Chirurgie


Aderlasslanzette (4)

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Der bis ins frühe 20. Jh. durchgeführte Aderlaß fußte noch ganz auf der antiken Vorstellung von 4 Säften, deren Gleichgewicht wieder herzustellen zu den wichtigsten Aufgaben des Arztes zählte. Besser gesagt: die Ärzte "ließen" das Gleichgewicht wieder herstellen. Denn sie gaben nur den Rat, ihn umsetzen "durften" die örtlichen Bader. Da sich die Bader in Seuchenzeiten allzuleicht an den Kranken und ihrem Blut infizierten, stellten die Städte im 16. Jh. - für teures Geld - für die Zeit der Pest einen sog. "Totenlässl" ein, der die (Tod-)Kranken behandeln und zur Ader lassen sollte.

 

Exponat

Lanzette mit Schildpatt-Heft (Fassung / Schale; frz. châsse) aus dem Hause CHARRIÈRE, welches den europäischen Markt von 1822 bis 1866 belieferte. (Verein Deutscher Ärzte, Universal-Lexicon der practischen Medicin und Chirurgie, Leipzig 1840 S.353). 

 

Seit dem Washingtoner Artenschutz-übereinkommen von 1973 ist der Handel mit Schildpatt (frz. écaille de tortue) verboten.

 

Primär waren diese Lanzetten zum Aderlass gedacht. Als JENNER die Impfung mit Kuhpockenlymphe 1796 einführte, wurde aus diesen Lanzetten auch Impflanzetten. Ob als Aderlassmesser oder als Impfmesser benutzt, wir wissen es nicht.

 

Ein emblematisches Objekt

Die Lanzette wurde zum emblematischen Instrument für den Berufsstand der Chirurgen. So wurde nach ihr zwei große medizinische Zeitschriften benannt:

- am 5. Oktober 1823 erschien die erste Nummer der noch heute topaktuellen englischen Zeitschrift "The Lancet".

- in Paris erschien ab 1828 die "La lancette française, gazette des hôpitaux civils et militaires", die bis 1915 unter dieser Bezeichnung erschien und sich von der Zeit an "Gazette des Hôpitaux" nannte (1972 eingestellt).

Chirurgie


Aderlasslanzette (5)

SIRHENRY rechts
 

 

In seiner Fabrik in Bougival bei Versailles schmiedete Charles-Louis SIRHENRY aus Besançon, "aciériste et coutelier de la Faculté de médecine de Paris et de l'Hôtel des Invalides", um 1824 Säbel aus Damaszenerstahl für die Armee und Klingen für die Herren Chirurgen.

 

Ein Vorzeigebetrieb: "L'infant don Miguel a visité, lundi 26 juillet, la fabrique de damas français du sieur Sirhenry, située à Bougival, route de Saint-Germain, et lui a commandé plusieurs objets, tels que sabres, couteaux de chasse et épées, et autres pièces de coutellerie de son acier; S.A.R. a paru prendre beaucoup d'intérêt à son établissement, puisqu'il lui a fait espérer de l'honorer d'une seconde visite" (Le moniteur universel 1824, Bd. 73 S.1076).

 

 

Sein Geschäft aber befand sich in Paris, 4 rue de l'Observance, später place de l'Ecole de Médecine.

 

1822 Premier prix (médaille d'or) der Société d'encouragement

1823 Prix Monthyon

1823 und 1827 Silbermedaille der Jury der Exposition des produits de l'Industrie francaise.

1825 Brevet als "Fournisseur du Roi"

 

Hergestellt wurden sie von Messerschmieden, die ihre Punze auf das Messerchen schlugen:

       - Guillaume VIGNERON aus Paris mit einem Laden auf (!) dem Pont Saint-Michel, dessen Messerchen in Jenbach ausgestellt sind, erst 1807 verschwanden auf besagter Brücke die letzten Häuser – auf dem Ponte Vecchio in Florenz und der Rialtobrücke in Venedig sind die gottseidank stehen geblieben.

       - Thomas RAYE aus Liverpool, dessen Perlmutt-Lanzette hier ausgestellt ist,

       - Charles-Louis SIRHENRY aus Besançon, der in seiner Fabrik in Bougival bei Versailles ab 1814 Säbel aus Damaszenerstahl für die Armee und Klingen für die Herren Chirurgen schmiedete.

