, Muttermilch oder Wein verwendet. Es wurde betont, daß die Nährstoffe über mehrere Stunden im Enddarm verbleiben mußten. Erst viel später wurde erkannt, daß die rektal zugeführte Nahrung nur dann in nennenswertem Maße aufgenommen werden konnte, wenn sie die anatomische Schranke zwischen Dickdarm und Dünndarm überwinden könnte. Es klingt zwar verwunderlich, aber diese Art der Nahrungszufuhr wurde – zusätzlich zu anderen Zufuhrwegen - noch bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts praktiziert" (Uni Heidelberg, Internet).

Die Kirche befasste sich mit dem Klistierinhalt und legte fest, dass Nährklistiere auch in der Fastenzeit erlaubt waren… So konnte sich ein Pfarrer, der am Verhungern war, während der Fastenzeit mit einem lauwarmen rectalen Süppchen „über Wasser“ halten.

 

Exponat

Man beachte bei dem vorgestellten Modell das verdickte Endstück (manchmal wurde zusätzlich noch eine Scheibe aus Holz oder Elfenbein daraufgelegt), die ein zu tiefes Einführen des Röhrchens verhinderte und damit das Verletzungsrisiko reduzierte.

 


Link
www.amber-ambre-inclusions.info/nuova%20irrigatori.htm
www.ma.uni-heidelberg.de/inst/chir/ernaehrungsamb_geschichte.html

Einlaufgeräte


Klistiere (4)

soimeme
 

 

"Teilweise mitschuldig an dieser Klistiermanie war der französische Königschirurg Ambroise PARÉ. Da die prophylaktische oder therapeutische Spülung in der Frühen Neuzeit keine Aufgabe eines Arztes oder Chirurgen, sondern des Apothekers war, weigerten sich schamhafte Damen, sich einen Einlauf verabreichen zu lassen. Paré sorgte für eine technische Innovation mit weit reichenden sozialen Folgen: er bog den zuvor geraden Griff altmodischer Klistierapparaturen einfach um und ermöglichte damit die nahezu uneingeschränkte Selbstmedikation" (Axel Karenberg, Wilhelm Fabry und die Geschichte der Verstopfung, in: Medizingeschichte in Schlaglichtern, Beiträge des „Rheinischen Kreises der Medizinhistoriker 2011, S.81).

 

Exponat

Vom Völser Flohmarkt stammt dieser Soi-même, den ich nur deswegen gekauft habe, weil er eine bizarre Punzierung trägt "Montelimar  PRADAT".