Amulette


Fraisenkette

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Die Freis oder Frais, vom althochdeutschen freisa „Not, Gefahr", rep. vom mittelhochdeutschen vreise ,Angst, Wut oder Schrecken" ist - wie Fluss, Gicht und anderes - ein volksmedizinischer Sammelbegriff für Krankheiten, die sich in heftigen, furchterregenden Krampf-Anfällen äußern wie Epilepsie oder Kinderkrampf, wobei nach der vermeintlichen Ursache oder nach den äußeren Symptomen - ähnlich wie beim Fieber -eine primitive Systematik versucht wird: „Reißende, rote, abtötende, zitternde, kalte, fallende, abtrennende, spreizende, stille, schreiende, wütende, geschwollene und gestoßene Fraiß" unterscheidet ein Fraisbrief aus Oberösterreich.

 

"Froaselnde" Säuglinge verdrehten die Augen und bekamen krampfhafte Zuckungen. heftige Krampfanfälle und schwindelige Bewegungen, die denen einer Schlange ähneln. Im Volksmund heißt es "in Froas fallen". Heute sagt man dazu "Convulsionen".

 

Häufigkeit

Relativ viele Kinder starben füher unter dem Bild von Krämpfen. Hier die Zahlen der Stadt Luxemburg für das Jahr 1875:

- im 1. Quartal 11 von 72 Kindern (Luxemburger Wort, 6. Aprl 1875).

- im 2. Quartal 4 von 58 Kindern (Luxemburger Wort, 8. Juli 1875),

- im 3. Quartal 14 von 65 Kindern (Luxemburger Wort, 30. Oktober 1875),

- im 4. Quartal 9 von 41 Kindern (Luxemburger Wort, 8. Januar 1876).

1875 waren insgesamt 38 von 236 = 6,21% der Kinder an Krämpfen gestorben.

 

Exponat

Unsere Kette besteht aus 23 Amuletten, die auf einem rot eingefärbten (allerdings stark ausblassten) Hanffaden aufgezogen sind. Die ungerade Zahl 23 ist typisch für diese Art von Ketten. Ursprünglich war die Schnur in kräftigerem Rot gehalten, der Symbolfarbe für die Abwehr der Fallsucht.

- 2 Kreuze: ein längliches aus Perlmutt, ein rechteckiges aus Messing,

- 3 Röhren-Knochen,

- 2 Totenköpfe (Holz),

- 1 Totenkopf (Metall) als Memento-Mori. Im Schweinhirn ist nach Mitteilung einer Bäuerin ein kleiner Knochen das „Schreckboanl“, es sieht fast aus wie ein Totenschädel, dieses unter den Kopfpolster gelegt, soll kleine Kinder vor dem nächtlichen Aufschrecken und vor Fraisen bewahren. Diesem Stein sind die kleinen Totenköpfe nachempfunden,

- 1 grüner Achat in einem "Silberdrahtkäfig" gefaßt,

- 1 Louis XVI-Sol-KupferMünze von 1785. Eigentlich erwartet man ein Heiligenild. Französische (und englische) Könige heilten Skropheln durch die "Königliche Berührung", den "toucher du Roy". Allein Louis XVI soll zwischen 1775 und 1795 an die 200.000 Kranke berührt haben, mit den Worten "Le Roi te touche, Dieu te guérisse" und ihnen ein Allmosen überreicht haben,