       - Joseph-Frédéric CHARRIÈRE aus dem schweizerischen Cerniat/Freiburg, der ab 1821 in Paris auf eigene Rechnuung niedergealssen war - seine Schildpatt-Lanzette hier ausliegt.

Die Hersteller brillierten mit Titeln wie

- aciériste et coutelier de la Faculté de médecine de Paris et de l'Hôtel des Invalides (Sirhenry)

- coutelier de la Chambre des Pairs (Sirhenry)

- coutelier des Hôpitaux de Paris (More

- Fournisseur titulaire de la Faculté de Médecine de Paris, des Hôpitaux civils et militaires, des Ministères de la Guerre, de la Marine et de l'Intérieur (Charrière).

 

 

Literarisches Denkmal

In Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1829) schwingt der angehende Wundarzt Wilhelm geschickt die Lanzette und rettet das Leben seines ohnmächtigen Sohnes: "Entseelt scheinend lag der holde Jüngling im Schiffe, und nach kurzer Überlegung fuhren die gewandten Männer einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Fluß gebildet hatte. Landen, den Körper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war eins. Noch aber kein Zeichen des Lebens zu bemerken, die holde Blume hingesenkt in ihren Armen! Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu öffnen; das Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlängelnd anspielenden Welle vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder; kaum hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit, die Binde zu befestigen, als der Jüngling sich schon mutvoll auf seine Füße stellte" (3. Buch, 18. Kapitel).

 

 

Exponat

Die beiden Lanzetten rechts im Bild mit ihren Griffen aus Horn stammen aus der Werkstatt von SIRHENRY, die Lanzette links mit Schildpattgriff ist unleserlich gepunzt. Das aus Schildpatt verfertigte Heft besteht aus zwei Blättern, die durch einen, über Rosetten vernieteten Stift mit der Klinge vereinigt sind.

Herkunft: Garons / Nîmes

 

Offenbar schmeckt Horn den Mäusen! Lohnt sich eine Restaurierung  (Auffüllung der Defekte mit Hartwachs)? Wohl kaum.

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Aderlasslanzette 6

 

 

Fliet (dtsch. Flieth, Fliete; frz. flamme) nach dem lateinischen "flebotomum" ist das Aderlass-Messer mit dem die Bader im Mittelalter den Aderlass durchführten.

 

Exponat

Das vorgestellte Aderlassmesser besitzt zwei unterschiedlich grossen Klingen, die in einem Etui aus Horn versenkt werden konnten [man beachte die FrassSpuren der Kleidermotte (Tineola bisselliella) als Aussparung im Schatten rechts unten).

Keine Herstellerangabe.

 

Bei solchen Objekten kommen Zweifel auf, ob human- oder veterinär- medizinisch. Sei's drum, vermutlich mal für Mensch, meist aber für Tier...
cf. Dr. Gordon Dammann, Pictorial Encyclopedia of Civil War Medical Instruments and Equipment, 1983, Volume 1, page 38.

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Aderlasslanzette (7)

Deutschland, um 1850 

 

Zum Vergleich zeigen wir hier ein 4-blättriges, tierärztliches Besteck mit 2 Aderlassmessern (rechts) und zwei Messern zur Pflege der Klauen bei Rind und Schwein. Es ist deutlich grösser und grober gearbeitet. 

 

Messing, Eisen.

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Aderlass, Hammer (8), veterinärmedizinisch

Hammer

 

 

    Um den Schnepper in die derbe Haut der Haustiere einzubringen, brauchte es brachiale Gewalt. Prockeln bereitete dem Tier unnütz Schmerzen. So erfand ein Tierfreund den "Hammer" (engl. "bloodstick" oder "fleamstick"), mit dem die Klinge mit einem kurzen Schlag in die Haut und die darunterliegende Vene vorgetrieben "geschlagen" wurde.


"The bloodstick is an essential accessory for the fleam as it was used to drive the chosen blade" (A. Peck).

 

Exponat

Der hier gezeigte, 31 cm lange Hammer wurde 2004 auf einem Trödelmarkt in Ceillac in den französischen Alpen erstanden.

 

Links
antiquescientifica.com/archive48.htm
www.scienceandsociety.co.uk/results.asp?txtkeys1=Fleam

Chirurgie


Alaunstein, Transportdose

Alaun Dose
 

 

  Ungezählte Nassrasierer haben sich über Jahrhunderte des Alaunsteines bedient, um ihre allmorgendlichen Blessuren zu behandeln. Alaun hat die gewünschte, stark zusammenziehende (adstringierende) Wirkung!    Aufgetragen auf kleine blutende Wunden zieht er das Gewebe zusammen und die Blutplättchen können die Wunde schneller schließen. Während es früher üblich war, einen kompakten Block aus Alaun auf Wunden zu halten, nimmt man heute eher einen Alaunstift. Am häufigsten wird er nach der Nassrasur eingesetzt sowie beim Trimmen und der Krallenpflege von Haustieren. Der Stift lässt sich auch als Deodorant einsetzen, da Alaun das Bakterienwachstum behindert. Ein Nachteil ist das Brennen der Haut, das durch die Wirkung des Alauns hervorgerufen wird.

 


Zusammensetzung
Verbreitet sind Alaunstifte auf Basis von Kalialaun, KAl(SO4)2·12 H2O. Oft werden andere Salze zugesetzt, um eine geeignete Konsistenz zu erzielen. Ein klassisches Rezept verwendet 70 Masseprozent Kalialaun, 9 % Aluminiumchlorid und je 7 % Eisen(II)-sulfat, Kupfersulfat und Zinksulfat. Die Salze werden gemischt, aufgeschmolzen und in Stiftform gegossen. Im Handel sind auch Stifte aus 11 % Kalialaun und 89 % Aluminiumsulfat.

 

Exponat

4.7 x 3.2 x 1.8 cm großes Metalldöschen mit passendem Alaunblock, erstanden 3/2017 auf dem Trödelmarkt von Völs.

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Aetzstift (1)

Zwei unterschiedliche Modelle 

 

     Ab 1800 wurde kaum noch gebrannt, dafür umsomehr geätzt. Beliebt war der sog. Höllenstein, der, wie der Name bereits andeutet, alles "teuflische" wegbrennt. Als man noch den Stein der Weisen (lapis philosophorum) suchte, war es gängig, "Steine" in dieser Weise zu bezeichnen:

- Lapis Lazuli (Lazurstein, Schmuck- u. Siegelstein).

- Lapis causticus (Seifenstein, Ätznatron oder -kali (NaOH, KOH)).

- Lapis infernalis (Höllenstein, Silbernitrat).

(Aus Robert Wolf, Die Sprache der Chemie, Zur Entwicklung und Struktur einer Fachsprache, Dümmler Verlag Bonn, 1971).

 

Herstellung des "Lapis infernalis" im Labor
Der chemische Stoff Silbernitrat (argentum nitricum, englisch: silver nitrate) AgNO3 wird hergestellt, indem Silber in konzentrierter Salpetersäure aufgelöst wird:
3Ag + 4HNO3 --> 3AgNO3 + 2H2O + NO.

 

Das dabei entstehende Stickstoffoxid (NO) geht bei der Berührung mit der Luft in rotbraunes, giftiges und stechend riechendes Stickstoffdioxid (NO2) über. Silbernitrat ist ein starkes Oxidationsmittel. Es kann organisches Gewebe angreifen, wobei Silberionen zu elementarem Silber reduziert und das organische Material oxidiert wird. Silbernitrat bildet farblose, tafelförmige Kristalle, kommt aber auch als weisses, kristallines Pulver in den Handel. Silbernitrat ist eine kristalline Verbindung, die beim Auflösen von Silber in Salpetersäure entsteht. Es ist sehr leicht löslich in Wasser und Ethanol: Schmelzpunkt bei 209°C; bei Erhitzen auf etwa 440°C erfolgt Zersetzung unter Abscheidung von metallischem Silber und Abgabe nitroser Gase. Es muss gut verschlossen und vor Licht geschützt in braunen Glasflaschen gelagert werden, da bereits geringe Staubmengen ausreichen, um Silbernitrat unter Lichteinwirkung zu feinverteiltem Silber zu reduzieren. Sehr reines Silbernitrat ist dagegen nicht lichtempfindlich.