- 5 Natternwirbel. Im Lechrain bringt die „Atter“ alles mögliche Glück. Man kann sich mit ihrer Haut unsichtbar machen, namentlich die Zunge ist zauberkräftig (Leoprechting). Auch in Österreich spielen die „Hausadern“, die sich in Winkeln oder Kellern aufhalten, eine glückbringende Rolle. Sie erscheinen in zahlreichen Sagen, namentlich als gekrönte Natter und ihre abgelegte Haut besitzt heilende und zauberkräftige Wirkung (Vernaleken). Wahrscheinlich hat das zauberische Wesen, das man von alters her den Schlangen zuschrieb, sowie die Verehrung, die man ihnen zollte (Nehring), dazu beigetragen, dass man sie nicht nur volksmedizinisch, sondern auch ihre Wirbel als Amulett benutzte, gilt doch die Schlange als Hausbewohnerin schon als ein Unglück abwehrendes Mittel Grohmann, Jühling). Auch Rosenkränze werden von diesen Wirbeln gefertigt. Unter den verschiedenen Fraisbeten wird als besonders wirksam die aus den Wirbelknochen der Ringelnatter gebildete bezeichnet. Schmeller sagt (Bayerisches Wörterbuch 1, S.826): „Die Natter wird am Frauendreißigst* lebendig gefangen, in einem verschlossenen neuen Topf durch Hunger und Hitze getötet, und dann in einen Ameisenhaufen gelegt, damit durch diese Tierchen das Fleisch weggenagt wird. Eine solche „Beten“ unter den Kopf einer mit der Frais behafteten Person gelegt, hat heilsame rettende Kraft".

*Die Zeit zwischen dem "großen Frauentag" (Mariae Himmelfahrt am 15. August) und dem "kleinen Frauentag, (Mariae Geburt am 8. September).

- 1 Rosenquartz-Kristall (spitzer männlicher). Obwohl heutige Kristalle meist aus Übersee importiert Ware sind, kommt der Stein auch bei uns vor, insbesondere in der Oberlausitz. In der Volksmedizin drückte man einer Gebärenden einen Rosenquarz in die Hand. Bereits im Mittelalter wurde der Rosenquarz als Heilstein eingesetzt, da sich der rosafarbene Quarz positiv auf die Schlafqualität auswirken soll – wohl daher finden wir ihn hier in der am Bett des Säuglings angebrachten Fraisen-Kette …

- 2 ringförmig gebogene sog. Kreuz-Nägel. Eisen galt wegen seiner Stärke als Mittel gegen Zauber und seine magnetischen Eigenschaften umgaben das Metall mit einer geheimnisvollen Aura – der Nagel bringt Glück, aber nur, wenn man ihn zufällig findet,

- 1 Joseph mit Jesuskind, Zinnfigur. Joseph war Schutzpatron von Tirol, der Steiermark, Kärnten und Vorarlberg - was dem Verbreitungsgebiet der Amulette entspricht,

- 2 Obst (Zwetschgen?)-kerne,

- 1 grüne Glasperle (sog. Waldglas),

- 1 Wassernuß (Trapa natans), Spitzname Jesuitenmütze oder Teufelskopf. Auf Draht montierte Nuß, vermutlich Perle eines alten Rosenkranzes (cf. Klostermuseum Scheyern). Die Wassernuß wurde seit der Jungsteinzeit als Speise gesammelt. Die heute in Oberösterreich als ausgestorben geltende Art kam noch bis vor wenigen Jahrzehnten vor in Schlossteichen oder ähnlichen Gewässern, wie etwa in Hartkirchen unterhalb der Ruine Schaunburg (OÖ) oder im Teiche bei Schloss Neuhaus nächst Geinberg (OÖ) – die Nuss war einst Lieblingsspeise der Schwäne! Die nach Edelkastanien schmeckenden Samen wurden noch im 19. Jahrhundert wie Kartoffeln in Salzwasser gekocht, gebacken oder auch wie Kastanien geröstet. Geschätzt als Amulett, Sympathiemittel, als Heilmittel, Kaffee-Ersatz, zur Schweinemast (!) und als Mehl zum Brotbacken. (cf. Pharmaziemuseum Brixen. Es besitzt eine Fraisenkette, die ganz aus diesen Wassernüssen hergestellt wurde

 https://www.facebook.com/museofar/posts/1302216026527310:0).

 

Erworben von einem privaten Sammler in Weilheim / Oberbayern (11/2017). Keine Angaben bzgl. Alter und exakte Provenienz.