 

Verwendung
Silbernitrat flockt Eiweiß unter Bildung von Silberalbuminat aus. Bei Hautkontakt bilden sich daher rasch schwarze Flecken - die vermutlich zu dem Namen "Höllenstein" führten. Das Silbernitrat frass nicht nur überstehendes Gewebe, sog. "Wildes Fleisch", sondern auch den Stift, in den er eingelassen war, insbesondere die Lötstellen. Daher die zunehmende Verwendung von Holzfassungen.
Silbernitrat wurde früher zur Behandlung der Epilepsie (Fallsucht) benutzt und führte in einer chemisch-toxischen Dose gegeben zu bleifarbener Hautpigmentierung, der sogenannten Argyrie. Früher war Silbernitrat in Form von Pillen in der Behandlung des Magengeschwürs (Ulkus ventriculi und duodeni) gebräuchlich und der im Ersten Weltkrieg verstorbene Paul Ehrlich fügte Silberatome dem ersten Mittel gegen die Geschlechtskrankheit Syphilis - dem arsenhaltigen Salversan - bei, welches er Silbersalversan nannte. Höllenstein wurde früher hauptsächlich zur Prophylaxe von Tripper (der bei der Mutter vorgelegen haben könnte) Säuglingen kurz nach der Geburt in die Augen geträufelt, was wahrscheinlich höllisch weh tat (Höllenstein). Man nannte dies auch die CREDE`sche Prophylaxe. Die möglicherweise nachfolgende, "chemische" Konjunktivitis mit z.T. massiver eitriger Sekretion war nicht selten und bedeutete oft eine erhebliche Irritation des Kindes und eine Beunruhigung der Mutter. Die Credé´sche Prophylaxe mit Silbernitrat verhinderte nicht die Konjunktivitis durch andere Erreger wie Staphylokokken oder Haemophilus influenzae oder Chlamydia trachomatis, sondern wirkte nach schulmedizinischer Auffassung lediglich gegen Gonokokken.

 

Exponat

Die beiden hier vorgestellten Stifte stammen aus der "Metzer Wunderkiste"

 

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Aetzstift (2)

 

 

  Silbernitrat (Argentum nitricum) ist ein starkes Oxidationsmittel. Es kann organisches Gewebe angreifen, wobei Silberionen zu elementarem Silber reduziert und das organische Material oxidiert wird. Stäbchen aus Silbernitrat + Kaliumnitrat kommen als "Höllenstein" zum Einsatz, beispielsweise zum Entfernen wuchernden Gewebes oder zum Verätzen von Warzen. Stäbchen aus Silbernitrat + Kaliumnitrat kommen als "Höllenstein" zum Einsatz, beispielsweise zum Entfernen wuchernden Gewebes oder zum Verätzen von Warzen.

 

In der Dermatologie wird Silbernitrat als Umschlag mit einer 0,1-5%igen Lösung verwendet und als Augentropfen (0,5 - 1,0%ig) zum Schutz vor Erblindung bei Neugeborenen bei einer mutmaßlichen Ansteckung der Mutter mit Gonorrhoe benutzt. In der Medizin kommt Silbernitrat ferner eingesetzt als Antiseptikum und Adstringens (als 0,5%ige Lösungen zur lokalen Behandlung).

 


Uns interessiert hier die ätzende Wirkung des Höllensteins, die Anwendung findet bei der Behandlung von Hautwucherungen, Geschwüre und Warzen.

 

 

Ende des 18., Anfang des 19. Jh. waren die Stifte in eine Haltevorrichtung aus Silber eingelassen – das Ganze schaute aus wie ein Bleistift: 10 cm. Länge, mit Schraubverschluss. Später tat es eine Haltevorrichtung aus Holz - neuerdings Plastik.

 

Exponat

Der hier vorgestellte Höllensteinstift der Fa. Braun/Melsungen ist in eine Halterung aus Holz eingelassen und stammt aus dem Nachlass des Kollegen Camille GLAESENER (1887-1952) aus Luxemburg-Limpertsberg.

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Aetzstift (3)

Ätzstift Kupfersulfat
 

 

Kupfer kommt in unsern Apotheken in 3 Verbindungen vor:

- als (schwarzes), wasserunlösliches Kupfer-II-oxyd (CuO) (Pulver oder Pillen)

- als Kupfersulfat (CuSO4) (blauer oder Kupfer-Vitriol) ("crudum" als Ätzsift, "rein" als Brechmittel, "ophthalmicus" als Augen- resp. Wundstein, als "Vitriolsalmiak").

- als Grünspan (Kupfer(II)-acetat), als "emplastrum".

 

Kupfersulfat gehörte zu den Lieblingsmitteln des Paracelsus. Metallsulfate, die Vitriole, waren in der Paracelsuszeit normale Handelsartikel. Erhältlich waren grüner Vitriol (Eisensulfat), blauer Vitriol (Kupfersulfat), weißer Vitriol (Zinksulfat) und natürliche Mischungen aus dem Bergbau. Beim Brennen der Vitriole entstehen zunächst basische Sulfate, dann schwefelfreie Oxide. Paracelsus verwendete besonders den Crocus Veneris (Cu2O), der seit der Antike durch Kochen von Kupfersalzen mit Honig hergestellt wurde ("ägyptische Salbe").

 

Zu den Ätzstiften

Einen Ätzstift herzustellen war ein kompliziertes Unterfangen: "Bereitung von Aetzstiften aus Kupfersulfat. Von W. Weber, Apotheker in Lich. Das Bereiten von Aetzstiften aus Kupfersulfat nach der Methode von W. Steffen in Homburg (Arch. d. Pharm. 11. Bds. 6. Heft) hat seine Schwierigkeiten; wenigstens gelang es mir mit kleineren Mengen Kupfersulfats nicht, eine solche Schmelzung zu bewerkstelligen, dass aus der Masse, gleich einer Plaster- oder Pillen-Masse, Stifte geformt werden konnten. Der Vitriol wird bei dem gelindesten Feuer nur feucht, bleibt aber stets bröcklich und zerfällt schliesslich zu einem weissen Pulver. Nur beim Erhitzen grösserer Quantitäten des Kupfersulfats gelingt es, eine einigermaassen geeignete Masse zu erzielen. Sicher gelingt die Herstellung schöner Stifte, wenn man das durch Erhitzen von feinem Krystallwasser befreite Kupfersulfat zur Bereitung benutzt. Hiernach bringt man den im Trockenschrank verwitterten Vitriol in eine kleine Porzellanschaale und erhitzt mittelst einer Wein- geistlampe unter Umrühren solange, bis auch das letzte Atom Wasser vertrieben ist. Ist dies der Fall, so hat das vorher leicht bewegliche feine Pulver in der erhitzten Schaale seine Leichtigkeit verloren und fällt nun beim Umrühren schwer zusammen. In diesem Zustande ist das Sulfat fast weiss und zur Bereitung der Stifte geeignet. Nun macht man sich aus gutem Filtrirpapier über einem runden Bleistift oder einer Glasröhre von solcher Dicke, als man die Stifte haben will, durch 3 bis 4 maliges überrollen Hülsen, deren untere Oeffnung man zudreht und deren obere Endecke man mit ein wenig Harz festheftet. Das Ende seiner ganzen Länge nach mit Gummi anzuheften, ist nicht zu rathen, weil hierdurch später das Eindringen des Wassers nur ungleich erfolgen kann, wodurch die Stifte krumm werden. In diese Hülsen füllt man nun das trockne Kupfersulfat ein und bewirkt durch wiederholtes Aufstossen der Hülse ein festes und gleichmässiges Setzen des Pulvers. Das Stopfen mit einem Glasstabe ist ebenfalls nicht anzurathen, weil dadurch dichte und weniger dichte Schichten entstehen, die nach der Erhärtung Brüche veranlassen. Die oberste Lage drückt man etwas fest und schliesst nun die Hülse auch oben durch Zusammendrehen des mit Kupfersulfat nicht gefüllten Theiles der Papierhülse mit den Fingern. Die so präparirte Hülse rollt man in ein entsprechend grosses Stückchen alte Leinwand ein, welche man vorher mit Wasser getränkt und mit der Hand wieder fest ausgedrückt hat, mit der Vorsicht, dass das in der Hülse festgestossene Pulver keinen Bruch erleidet. Das entwässerte Kupfersulfat saugt mit grosser Begierde das Wasser durch das Filtrirpapier ein, um dasselbe zu binden und mit demselben gleich gebranntem Gyps fest zu werden. Nachdem die gefüllten Hülsen in der feuchten Leinwand 3 bis 4 Stunden oder auch über Nacht ruhig gelegen haben, hat das entwässerte Kupfersulfat wieder sein sämmtliches Krystallwasser ersetzt. Die Stifte werden nun herausgenommen, sind vom Wasser vollständig durchdrungen und brauchen nur, im Falle sie durch Mehraufnahme von Wasser weich geworden sind, etwas getrocknet zu werden, um ihnen diejenige Härte zu geben, die man von Aetzstiften verlangen muss. Meistens wird dies schon beim Liegen in Zimmertemperatur rasch herbeigefiihrt. Nun lassen sich dieselben theilen und nach Belieben mit einem Messer zuspitzen" (Internet).

 

Exponat

Vorgestellt wird ein apothekenfrischer Ätzstift mit einer Kupfervitriolspitze (Cuprum sulfuricum, vitriolum cupri). Das Pharmaziemuseum Peer in Brixen besitzt ein rundes Pulver-Schächtelchen (Inv. Nr. 04592) mit einer ähnlichen Kupfervitriol-Spitze aus dem 19. Jahrhundert "Aus Kupfersulfat und einigen Tropfen Wasser unter Einwirkung von Hitze geformter Ätzstift".

 

Geschenk von Herrn Mag. Dr. Andreas Winkler, dessen Vorfahren Apotheker in Innsbruck waren.

Chirurgie


Amputationskasten

Stodart
Stodart
Stodart
Stodart
Amputationskasten von Stodart, frühes 19. Jahrhundert 

Das Geschenk meiner Familie zu meinem 70ten!

 

Antike Schlachten wurden mittels Totschlag, Hieb-, Stich und Schnittverletzungen entschieden. Spätestens seit Einführung der Schießpulverwaffen im 14. Jahrhundert aber gehörten wüste Trümmer- und Zerreissungsverletzungen zum traurigen Bild auf den Schlachtfeldern - gehörte das Absetzen von Gliedmaßen zu den wichtigsten Eingriffen in der Kriegschirurgie.

Als OP-Tisch diente oft eine aus den Angeln gehobene Tür. Zwei Assistenten waren nötig, den Patienten zu fixieren – die Anaesthesie wurde erst 1847 erfunden. Operationssaal war oft "Mutter Natur", weil es vor dem Hause hell und belüftet war … Neben dem Tisch brannte ein Feuer, in dem der Kauter glühte!

Kasten (Mahagoniholz) mit rotem Stoff (seltener blau) ausgeschlagen. Messingbeschläge.

Hersteller: Fa. Stodart, ein Familienunternehmen zur Herstellung von Rasierklingen und chirurgischen Instrumenten, das 1787 von James Stodart (1760-1823) begründet wurde und 1839 ein letztes Mal nachweisbar ist mit seinem Sohn David Stodart (1779-1840) (cit. Bennion). Sitz der Firma 401 The Strand in London. Interessant ist die Zusammenarbeit von Michael Faraday (1791-1867) in der Zeit von 1818 bis 1822 mit James Stod(d)art bei der Verbesserung der Stahlqualität. Indem sie Silber beimischten, erzeugten sie einen bruchsicheren Stahl.

Lit.: James Stodart and Michael Faraday, On the Alloys of Steel, Philosophical Transactions, 112(1822).

Nach Paul und John-Henry Savigny war er der führende Hersteller von Instrumenten im UK.

***

Kommt der Chirurg zum Messerschmied und stellt sich seinen Kasten zusammen, nach seinem Geschmack, seinen Vorlieben. Man bespricht die Anordnung der Instrumente in dem künftigen Kasten, ein Vertrag wird unterschrieben, der Chirurg kommt nach 4 Wochen zurück, zahlt und macht sich auf die Reise …

So kommt es, dass keine zwei Kästen wirklich identisch sind.

***

In unserm Kasten, einer Kombination von Amputation- und Trepanation-kasten, finden wir den klassischen Inhalt - im Gegensatz zu den "Grossen Kästen", die sich eher an Bord von Kriegsschiffen befanden, finden wir keine Instrumente zur zahn- und augenärztlichen Versorgung :

1.     Kugelzange "bullet extractor" zum Fassen von Fremdkörpern in der Tiefe der (mit blossem Finger ausgetasteten) Wunde. Konnte die (runde) Musketenkugel (die spitze Minié-Kugel wurde erst nach 1840 erfunden) nicht gefunden werden, wurde amputiert. Die Kugel galt als hochinfektiöser Fremdkörper, der unweigerlich zur tödlichen Infektion geführt hätte. Die Kugeln wurden früher mit Schmalz oder Bienenwachs eingerieben, im irrigen Glauben, dass dadurch die Zielgenauigkeit grösser würde. Daraus resultierte eine Verunreinigung der Wunde durch die Schmauchspur. Nur die Amputation gewährleitete die wirkliche Reinigung der Wunde. Auch Knochensplitter und Kleiderfetzen mussten aus der Wunde herausgezogen werden, da Schusswunden nicht ausreichend bluten, um eine Wunde zu reinigen

(http://www.youtube.com/watch?v=9MXeyXCA6SQ).

2.     Tourniquet (Ergänzung) – im Prinzip 1674 eingeführt. Ein gezielter Fingerdruck auf die Hauptgefässe leistete den gleichen Dienst und führte vermutlich zu weniger Nervenschäden …

3.     Messer mit einseitiger Schneide "Liston knife", besonders bei der "zirkulären" Methode angewandt (Ergänzung). Die ersten Messer waren halbmondfürmig, nachdem Liston und Syme um 1825 gerade Messer bevorzugten, wurden sie zunehmend gerade.

4.     Messer mit doppelseitiger Schneide ("catlin"), wurden im Raum zwischen zwei Knochen und bei der "flap"-Methode eingesetzt. (Ergänzung). Durchschnittliche Länge dieser Messer 6-8 inches.

5.     Grosse Säge, "Capital-Säge"

6.     Kleine Säge "Metakarpal-Säge"

7.     Tenaculum, ein Haken, mit dem die grossen Gefässe zwecks Ligatur vorgezogen wurden, auch als Wundhaken benutzt.

8.     Zwirnrolle.

9.     Rongeur zum entschärfen der Knochenränder (Ergänzung)

10.  Skalpell

11.  Trephine (2), Griff getrennt

12.  Hebel mit Holzgriff (Knochenheber?)

13.  Bürste "bone-brush", zum Entfernen von Knochenstaub.

14.  Langer Metallkatheter

15.  Pinzetten (2): eine breite, eine Spitze.

16.  Troicars (2) zum Drainieren von Abszessen

Nicht vorgesehen war ein Knochensäge nach William Hey (1736-1819). Ebenfalls nicht vorgesehen waren Klemmen - die von Péan wurde erst 1862, die von Kocher erst Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Es finden sich keine Verbrennungsspuren an den Instrumenten: unser Chirurg benutzte seine Eisen kalt. Andere zogen vor, ihre Messer und Sägen zur Rotglut zu bringen, nicht um sie zu sterilisieren (diesen Begriff gab es damals nicht), sondern um eine schnelle Blutstillung aus kleinen Gefässen zu erreichen.

Chirurgie


Amputationsmesser, (1) gerade

 

Im alten Griechenland wurde nur bei Gangrän amputiert. Später, bei CELSUS, finden wir die Amputation "im Gesunden".

 

Der aus Ecclesmachan in Schottland stammende Chirurg Robert LISTON (1794-1847) war an der Royal Infirmary tätig, wo er ebenfalls Sektionen durchführte. 1818 wurde er Dozent für Anatomie und Chirurgie an der Edinburgh School of Medicine, 1827 Chirurg an der Königlichen Krankenanstalt (Royal Infirmary) und 1835 (bis zu seinem Tod 1847) Professor für klinische Chirurgie am University College in London.

 

LISTON war berühmt für seine Schnelligkeit beim Operieren. Er entfernte das bei einem Unfall zertrümmerte und schließlich - bei den damaligen Hygieneverhältnissen in den Kliniken nicht verwunderlich - von einer Wundinfektion zerfressene Bein eines Butlers namens Frederick Churchill in einer rekordverdächtigen Zeit von 25 Sekunden - der nicht uneitle Starchirurg hatte meist einen Assistenten an seiner Seite, der die Zeit maß. 25 Sekunden stellte damals eine normale Operationszeit dar; so wurde über Dominique-Jean LARREY (1766-1842), den Leibarzt Napoleons berichtet, dass er über 200 Amputationen an einem Tag vornehmen konnte. Heute dauert eine Unterschenkelamputation vom Hautschnitt bis zum Ende der Hautnaht in der Regel zwischen 25-60 Minuten (je nach Übung des Operateurs). "Fastest Knife in the West End" – 2 ½ Minutenen vom ersten Schnitt bis zur letzten Naht für die Amputation eines Beines. Eine Schnelligkeit, die ihren Tribut forderte:

Er hielt es für einen Abszess und schntt rein – es war ein Aneurisma und der Patient verblutete.

Er sollte nur das Bein amputieren und kastrierte so nebenbei den Mann. 

Er schaffte es bei einer einzigen Operation gleich drei Personen umzubringen:

- den Patienten, der zwei Wochen nach dem Eingriff an Sepsis starb,
- seinen Assistenten, dem er mehrere Finger abschnitt - infolge der Verletzung starb  der Assistent an Sepsis,
- einen Helfer, dem er mit dem Amputationsmesser versehentlich in den Leib schnitt - dieser starb vor Schrecken, heisst es.

 

Schnell, ja. Aber auch mit der Einführung der Narkose ist sein Name verbunden: am 21. Dezember 1846 wandte er in London im Operationssaal erstmals die Äthernarkose an. Der wirkliche Fortschritt aber bestand nicht in der Entwicklung des xten Messers, sondern in der Verbesserung der Operationsbedingungen, der Einführung der Keimfreiheit ! Diese Entwicklung aber vollzog sich erst eine Generation nach LISTON...

 

Um 1861-65 endeten noch 50% der von dem Chirurgen Joseph LISTER (1827-1912) durchgeführten Amputationen tötlich. Als PASTEUR 1865 nachwies, dass Bakterien die Ursache für diese katastrophalen Ergebnisse waren, gehörte LISTER sofort zu den begeisterten Verfechter der Antisepsis ... 1867 konnte er stolz berichten, dass in den vergangenen 9 Monaten in seiner Klinik niemand mehr an Sepsis verstorben war.

 

 

Exponat

Vorgestellt werden zwei Amputationsmesser nach LISTON mit einer Schneidklinge, die sich auf den Messerrücken fortsetzt.

Stempel: "Hilliard", ein Fabrikant aus Edinburgh, Nicolsonstreet 7 - der Heimat LISTON's. Harwey Hilliard (der zuvor in Glasgow gearbeitet hatte) blieb an dieser Adresse von 1850 bis 1885, bevor der Betrieb von seinen Söhnen verlegt wurde und die Gravur sich änderte. Ebenholzgriff mit Rastermuster (im Französischen "manche guilloché" genannt).

Herkunft der Messer : Northallerton, North Yorkshire, United Kingdom.

Messer
Gravur

Chirurgie


Amputationsmesser (2), gebogenes

Messer 1
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses gebogene Amputations-messer entstammt den Zeiten, als es noch keine Vollnarkose gab, die den Namen verdient hätte, und Schnelligkeit Trumpf war.

 

Die Amputation wurde möglichst mit nur einem Schnitt, ohne das Messer Abzusetzen, durchgeführt:

- mit dem "coup de main" wurde in einem Rundschnitt die Haut,

- in einer zweiten Drehung wurden die Muskel, Sehnen und Gefässe (Adern, Nerven) durchtrennt: der sog. "tour de force"

 

Diese Technik verlangte ein Topmesser, mit einer optimal geschliffenen Klinge. Da beim "tour de force" die Klinge regelmässig über den Knochen ratschte, wurde sie bei jeder Amputation stumpf. Man erzählt sich, dass dabei schon mal 20 Minuten ins Land gingen, um die Klinge wieder in Form zu bringen: die Messer galten danach als die schärften der Welt ...

 

Da auf dem Schlachtfeld für solche Schleiferei keine Zeit war, führten die Chirurgen schon mal 6 bis 10 Messer mit sich rum. Die gebogenen Messer stammen aus den Zeiten von Ambroise PARE und SCULTETUS. Im 19. Jahrhundert zog man dann allmählich gerade Messer vor, mit denen man leichter den V-förmigen Einschnitt durchführen und Fleischlappen bilden konnte, die einen schöneren Stumpf ergaben.

 

Zum Messer:

Zwinge (frz. mitre) aus Messing, Griff aus Ebenholz. Länge der Klinge über die Biegung abgegriffen 20 cm, Länge des Griffes 11 cm.

 

Zum Hersteller

Man kennt von diesem Monier in Pouvourville eine Reihe von Messern - und sonst nichts. Auf Nachfrage bei Lokalhistorikern bekommt man die Auskunft, es habe in diesem Dorf nie irgend einen Hersteller von Messern oder Scheren gegeben, wohl eine Familie Monier. So könnte die Gravur "Monier Pouvourville" sich nicht auf einen Hersteller, sondern einen Benutzer (Chirurgen?) beziehen. Das folgende HG bedeutet vermutlich Haute Garonne: Pouvourville liegt in diesem Departement, nicht weit von Toulouse entfernt.